Lindsey Stomp

Meine Fahrt nach Kopenhagen beginnt wie jede Fahrt mit dem Fahrrad hinten auf der Heckklappe: Auf der Autobahn in Richtung Hamburg. Immerhin merke ich schon gleich bei der nächsten Anschlussstelle, dass ich mich schon in den ersten fünf Minuten vernavigiert habe, kehre um und düse tatsächlich ohne besondere Vorkommnisse mitten in der Nacht von Rendsburg nach Kopenhagen. Kein Stau, keine blöden Verkehrsteilnehmer, die zu doof für den Sicherheitsabstand sind, keine Probleme. Nur ich, die dunkle Nacht und mein Fahrrad.

Um zwei Uhr morgens düse ich über die Storebælt-Brücke, stehe eine Weile als einziger Trottel am „Manual-Schalter“, weil ich schon letztes Mal mit dem komischen Kreditkarten-Teil nicht zurande kam, warte eine Weile, bis sich der Nachtschicht-Typ aus dem Keller an seinen Schalter geschält hat und schaue fasziniert zu, wie er eine weitere ganze Weile damit befasst ist, den Wechselkurs für das dänische Rückgeld meines 50-Euro-Scheines zu bestimmen. In den insgesamt fünf Minuten vor der geschlossenen Schranke habe ich eindrucksvoll gelernt, warum die grob geschätzten fünfhundert anderen Verkehrsteilnehmer die Express-Spuren links von mir gewählt haben.

Ich kapiere das sowieso nicht so richtig, auf der Homepage war die Rede von irgendeinem günstigen Nacht-Tarif, den ich sowieso nicht so richtig kapiert habe, weil ich da für meinen Polo mehr gezahlt hätte als ohne den günstigen Nacht-Tarif, wobei mir das mit der Nacht sowieso schon recht verdächtig schien, weil die Nacht am Storebælt von 16 bis 3 Uhr geht.

Immerhin war das ungefähr die einzige Fahrt mit dem Rad hinten drauf, bei der ich keinen Gegenwind genoss. Im März schob mich der Wind statt nach Dänemark beinahe rückwärts über die Autobahn wieder nach Hamburg zurück, jeder neue Windstoss ließ mich damals befürchten, bald als deutschlandweit erster Geisterfahrer im Verkehrsfunk berühmt zu werden, der einfach zum Gasgeben zu doof ist und vom Wind rückwärts gepustet wird. Vorsicht, auf der A7 Hamburg Richtung Flensburg ist Malte Hübner unterwegs und kann mit dem Gegenwind nicht umgehen.

Tatsächlich blieb die Fahrt wie zwei Stunden „Wetten dass…?“: Angenehm ereignislos. Die Probleme begannen erst, als ich, Student der Medieninformatik, zu unchristlicher Uhrzeit auf meinen Lieblingscampingplatz in Kopenhagen rollte und feststellen musste, leider den Adapter für das Stromkabel vergessen zu haben. Und mein Zelt ist schief. Und die Luftmatratze kaputt. Und überhaupt wurde plötzlich binnen fünf Minuten alles scheiße, weil ich vor lauter Frust erstmal etwas zu Essen kochen wollte und feststellte, dass der Zünder meines Gasgrills schon wieder nicht mehr zündete, woraufhin ich in die Küche des Campingplatzes umzog und dort so lange mit den Griffen und Schaltern des Gasherdes hantierte, bis ich endlich mal eine Flamme hochgezogen hatte.

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Vermutlich waren die Höhlenmenschen mit zwei Ästen deutlich schneller im Feuermachen. Und vermutlich hatten die auch nicht ihre Hand an strategisch ungünstigen Stellen, so dass sie anschließend nicht fünf Minuten lang lüften mussten, damit der Gestank verbrannter Haare endlich verschwand. Immerhin ist ansonsten noch alles dran. Student der Medieninformatik eben.

