Seitenwechsel

Mir ist es schon häufiger passiert, dass Fahrradfahrer ohne erkennbare Ankündigung an den unmöglichsten Stellen vom Fahrradweg auf die Fahrbahn passieren. Manchmal weiß man gar nicht, wo sie danach eigentlich hinwollen, denn es gibt auf der anderen Seite weder eine Straße, in die sie reinfahren können, noch einen anderen Fahrradweg, auf den sie wechseln könnten. Aber erstmal dem nächsten Autofahrer vor die Karre hetzen, der bremst dann nämlich erschrocken oder weicht aus, und wenn was passiert, dann ist er eh dran und nicht der schwache Fahrradfahrer, das kennt man ja, der ist allerhöchstens tot.

Okay, das ist vielleicht angesichts der heutigen Geschehnisse etwas naja, sehr salopp formuliert. Aber heute rückten die umliegenden Feuerwehren, Polizei und der Notarzt aus in die Rendsburger Innenstadt. Dort war in einer Unterführung, links Fahrbahn, rechts Rad- und Fußweg, ein Fahrradfahrer einfach mal so auf die Fahrbahn gefahren. Ergebnis: Fahrradfahrer tot, Autofahrer unter Schock.

Fast eine Stunde lang waren die Hauptstraßen vollgestaut, und als ich dann endlich an der Unfallstelle vorbei fahre, dachte ich mir, ich schieße noch ein Foto davon, vielleicht werde ich es ja an die Zeitung los.

Nun muss man wissen, dass ich bei diesem Foto eher erklärenden Charakter einbringen wollte. Also schraubte ich das Teleobjektiv an, stellte mich über einhundert Meter vom Unfallort entfernt an die Straße und fotografierte die Unfallstelle, wobei ich darauf achtete, dass die Stelle mit den vielen Blutflecken von einem Polizeiwagen verdeckt wurde. Es wurde eher ein Foto von der Brückenstraße, die von den Folgen des Unfalls befreit wird.

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Dann rief mich einer der Polizisten zu sich, die weiter hinten die Straße absperrten. Nach meiner letzten Begegnung mit der Polizei im Zusammenhang schwante mir übles.

Völlig unbegründet.

Der Polizist war ziemlich locker, sofern das die richtige Wortwahl angesichts des Unfalls ist. Wir scherzten erst, dass ich gerade nicht zu ihm herübergehen könne, weil die Fußgängerampel rot war. Die Straße war zwar eh gesperrt, aber ich wollte mir nicht bei ihm fünf Euro oder gleich zehn Euro wegen Vorsatz einfangen.

Er wollte wissen, ob ich von der Presse sei. Freier Mitarbeiter war ich bloß und momentan freilich privat unterwegs. Das Foto, das wollte ich bloß, naja, als „Erinnerung“ haben, von wegen heute viele Sirenen in der Innenstadt und eine halbe Stunde im Stau und da wollte ich eben noch kurz die eigentliche Ursache fotografieren. Er legte mir nahe, das nächste Mal zunächst die Polizei um Erlaubnis zu bitten, denn das sei manchmal aus ethischen Gründen oder so nicht gestattet und dann könnte ich freilich Ärger bekommen. Ich hatte es allerdings auf eine reine Dokumentation angelegt — wäre ich auf die Blutspritzer geil, wäre ich eine Stunde früher hier gewesen und mit einem anderen Objektiv viel näher herangegangen. Und siehe da: er war mit meiner Erklärung zufrieden und ließ mich noch ein paar Fotos schießen.

So kann das nämlich auch laufen. Vollkommen freundlich den Sachverhalt erklären, die eigenen Kompetenzen kennen und trotz des Unfalls im Hintergrund dabei noch lächeln.

Das ist dann auch eher ein „Freund und Helfer“.

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