Und ich glaubte, er sei ein Troll

Irgendwann bekam ich im studiVZ eine Einladung für eine mit !!!! Bloggen gegen sexuelle Gewalt (www.magnusbeckerblog.de) !!!” titulierte Gruppe bekommen. Ich trat bei, ohne mir viele Gedanken zu machen, ob die vielen Ausrufezeichen nicht doch ein versteckter Hinweis auf das Niveau der ganzen Sache sein könnte.

Ehrlich gesagt habe ich mir gar nichts weiter dabei gedacht. Aber die Gruppe schmückte mein Profil und machte was her, denn, mal ganz im Ernst, wer ist denn nicht gegen sexuelle Gewalt? Normalerweise packen sich die Studenten immer Greenpeace- oder WWF-Gruppen ins Profil, um ihr Gewissen zu beruhigen. Und ich hatte eben noch ein bisschen Magnus Becker drin.

Gerade eben entdeckte ich — es war schon lange überfällig — eine Gruppe, die den Herrn Becker noch toppte: Zensursula – Gegen die Internetsperre!. Weil ich bereits in einhundert Gruppen Mitglied war, musste eine andere Gruppe dran glauben. Ich stöberte in meinen Mitgliedschaften und fand die Gruppe des Herrn Becker, in die ich seit Monaten nicht mehr hineingeschaut hatte, und beendete meine Mitgliedschaft. Schließlich hat Zensursula ja auch was mit sexueller Gewalt zu tun.

Dann warf ich einen Blick auf das dazugehörige Weblog — und erschrak: was der Herr Becker da erklärte, das war schon jenseits von gut und böse. In der Regel füllen inhaltlich und optisch eintönige Pressespiegel sein Weblog — der wenige handgeschriebene Content beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit Jörg Tauss und dem Zugangserschwerungsgesetz, aber in einer Art, die bin ich noch nicht einmal aus der Politik gewohnt.

Becker schreibt beispielsweise:

Aus für Tauss! “Zugangserschwerungsgesetz” gegen Kinderpornographie beschlossen!

(…)

Jörg Tauss hat heute im Bundestag mit seiner Zwischenmeldung, wofür er gottlob vom “Kollegen” Martin Dörmann geharnischte Kritik einsteckte, für die “Zensursula”-Gegner alles nur noch schlimmer gemacht. Waren vorher vielleicht einige SPD-Abgeordnete noch willens, wenigstens nicht mit “JA” zu stimmen, sondern sich zu enthalten, so konnten sie nach dem ungeheuren selbstverliebten Auftritt ihres ehemaligen Partei-”Freundes” (der ja von all seinen Ämtern zurücktreten musste und für den nächsten Bundestag nicht mehr kandidieren “durfte”) gar nicht anders: wenn ein Tauss so verhement gegen das “Zugangserschwerungsgesetz” wettert, ja, dann muss es ein gutes sein. Dann muss es das richtige sein. Dann muss es das Gesetz sein, dass die Gegner von “Kinderporno-Sperren” in Mark und Bein trifft!

Man beachte seine Logik im letzen Satz — noch undifferenzierter ist der einzige Kommentar zu Beckers Erfolgsmeldung:

Kann mich der Frau Leyen nur anschliessen, dass es zynisch ist, in diesem Zusammenhang von Zensur zu sprechen. Zensur war einst das Mittel der Fürsten die Dichter und Denker in ihrer freien Ausdrucksweise zu beschneiden. Wo bitteschön passiert dies, wenn derart Perverses gesperrt wird. Alle die da laut rumkrakelen müssen aufpassen, hier nicht ihre gemeine Gesinnung preiszugeben.

Es geht freilich noch härter:

Endlich! UNION und SPD pro Stoppschild gegen Kinderpornos!

Was längt währt, wird endlich gut! UNION und SPD pro Stoppschild gegen Kinderpornos!

(…)

Zwar hatten zweifelhafte Personen aus der Blogosphäre (die in den vergangenen Jahren leider eher durch das Dissen und Verleumden von Bloggern, die gegen Kinderpornographie aktiv sind, auffielen) das Gesetz noch zu verhindern versucht. Durch eine Massen-Petition (sie brüsteten sich unlängst gar mit einem “neuen Rekord” auf epetitionen.bundestag.de, was die Zahl der “Mitzeichner” -zum größten Teil wohlmeinende, doch in die Irre geführte Internet-Nutzer- anbelangt) und im RL durch einen stümperhaften Antrag der desolaten SPD-Linken, die damit am vergangenen Wochenende kläglich scheiterte. Tauss, Ex-Erzrivale von Frau von der Leyen, war zudem wohl zu angeschlagen, um überhaupt noch Gehör zu finden und ernstgenommen zu werden, Die Vernunft und der Kinderschutz scheinen sich durchgesetzt zu haben! Die CDU/CSU-Bundesfraktion hat dazu die wohl beste Stellungnahme verfasst!

Natürlich fand Magnus Becker auf Worte zu der seltsamen Unterschriftenkampagne der Deutschen Kinderhilfe:

Deutsche Kinderhilfe: „Stop! – Meine Stimme gegen Kinder“pornographie“ im Internet in Hessen

Weil auf den meisten anderen Blogs gegen die Kinderhilfe statt gegen Kinderschänder mobilisiert wird (grotesk!), dokumentiere ich trotz neuerlicher übler Nachrede und ernster Drohgebärden von nun an alle Aktionen der beispielhaft couragierten Kinderschutz-Organisation und bin mir darüber im Klaren, mir in der Pädokrimen-Szene noch mehr Feinde zu machen als ohnehin schon. Aber viel Feind’, viel Ehr’! In diesem Sinne: Ich lasse mich nicht unterkriegen!