Noch ein Nickerchen, Zähneputzen, Duschen, rauf aus Rad. Das Koncerthuset ist mit dem Rad zwölf Kilometer vom Campingplatz entfernt, das ist ja eine recht lockere Tour, außerdem kann ich in Kopenhagen, der Welthauptstadt des Fahrrades, als begeisterter Radfahrer nicht mit dem Auto oder mit dem S-Tog fahren. Das wäre uncool, nachher sieht und erkennt mich noch jemand und so.

Radfahren in Kopenhagen ist anders als in Deutschland. Ja, es gibt eine Radwegbenutzungspflicht und ein normaler deutscher Alltagsradler zeichnet sich mit einem gesunden Hass gegen solche Radwege aus. Die Kopenhagener Radwege sind kein bisschen vergleichbar mit dem, was sich in Deutschland unter dem Begriff verbirgt: Während ich zu Hause auf den 20 Kilometern von Wedel bis zum Gänsemarkt ständig zwischen Fahrbahn, benutzungspflichtigem Radweg und benutzungspflichtigen Fuß- und Radweg wechseln muss, manchmal zum Radeln auf der linken Straßenseite gezwungen werde und im Sinne des von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer inszinierten Krieges auf der Straße gegen Kraftfahrer kämpfen muss, kann ich in Kopenhagen, ja, kann ich in Kopenhagen einfach Radfahren.

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Bis auf ein paar kurze Ausnahmen fahre ich in Kopenhagen auf Radwegen, in Wohngebieten oder kaum von Kraftfahrzeugen befahrenen Straßen auf der Fahrbahn. Aber ich kann mich drauf verlassen, dass es auf meiner Route Radwege gibt und zwar nicht in der handtuchbreiten Sparausführung wie in Deutschland, nein, hier in Kopenhagen radelt man auf mindestens zwei Meter breiten Prachtboulevards. Ich habe hier nicht dieses ganze Gehampel vom Radweg auf den Gehweg und auf die Fahrbahn und wieder auf den Radweg und um Gottes Willen, auf der linken Seite radeln zu müssen habe ich bislang nur einmal unten in Vordingborg erlebt. Ich gleite einfach so dahin, erst mit 35 Kilometer pro Stunde, die ich auf deutschen Buckelpisten nicht ansatzweise geschafft hätte, später, als der Radverkehr dichter wird, nur noch mit 20. Dafür komme ich ständig mit anderen Leuten ins Gespräch, was allerdings weniger an der Redseligkeit der Dänen liegt als am Monkeylight am Vorderrad, was selbst im ausgeschalteten Zustand für Aufmerksamkeit sorgt.

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Und plötzlich stehe ich am Hauptbahnhof. Einfach so. Die Kilometer flogen an mir vorbei, hier zu radeln ist ein unfassbarer Spaß, man kommt sofort und problemlos ans Ziel. In Hamburg habe ich auch Spaß und komme ans Ziel, aber längst nicht problemlos und das Radfahren ist da eher eine Herausforderung. Ich bummle ein wenig am Tivoli entlang bis zum Rathausmarkt, schlinge einen Wurger beim Hackbrötchenbäcker herunter und stelle fest, dass ein Critical-Mass-T-Shirt in Dänemark doppelt unangebracht ist. Erstmal brauchen die hier keine Critical Mass, die haben die nämlich jeden Tag auf der Straße, andererseits ist so ein T-Shirt nicht gerade geeignet, um im Urlaub anonym zu bleiben.

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Ob ich nicht der Fahrrad-Typ aus Hamburg sei, fragt mich eine junge Dame mit einem unfassbar roten Fahrrad. Mag sein, antworte ich und gebe mir Mühe, mich nicht gleich ob ihres Fahrrades in sie zu verlieben. Es stellt sich heraus, dass das Fahrrad die Dame im Mai in Hamburg unterwegs war, mit einem ebenso roten StadtRAD in die Mega-Critical-Mass mit mehreren tausend Teilnehmern geriet und mich wohl ein paar Mal beim hin und her flitzen gesehen hat. Irgendwann muss ich mir noch mal Autogrammkarten drucken.

