Da sitzt man mal einen Tag mit dem Notebook am Wasser und arbeitet geduldig, bewusst ohne UMTS-Stick, um sich nicht andauernd über Zensursula aufzuregen, und was passiert?
Nur scheiße!
Die Deutsche Kinderhilfe ist mir schon länger ein Begriff. Besonders DIE WELT schreibt den Laden immer wieder kaputt und um es mal kurz zusammenzufassen: Einigkeit besteht nur insofern, dass die Deutsche Kinderhilfe mit Kindern nur vom Namen her etwas zu tun hat. Über alles weitere herrscht Unklarheit: mancher hält die Deutsche Kinderhilfe für ein reines Geschäftsmodell, dem die Gemeinnützigkeit zu Recht aberkannt wurde, andere erkennen darin eine Organisation, die der Bundesregierung nahesteht.
Es klingt fast wie ein Mafiakrimi. Nur mit dem Unterschied, dass es sich nicht nur in der Realität, sondern geradezu vor unserer Haustür abspielt. Leider wendet sich so mancher an dieser Stelle ab und hält alles für paranoides Gelaber. Schön wär’s.
Der Spiegelfechter hat noch ein paar Interessante Aspekte gesammelt:
Die „Deutsche Kinderhilfe“ wirkt eher wie eine konservative Vorfeldorganisation der CDU, denn wie ein gemeinnütziger Verein, dem es um das Wohl der Kinder geht. Leider wird sie in den Medien immer wieder als neutrale Rückendeckung für CDU-Positionen zitiert. So war es auch die Kinderhilfe, die dem pöbelnden JU-Vorsitzenden Philipp Mißfelder Schützenhilfe gab, als dieser Hartz IV-Empfänger pauschal als Alkohol- und Tabaksüchtige verhöhnte. So überrascht es auch nicht, dass die Kinderhilfe als einziger Verein von der Leyens Internetsperrphantasien begrüßt.
(…)
In den nächsten Wochen werden sicher Tausende die argumentativ inhaltsleere Unterschriftenliste der „Deutschen Kinderhilfe“ unterschreiben. Gegen Kinderpornographie ist jeder und da macht man auch gerne sein Kreuz an der richtigen Stelle. Hintergründe interessieren da wenig und auch weiterhin wird in den Medien die „Deutsche Kinderhilfe“ als neutrale Instanz zitiert werden. Dass sie eher eine PR-Agentur für konservatives Ideengut ist, die gegen die klassisch „sozial“ ausgerichteten Wohlfahrtsverbände positioniert wird, interessiert da wenig.
Im ganzen Beitrag tauchen noch viel schlimmere Aspekte auf. Klar ist: die Deutsche Kinderhilfe ist alles andere als seriös. Aber vor allem ist sie nicht einmal an Kindern interessiert. Und dann ist da noch der recht kurze Artikel in der deutschen Wikipedia. Zufällig machte sich ein anonymer Autor am 11. Mai an dem Artikel zu schaffen und auch die dazugehörige Diskussion ist sehr aufschlussreich: da versucht jemand Kinderhilfe-nahes, den Artikel unter verschiedenen Pseudonymen in ein deutlich besseres Licht zu rücken.
Und diese Organisation tritt nun für das Wohl der deutschen Kinder ein, möchte man glatt meinen, wenn man die aktuelle Pressemitteilung liest:
Es darf kein Grundrecht auf Verbreitung kinder“pornographischer“ Seiten geben. Was für Druckwerke und Zeitungen gilt, muss auch im Internet gelten – denn das Internet ist kein rechtsfreier Raum!
Das ist aber auch ein Käse. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, selbst mit Internetsperren nicht. Und genauso wie das Verbreiten kinderpornografischer Inhalte in einer Zeitung strafbar ist (man stelle sich vor, das Mädchen von Seite 1 sei plötzlich minderjährig), so gilt dies auch für das Internet. Das wissen leider nur die wenigsten — die Deutsche Kinderhilfe mutmaßlich ganz genau.
Und nun will die Kinderhilfe Unterschriften sammeln gegen das Böse, denn:
Derzeit befindet sich das Gesetz der Bundesregierung zur „Bekämpfung der Kinderpornographie in Kommunikationsnetzen“ im Gesetzgebungsverfahren. Unter dem Titel „Internet – Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten“ vom 22.04.2009 wird in einer Onlinepetition gegen dieses Gesetz Stimmung gemacht. Mehr als 70.000 User haben sich bislang daran beteiligt. Ziel ist es, die Abgeordneten des Deutschen Bundestages dazu zu bringen, das Gesetz nicht zu verabschieden.
Wieder nichts verstanden — oder doch? Es ist gar nicht mal gelogen, denn wir wollen freilich das Gesetz in dieser Form verworfen wissen. Nicht nur nebenbei setzen wir uns für einen wirksamen Schutz gegen Kinderpornografie ein. Um uns zu „bekämpfen“, will die Deutsche Kinderhilfe nun Unterschriften sammeln:
„Die 70.000 Unterstützer der Online-Petition repräsentieren nicht die Meinung der deutschen Bevölkerung, die meisten Deutschen wollen Kinderpornos gesperrt wissen“, meinte Ehrmann. Ziel der Gegenaktion sei es, bis Ende Mai 100.000 Unterschriften zu sammeln. „Wir wollen verhindern, dass das Gesetzgebungsverfahren aufgrund der Online-Petition auf Eis gelegt wird.“
Schon wieder verkehrt. Die meisten Deutschen wollen sicherlich keine Kinderpornos gesperrt wissen, sondern möglichst die Entstehung solcher Materialien verhindern — schließlich werden nur so Kinder geschützt. Vielleicht weiß Herr Ehrmann das aber auch einfach nicht so genau. Interessiert ihn ja wahrscheinlich auch nicht.
Die geplanten Orte der Unterschriftensammlung sind mehr als denkwürdig: die Deutsche Kinderhilfe will vor dem Fußballstadion der Armenia Bielefeld, vor den Münchner BMW-Werken, vor den Ministerien der Nordrhein-Westfälischen Landesregierung und im Frankfurter Bankenviertel sammeln. Hä? Es wird vermutet, dass man dort am einfachsten Unterschriften sammeln kann, um nicht zu sagen: dort ist das Wissen um die Brisanz des Themas nicht allzu sehr verbreitet. Soweit ganz geschickt. Man hätte auch in Hochschulen und vor IT-Verbänden sammeln können, doch da wäre wohl die Ausbeute nicht sehr lohnenswert.
Ein Knaller ist auch das Unterschriftenformular. Man stelle sich vor, in der Fußgängerzone lauern sie den Passanten auf und fragen: „Sind sie gegen Kinderpornografie? Dann unterschreiben Sie hier!“ Mehr steht da nämlich nicht drauf:
Kampf gegen Kinder„pornografie“
Ja, ich stimme für das Gesetz gegen Kinder„pornografie“ im Internet
Wer wagt denn schon, dort nicht zu unterschreiben und gleich als pädophil zu gelten? Wir haben da den sehr viel komplizierteren Job, wir müssen die Leute mit technischen Details nerven, von denen sie gar nichts wissen wollen, um ihnen dann Sachverhalte unter die Nase zu reiben, die sie für paranoid halten und ihnen dann noch irgenwie begreiflich machen, dass es wirklich um eine ernste Sache geht. Da fällt so eine Unterschrift schon deutlich leichter.
Mal schauen, wie sich das entwickelt. Hoffentlich fallen die Medien nicht wie sonst üblich auf die Deutsche Kinderhilfe herein. Sonst hätten wir wirklich ein Problem.


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