Musik in uns

Ich hatte ja keine Ahnung.

Das mit der Ahnung ist sowieso etwas, das sich durch mein ganzes Leben zieht. Von Godewind hatte ich schon mal gehört, vielleicht auch schon mal etwas gehört, aber schon deren Name gab mir zu verstehen, dass es nicht mein Musikgeschmack sein sollte. Torfrock hatte ich schon mal bei der Kieler Woche im Musikzelt gehört, das war ziemlich fetzig, aber leider aufgrund der tausend besoffenen Zuschauer ziemlich anstrengend. Spaß klingt anders.

Eigentlich sollte ich an einem Sonnabend an meiner Abschlussarbeit schrauben, aber wenn Vater die Konzertkarten besorgt, dann gehen wir eben auf ein Konzert. Warum denn nicht. „Musik in uns“ hieß das Konzert und es waren Godewind, Torfrock und eine Formation namens Sonnenschein angekündigt. Zuerst spielte Godewind. Wie befürchtet entweder auf plattdeutsch oder einem Dialekt, den ich nicht verstand und mit dem ich auch nicht warm wurde, weil nach drei Liedern schon wieder Schluss war. Das ging mir alles ein bisschen zu schnell.

Godewind

Dann trat eine Gruppe namens Sonnenschein auf die Bühne, die sich laut dem Moderator aus Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zusammensetzte und eine Weile mit Godewind für diesen Auftritt geprobt hatte. Sonnenschein fing dann mit dem Singen an und es war das schlimmste, was ich jemals gehört hatte. Nicht mal im Kindergarten hatten wir so schräg gesungen: Mal sangen alle, mal die Hälfte, mal einer, mal keiner, die richtigen Noten wurden in der Regel mindestens knapp verfehlt.

Zehn Sekunden lang hoffte ich, dass das alles bitte nur ein Witz sein möge. Nach zehn Sekunden hatte ich begriffen, Sonnenschein würde womöglich eines der besten Konzerte liefern, das ich in meinem Leben bislang genießen durfte.

Es war vielleicht nicht das beste, was allerdings eher der Musikauswahl geschuldet war: Teenie-Disco-Titel wie „Das rote Pferd“ oder das „Bett im Kornfeld“ laufen weit an meinem Geschmack vorbei. Aber die zehn Lieder, die Sonnenschein dort vortrug, die packten mich mehr als Lindsey oder David, die waren großartiger als Queen oder die Beatles.

Sonnenschein 1

Ja, ich bin hier häufiger am Labern, wie gut und unglaublich toll ich dieses oder jenes Konzert und überhaupt alles fand. Die Großartigkeit von Sonnenschein bestand aber weder in ihren musikalischen Fähigkeiten noch in der Textsicherheit.

Sondern in ihrer Ausstrahlung.

Da standen zehn Leute in neongelben T-Shirts auf der Bühne, von denen ich überhaupt nichts wusste als dass sie es im Leben bestimmt nicht leicht hatten. Aber nun standen sie dort für eine Stunde auf der Bühne und sangen und waren so unfassbar glücklich, dass ich plötzlich Tränen in den Augen hatte. Und Tränen in den Augen habe ich relativ selten. Darf man als Mann ja sowieso nicht haben.

Und es war einfach unglaublich. Die zehn Menschen dort konnten nicht besonders gut singen, aber das hielt sie nicht davon ab, es trotzdem zu tun und dabei eine unglaubliche Lebenslust auszustrahlen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so glückliche Menschen gesehen hatte. Ich habe keine Ahnung, was ihnen Musik bedeutete, aber ich spürte, was es mit ihnen anstellte: Es gab ihnen unglaublich viel Energie. Wer waren wir, die wir da auf der Tribüne saßen und „Cowboy und Indianer“ und „Love me tender“ hörten, im Gegensatz zu Sonnenschein, die gerade eine der glücklichsten Stunden ihres Lebens erlebten und einen kompletten Konzertsaal mit sich rissen obschon sie nichts weiter taten als schief singend auf einer Bühne zu stehen.

Ich hatte mit den Werkstätten für Menschen mit Behinderungen und mit der Diakonie schon lange nichts mehr zu tun, seit ich zugunsten meines Studiums nicht mehr für die Lokalzeitung schrieb, aber ich war schon damals relativ fasziniert von den Fähigkeiten und der Lebensfreude dieser Menschen. Aber ich hatte nie diesen großartigen Zusammenhang zwischen Menschen mit Behinderungen und den Musikprojekten verstanden, über die wir hin und wieder in der Zeitung berichteten. Musik ist viel mehr als eine Datei auf dem iPod oder eine Spotify-Flatrate, Musik ist vor allem Lebensfreude und ein unfassbar starker Ausdruck der Persönlichkeit.

In den ersten zehn Sekunden hoffte ich, Sonnenschein möge bitte schnell wieder die Bühne räumen, in der folgenden Stunde hoffte ich, sie mögen doch bitte noch länger bleiben. Als sich Sonnenschein schließlich nach ihrer Zugabe übermannt vor Freude schluchzend in den Armen lag, war das einfach zu viel für mich. Mein Geist war viel zu abgeschliffen vom Alltag zwischen S-Bahn und Uni, als dass ich mit dieser Situation fertig werden könnte. Ich war vollkommen hinüber, ich hatte schon lange keine so glücklichen Menschen mehr gesehen. Ich bin überhaupt nicht in der Lage, ihnen den verdienten Respekt für diese Leistung zu zollen.

Sonnenschein 2

Dann spielte noch Torfrock, von denen ich allerdings nicht ganz so viel mitbekam, weil das wirkliche Highlight mittlerweile mit neongelben T-Shirts ihren Auftritt vor der Bühne zelebrierte. Das nennt man dann wohl Inklusion, wenn Menschen mit und ohne Behinderungen ganz selbstverständlich miteinander singen und tanzen und lachen. Und Klaus Büchner singt nun auch nicht gerade so, dass man angesichts der Akustik in dieser Halle besonders viel verstanden hätte.

Trotzdem: So etwas könnte ich mir gerne häufiger anhören.

Torfrock

Ein Gedanke zu „Musik in uns“

  1. Seit nunmehr 10 Jahren veranstalte ich musik-in-uns und habe noch nie einen so großartigen Bericht über das Festival gelesen. Sie haben genau auf den Punkt gebracht, was wir seit Jahren versuchen darzustellen. Die Lebensfreude durch Musik, die doch Menschen erreicht, obwohl die Darbietung Defizite hat. Wunderbar, dass die Gefühle auf sie übergeschwappt sind. Das macht den Geist von musik-in-uns aus. Schön, dass sie sich begeistern lassen haben. Also, nochmals vielen Dank

    Liebe Grüße

    Birgit Schatz

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