Okay, zurück zum Thema, also zum Fahrrad. Weil ich die paar Kilometer bis zum Hauptbahnhof so unfassbar schnell zurückgelegt habe, düse ich über einen Umweg zum Koncerthuset und bewundere ein wenig die Stadt. Kopenhagen im Sommer ist angenehmer als im Winter, denn zwischen heute und meinem letzten Besuch liegen nicht nur drei Monate, sondern auch glatt dreißig Grad Celsius.

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Das Koncerthuset ist eine, naja, sagen wir mal, gewagte Konstruktion. Mehrere Ebenen sind lose miteinander verbunden, das gesamte Innenleben dieses Hauses scheint zu schweben, aber wirklich zu schweben, denn die Decke ist unfassbar hoch und kreuz und quer mit Treppen und Fahrstühlen verbunden. Lindsey spielt tatsächlich einfach so mitten in diesem Wirrwarr aus Ebenen und Treppen und Fahrstühlen und füllt mit ihrer Geige einfach mal so das gesamte Konzerthaus aus.

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Ihre Bühne steht nicht irgendwo in einem Saal, sondern quasi mitten auf dem Flur, wenngleich Flur natürlich ein vollkommen untertriebener Ausdruck ist. Mir ist nicht klar, ob die übrigen Konzertsäle ebenfalls diesem offenen Konzept folgen, denn dann wäre es sicherlich interessant, wenn in einem anderen Saal auch noch jemand auftritt, am besten noch dieser Silbereisen mit seiner steierschen Harmonika, Lindsey vs. Florian, ganz sicher das nächste große Ding. Irgendjemand wird dann weinen und das wird nicht Lindsey sein. Obwohl, bei der steierschen Harmonika kann man ja nie wissen.

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Meine Ex-Freundin durfte schon Lindseys Konzert in der süddeutschen Provinz genießen (und ich möchte sie an dieser Stelle ganz herzlich grüßen und daran erinnern, dass sie ohne mich überhaupt nicht mitbekommen hätte, dass Lindsey sozusagen vor ihrer Haustür auftritt) und sie bemängelte, weil Ex-Freundinnen ja dauernd etwas bemängeln, die mangelhafte Akustik beim Konzert. Und so richtig froh wurde ich nach einer kurzen Inspektion dieses freitragenden Raumes auch nicht so richtig, denn obwohl die Decke aus verschiedenen Elementen in verschiedenen Winkeln zusammengesetzt wurde, hatte der Schall ausreichend Gelegenheit, sich an einer der nackten Betonwände zu reflektieren. Mir ist das nicht so ganz klar, entweder habe ich diese Akustik-Sache nicht so richtig verstanden, oder man hatte hier ein brandneues Konzerthaus in den Kopenhagener Osten gesetzt und erst dann gemerkt, hmm, nackte Betonwände sind für einen Konzertsaal vielleicht nicht so toll. Das wird aber sowieso alles keine Rolle spielen: Einerseits packe ich mir einfach wieder Gehörschutz rein. andererseits knallt der Typ am Mischpult die Lautsprecher sowieso gleich wieder so weit auf, dass die nackten Betonwände das kleinste Problem der Akustik sind.

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Egal jetzt, noch ungefähr eine Stunde bis zum Konzert, also noch genügend Zeit, um diesen kostenlosen Hotspot auf den Grund zu gehen. „Kostenlos“ ist natürlich dreist gelogen, der ist nämlich erst kostenlos, wenn man dafür bezahlt hat, aha, ich mag die dänische Logik. Ich löse also für 29 Kronen so einen Fünf-Stunden-Pass und stelle fest: Von diesen fünfhundert Leuten in diesem Raum sind so viele auf den Einfall mit dem Hotspot gekommen, dass da ungefähr so viel durch den Äther plätschert wie durch das Mobilfunknetz zu Hause.