-.-

(…)

Der Rest zitiert bloß die dazugehörige Pressemitteilung. Interessanter ist der obere Teil, genauer gesagt: seine Wortwahl. Machten mich die vielen Satzzeichen im Titel der dazugehörigen studiVZ-Gruppe nicht stutzig, so verwunderte mich denn wenigstens die jetzige Wortwahl. Denn Magnus Becker schreibt, wie er argumentiert: vollkommen unsachlich. Was ihm an Argumentationssubstanz fehlt, versucht er durch blühende Adjektive wieder gutzumachen. Als Pöbelei bezeichnete Becker den „ungeheuren selbstverliebten Auftritt“ des Sperrgegners Jörg Tauss, führte eine seltsame Logik fort, warum das Gesetz eine gute Lösung sei, wenn Tauss dagegen argumentiert. Magnus Becker mag die CDU und nicht die SPD (und vermutlich die sperrkritischen LINKEN, GRÜNE und FDP ohnehin nicht) und hat kurzerhand nicht nur deren Argumente, sondern auch deren Weltbild übernommen. So trägt es sich zu, dass kritische Blogger des Sperrgesetzes „zweifelhaft“ sind und andere Blogger verleumdeten, dass die „Massen-Petition“ zum größten Teil aus „in die Irre geführten Internet-Nutzern“ mitgezeichnet wurde und der Antrag der SPD-Linken lediglich „stümperhaft“ war. Die ganzen anderen Beiträge zum Thema wollte ich mir gar nicht durchlesen.

Ich glaube, der einzige verleumderisch schreibende Blogger ist Magnus Becker. Ich habe erst eine Weile überlegt, ob er einfach keine Ahnung hat oder die Wahrheit schlichtweg nicht kapiert. Die einzig mögliche Schlussfolgerung: der Typ ist ein Troll und will Ärger stiften (freilich mit Erfolg, sonst würde ich jetzt nicht über ihn herziehen). Wäre Becker an einem sachlichen Informationsangebot gelegen, wie es die studiVZ-Gruppe suggeriert, hätte er auf die vielen bunten Adjektive verzichtet. Nun wäre es natürlich ziemlich öde, bestünde die Blogosphäre bloß aus neutralen Weblogs — Meinungsbildung ist was feines und auch ich schreibe kaum neutral über die Vorgänge rund um das Zugangserschwerungsgesetz. Becker schreibt, wie Politiker reden: sie versuchen mit ihrer verbalen Keule alles zu vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt. Es gehört schon fast zum guten Ton, Pläne des Gegners als „ungeheuerlich selbstverliebt“, „zweifelhaft“ und „irregeführt“ zu bezeichnen. Und auffällig oft lassen jene harten Worte jedwede Argumentation vermissen.

Vermutlich würde Magnus Becker in der Politik gar nicht weiter auffallen.

Aber dann fiel mir noch etwas auf: warum zum Geier hat denn der so viele Seiten in seiner Blogroll? Und dann noch so einen Kram wie politically incorrect, der zwar höchst seltsam, aber immerhin deutlich gegen Internetsperren positioniert ist?

Ich schmiss Beckers Namen bei Google ein und fand erstaunliches: ich bin nicht der erste, dem das magnusbeckerblog auf den Geist geht, nein, auf den Trichter sind andere schon lange vor mir gekommen. Becker fiel bisher außer mit seinem blöden Gequassel vor allem mit Trackbackspam auf. Telepolis bezeichnete Becker schon im August 2001 als Hochstapler.

Und ich Trottel habe dem Kerl noch eine E-Mail geschrieben, ob er denn den Kram denn glaubt, den er da verzapft. Aber wenigstens bin ich aus seiner Gruppe raus. Leider hat er dort noch immer über 13.000 Mitglieder.

2 Kommentare zu „Und ich glaubte, er sei ein Troll“

  1. [...] Was sind die nächsten Ziele? vorwärts.de: Ursula von der Leyen muss zurücktreten! Malte Hübner: Und ich glaubte, er sei ein Troll Too Much Cookies Network: Kontrolle des Internets muss sein! Kontextschmiede: Zensursula und [...]

  2. Hans Möller sagt:

    Tja, daß sind eben auch die Leute, für die man sich einsetzt, wenn man sich gegen Zensur, in welcher Form auch immer, und für (Rede-)Freiheit einstzt. Als Gewerkschafter kenne ich dieses Phänomen nur zu gut, denn das sind die ‘Trittbrettfahrer’, die von den soz. Fortschritten profitieren, sich aber einen Teufel darum scheren, wer es denn erstritten hat.
    Hier ist’s wohl in gewisser Weise genauso: das dieser Typ seinen geistigen Müll im Internet verklappen kann, ist genau eben der Freiheit zu verdanken, an deren Aushöhlung er kräftig mitarbeitet.

    Oder, um es in den Worten, die auch verständlich sind, für Leute wie diesem Kerl hier, zu sagen:
    Arschlöcher sind überall.

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