Von hinten nähert sich derweil Ungemach mit dem Geräusch einer schnaufenden Dampflok. Eine dicke Qualle schiebt sich durch die Menge und ich weiß plötzlich, wer Peter Fox’ Inspiration für „Schüttel deinen Speck“ gewesen ist. Dummerweise bedrängt mich die Frau in den nächsten Stunden nicht nur mit ihrer Körpermasse, sondern auch mit ihrer Redseligkeit, denn sie begeift einfach nicht, dass ich kein Dänisch spreche und parliert einfach so drauf los. Fehlt nur noch, dass sie lustig pfeift und etwas von Lukas dem Lokomotivführer erzählt, eine Insel mit zwei Bergen und so, hahaha. Genug der Zweideutigkeiten jetzt. Während eines Konzertes neben mir zu stehen ist sicherlich auch nicht gerade der Hauptgewinn, aber die Frau ging mir echt mega auf die Nerven. Immerhin weiß ich nun, dass dänische Frauen total auf Critical-Mass-T-Shirts abfahren.

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Es ist 21 Uhr, der Einheizer rappt sich von links nach rechts nach links über die Bühne und macht seine Einheizer-Dinge, was insofern unnötig ist, dass wir hier nunmal auf Lindsey Stomp abfahren und keinen Einheizer brauchen. Seinen Job versteht er aber ganz gut, denn mein Fahrrad-Tacho, der in meiner Umhängetasche herumklötert, zeigt inzwischen eine Temperatur von 32° Celsius an. Das ist echt ein tolles Konzerthaus hier, oh, hier stehen eventuell fünfhundert Leute und springen und tanzen und werden dabei ziemlich warm, naja, da bauen wir mal lieber keine Klimaanlage und keine zu öffnenden Fenster und kein Belüftungssystem ein.

Und plötzlich habe ich die Qualle in den Armen. Die vertrug die Temperatur wohl nicht ganz so gut wie ich und besteht mittlerweile wie das Original aus dem Meer zu etwa 99 Prozent aus Wasser. Immerhin hält sie jetzt die Klappe. Zweihundert Kilo wiegt sie trotzdem. Zusammen mit zwei anderen Typen trage ich die Dame aus der Menge heraus, wobei „zusammen“ nicht ganz der Wirklichkeit entspricht, denn eigentlich trage ich und die beiden anderen gehen voraus und sind wichtig. Immerhin stehen in diesem seltsamen Konzertsaal überall Tische und Stühle und Bänke herum, was wiederum mehr an einen Flur als an einen Konzertsaal erinnert, also packen wir sie dahin, irgendjemand bringt plötzlich Wasser und der Dame geht ruckzuck besser, die blasse Gesichtsfarbe hält sich zwar noch, aber sie ist redselig wie eh und je, so schlimm kann es also nicht sein. Ich wittere meine Chance und schleiche zu meinen Platz zurück, schäme mich etwas, die Frau als Qualle bezeichnet zu haben, sehe aber mit der geleisteten Hilfe mein Karma repariert.

Das mit dem Karma klappt total hervorragend, denn ich habe schon gleich das nächste Mädchen im Arm. Die sieht aus wie ein Glas Milch, hat aber immerhin ihren Freund dabei, der die weitere Versorgung übernimmt, so dass ich derweil auf den Tacho schauen kann, der mir etwas von 38° Celsius flüstert. Ein tolles Konzerthaus ist das hier, das haben bestimmt die Leute von der Elbphilharmonie entworfen. Der Veranstalter denkt sich wohl auch, hmm, wenn Lindsey nicht vor dem leeren Saal aufspielen soll, dann müssen wir wohl mal was unternehmen, aber in Ermangelung von Fenstern und Klimaanlage bleibt ihm nichts anderes übrig, als Leitungswasser auszuschenken, das in Pappbechern vorne von der Bühne gereicht wird. Hin und wieder kommt so ein Becher auch mal bei mir vorbei, drei gebe ich nach hinten weiter, den vierten kippe ich mir über die Hose, weil mein Nachbar ebenfalls nach dem Becher griff, anstäuschte, dann aber doch nicht zugriff, immerhin ein bisschen Abkühlung, den fünften trinke ich selbst, bevor ich auch da irgendwo herumliege.

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Inzwischen ist die Dame von eben wieder da, stellt sich offenbar als Anna vor und ich verstehe nicht gerade sehr viel mehr als eben, hoffe aber, dass sie mich für meine charmante Rettungsaktion nicht zum Essen einladen möchte. Das Karma beschert mir derweil ein drittes Mädchen im Arm, aber nur sehr kurzfristig, denn die hat auch ihren Typen dabei und der regelt das, sagt er, trinkt das Leitungswasser dann aber doch lieber selbst, bis ich seiner Ollen dann ein Gläschen erobere. Wenn das mit dem Karma weiter so gut klappt, müsste ich gleich Lindsey heiraten.

So. Es ist 21.50 Uhr, das Publikum ist inzwischen hitzebedingt ganz gut durchmischt, es fand eine gewisse Umverteilung von oben nach unten statt, wie man es in der Gesellschaft immer wieder fordert, es könnte jetzt mal jemand kommen und singen.

Bumm.

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Plötzlich ist alles vergessen, die Hitze, die Qualle, meine Abschlussarbeit, Lindsey legt los und massiert uns mit krachenden Bässen sorgfältig durch, Anti Gravity, Spontaneus Me und Stars Align, keine Pause, immer weiter, wir sind schließlich nicht zur Entspannung hier. Lindsey wirbelt da vorne herum, links, rechts, überall, der Typ rechts drischt mit ungeheurer Kraft auf sein Schlagzeug ein, und Lindsey, Lindsey spielt mittendrin auf einer Geige.

Total gut, dass man hier fotografieren darf und sich einfach niemand daran stört. Es gab nicht einmal Taschenkontrollen am Eingang, ich spaziere einfach mit meiner Crumpler NEW Sticky Date da rein, beanspruche ungefähr den Platz von zwei normalen Menschen und niemanden stört es. Einige haben auch einfach mal ihre Spiegelreflexkamera mitgenommen und genau wie in Groningen staune ich über meine Dummheit, meine dicke Kamera auf dem Campingplatz gelassen zu haben.

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Weiter geht’s, die Füße kommen in Stimmung und ich bin nicht nur zum Fotografieren her, Electric Daisy Violin, Lindsey kommt langsam auf Betriebstemperatur, wir sind schon längst darüber und unablässig am Schwitzen. Mit Shadows tanzt sie vor einem digitalen Schatten auf der Leinwand hinter ihr, wobei das alles ein bisschen komisch ist, weil der Schatten manchmal gar keine Geige spielt, aber was soll’s, herrje, wie kann sich die Frau beim Spielen so unnormal bewegen und dabei noch die Töne treffen? Der Bass könnte etwas weniger herb abgemischt werden, das dröhnt mir gerade zu doll und trommelt durch den Fußboden durch den Körper auf die Rückseite des Gehörschutzes. Sie hat gerade mal fünf Titel dargeboten, aber wir tanzen schon, wir fliegen, die Füße, die Hände, alles bewegt sich, alles dreht sich, wir arbeiten uns stramm Richtung Höhepunkt, wenn sie uns weiter mit der Geige penetriert, gibt’s einen Musik-Orgasmus nach dem nächsten. Ein paar Beziehungen werden diesen Abend nicht überleben, entweder weil die Damen eifersüchtig Schluss machen oder lesbisch werden, vermutlich eher letzteres, aber das ist okay, momentan könnte die Welt untergehen, auch das wäre okay.

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Lindsey kann noch immer nicht ihre Finger von offensichtlichen Heiligtümern lassen und knüppelt eine ganze Reihe wunderbarer Titel in ein wunderbares Michael-Jackson-Medley. Im Nachhinein erschließt sich überhaupt gar nicht mehr diese Würde, mit der sie den König des Pops ehrt, fließend vermischt sie seine Meisterwerke und rührt mit ihrer Geige eine wunderbare Interpretation seiner Werke zurecht, die gleichzeitig zum Träumen anregt und die Freudentränen in die Augen treibt. Herrje, Michael, musstest du vor drei Jahren von uns gehen? Wir werden dich immer vermissen und dein Lebenswerk wahren.

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Es wird etwas ruhiger, Song of the Caged Bird, Found Love und Elements kenne ich auch alle schon aus Groningen, waren vor fünf Monaten schon großartig und jetzt sowieso. Lindsey schwitzt und strahlt und strahlt noch immer so ehrlich wie damals. Hoffentlich lässt die Finger von diesem Kommerz-Kram und bleibt das Mädchen mit der Geige, das einfach seinen Traum lebt und sich freut wie sich ein Mädchen nunmal freut, mit der Geige auf der Schulter umherzuspringen. Verkauf nicht deine Seele, Lindsey, nimm unsere stattdessen, du hast sie dir verdient.

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Hmm, Legend-of-Zelda-Medley, ganz okay, noch mehr hätte ich mich über Skyrim gefreut, aber das gibt’s wohl heute nicht, schade, die Stimmung drückt das ein bisschen, aber scheiß drauf, das ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt zum Reklamieren. Für Good Feeling kommen drei Damen mit auf die Bühne, offenbar aus dem Publikum rekrutiert, die dürfen ein bisschen herumtanzen, bekommen als dank irgendwas unterzeichnetes, ein Plakat, ein T-Shirt oder eine Unterschrift auf ihre Eintrittskarte, so genau weiß man das nicht, aber in diesem Moment denken alle das selbe: So was will ich auch. Kriegen wir aber nicht.

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Dafür kriegen wir jetzt Zi-Zi’s Journey. Falls jemand fragt, wie denn elektronische Musik mit einer Geige harmonieren soll, ist Zi-Zi’s Journey das allerbeste Beispiel. Der Beat schießt das Publikum nach oben, immer höher, bis in den Himmel, der Bass prügelt uns wieder nach unten, in den Magen, ins Gesicht, es ist nur noch großartig, wir tanzen, springen, fliegen, singen, auf dass diese Nacht niemals zu Ende geht, herrje, Lindsey, können wir bitte heiraten? Nein, sagt Lindsey, gibt uns den Rest, spielt einfach noch eine Minute länger, dumm gelaufen, wir haben uns keine Kräfte mehr aufgespart, wir liegen am Boden, unsere Seelen geraubt, unsere Herzen zertrümmert, Lindsey, leg doch mal kurz die Geige beiseite und hilf uns auf, nein, sagt Lindsey, der Bass wirft uns wieder zu Boden, die Luft misst mittlerweile ungefähr 60° Celsius, nicht mehr lang und wir wechseln den Aggregatzustand, endlich, dann fliegen wir davon.

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Niemand weiß mehr, wo oben ist, wo unten ist, die Qualle tritt mir auf die Füße, scheißegal, wozu brauche ich meine Füße, schlag mir doch gleich das ganze Knie ab, ich kann ab heute endlich fliegen, stop, draußen steht ja noch mein Fahrrad, nein, lass die Füße bitte dran, aber fliegen kann ich trotzdem, bloß gut, dass die Decke so hoch ist, so hoch, hoffentlich hört Lindsey noch lange nicht auf zu spielen, wir würden wie Steine auf den Boden knallen und uns alles brechen, unsere Knochen, unsere Seelen, unsere Herzen, bitte spiel weiter, gib uns noch einmal den Bass, drei, zwei, eins, erlöse uns von unserer Erwartung, wieder nach oben, heute ist der Himmel zu klein für uns, wir brauchen mehr, die ganze Welt, das ganze Universum, Galileo hatte unrecht, sie bewegt sich nicht, jedenfalls nicht die Erde, sondern Lindsey, heute ist Kopenhagen der Mittelpunkt des Universums, wer etwas anderes behauptet, möge für seine Lügen bestraft werden, um Blasphemie kümmern wir uns später, wir schütteln uns vor Ekstase, aufwärts, anwärts, die Gluthitze in diesem Saal backt eine einzige Masse aus uns, wir sind eins und vorne steht Lindsey und prügelt mit Geige und Dubstep auf uns ein, prügelt ohne Gnade und trifft immer den richtigen, trifft uns alle gleichzeitig.

Das war vermutlich die großartigste Performance, die es jemals auf diesem Planeten gab.

Es ist peinlich festzustellen, aber Lindsey könnte jetzt auch mal aufhören zu spielen. Wir brauchen eine Pause, wir, die noch nicht in eine Pfütze zerflossen sind, eine Pfütze unserer selbst, wir wollen nach Hause, wir sind zu alt für den geilen Scheiß, müssen jedenfalls kurz draußen vor der Tür den Körper durchpusten, aber Lindsey kennt einfach keine Gnase und spielt weiter, wir sind schließlich nicht zum Spaß hier, dumm gelaufen, aber sie hat recht, nicht zum Spaß, nein, heute endlich wechseln wir unseren Bewusstseinszustand, heute endlich gehen wir über in das Violinen-Zeitalter, the Dawning Age of Dubstep-Violin.

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Hach, Lindsey.

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Immerhin erhört sie unser Flehen und genehmigt uns eine kurze Verschnaufpause, Moon Trance, grandios, und Transcendence, ebenso großartig, aber langsamer und ruhiger als Zi-Zis Reise durchs Universum und wieder zurück, hin und wieder geht mal ein Ton daneben, kein Wunder bei dem Gehampel dort vorne auf der Bühne, man weiß gar nicht so genau, ob Lindsey ihre Geige spielt oder umgekehrt, aber ein paar krumme Wellen stören nicht in dem Meer voll wunderbarer Klänge, in dem wir gerade treiben, seelenlos verloren auf einem Rettungsboot, aber ohne Zweifel bald gerettet, denn Lindsey lässt uns nicht untergehen und hat extra Drängelgitter da hinten aufgebaut, damit wir nicht die Treppe hinunterkullern.

Als letztes Stück spielt sie Phantom of the Opera. Halt, einfach so? In Groningen powerte Lindsey das Phantom der Oper als Zugabe in die Menge und katapultierte uns mit einer eindrucksvollen Performance geradezu in andere Sphären. Jetzt zieht sie sich einfach die Kapuze tiefer ins Gesicht, spielt unfassbar zart ihre Geige an, wie ein warmer Umhang hüllt sich die Melodie um uns, aber es fehlt irgendetwas, es fehlt diese Zäsur, diese Ungewissheit, ob noch ein letztes Stück gespielt wird, diese Erwartungshaltung, ob es wirklich das Phantom der Oper sein wird, das fehlt. Das Phantom der Oper ist so ein Stück, was nur als Zugabe gepsielt werden kann, weil es sonst nicht wirkt, aber Lindsey wirft es einfach wie einen ganz normalen Song enfach so in die Menge, wobei „einfach so“ natürlich extrem übertrieben ist. So nimmt sie dem Titel die Möglichkeit der Entfaltung, wow, nein, noch immer ein großartiges Stück, sicherlich eine ihrer besten Interpretationen, aber als Hauptgang zu einfach, so etwas darf erst kredenzt werden, wenn die Seele vor Freude beinahe explodiert.

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Jaja, nun verschwindet sie wieder einmal hinter der Bühne, das kennen wir ja schon, die kommt eh gleich wieder oder doch nicht, ich hätte auch nicht so viel Bock auf die 70° Celsius auf der Bühne, aber herrje, die Frau wohnt in Arizona, die ist temperaturbedingten Kummer gewohnt, die lässt uns nicht alleine, sie muss noch unsere verlorenen Seelen aus dem Meer fischen.

Lindsey ist wieder da, empfängt ungefähr fünfhundert Heiratsanträge, der Schrank von Kerl rechts neben mir hat inzwischen Tränen in den Augen und sein Mädchen, dass er da in den Armen hält, höhö, legt gerade den Killer-Blick auf, gleich gibt’s ein Drama und passend dazu spielt Lindsey:

My Immortal.

Evanescence, eigentlich gar nicht mal so mein Ding, aber andererseits hätte ich auch nicht geglaubt, dass Dubstep und sowas mal mein Ding würde, aber fast noch großartiger als die Umsetzung auf der Bühne ist der umgekehrte Blick ins Publikum: Tausend Feuerzeuge, Handy-Blitz-LEDs und Mini-Taschenlampen formen einen Sternenhimmel, auf dem wir fortan hoffnungsvoll treiben auf dem Floß, dass Lindsey uns in der letzten Stunde gezimmert hat, die Beine im Wasser baumelnd, die Köpfe sanft zur Melodie nickend, da spielt es auch keine Rolle, dass der Boden in Wirklichkeit vom Schweiß überflutet wird und nicht von einem Meer bunter Melodien, auf denen wir treiben, während wir mit unseren Händen in den Sternenhimmel greifen, als wollten wir die Wellen abschöpfen, trinken, eins werden mit dieser schnöden Welt.

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Und dann Crystallize. Das war schon fast zu erwarten, das hatte noch gefehlt, aber inzwischen halte ich die Klappe, weil mir die Worte ausgegangen sind ob dieses wunderbaren Konzertes und genau wie in Groningen stelle ich fest: Ich habe jetzt ein scheiß Problem, denn die Welt hat mir nichts mehr zu bieten. Wir sind erlöst, endlich, wir dürfen gehen, unsere Körper wehren sich gegen diese Behandlung und unsere Seelen, haben wir überhaupt noch eine Seele oder haben wir die alle an Lindsey verschenkt? Wir sind verschwitzt, gebrochen, zerstört, und treten nach draußen in eine lauwarme Kopenhagener Nacht, etwa einhundert Grad kälter als vor der Bühne.

Lindsey Stomp 47

Ich mache in dieser ratlosen Situation, was ich immer in ratlosen Situationen mache: Ich steige aufs Fahrrad, das wirkt immer. Leider scheinen Lindseys Fans größtenteils mit dem Auto angereist zu sein und sitzen jetzt furchtbar unentspannt in einer langen Schlage in ihren Kisten, während ich die Freiheit der Kopenhagener Radwege auf meinem Heimweg mit einem angemessenen Umweg würdige. Zwischendurch kaufe ich mir an einer Tankstelle so eine Art Baguette, kapiere die Inhaltsangabe nicht und frage nach und stelle wieder einmal fest, dass die Dänen ein furchtbar entspanntes Volk sind. Wahnsinn. Eine Viertelstunde quatscht der Typ an der Kasse mit mir, um mir seine Deutsch-Kenntnisse unter Beweis zu stellen und es stellt sich heraus, dass er ungefähr unsterblich in Lindsey verknallt ist und schon den ganzen Abend tausend Tode starb, ungefähr zwei Kilometer von ihrem Herzen entfernt am Nachtschalter der Tankstelle arbeiten zu müssen.

Ich musste ja schon ein bisschen lachen.

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Dann Polizeikontrolle. Ich hätte jetzt ja eher den Zoll erwartet, der mir letztes Mal nach dem Konzert auflauerte, aber Polizei ist auch okay. Ein Motorrad-Polizist fährt umher und fängt lichtlose Radfahrer, die es auch in Kopenhagen hin und wieder gibt, und mein buntes MonkeyLight hat natürlich sein Interesse über Gebühr strapaziert. Während ich schon mein Urlaubsgeld in den Bußgeldkatalog fliegen sehe, will er eigentlich nur wissen, was das ist und wo er sowas bekommen kann. Furchtbar entspannt, diese Dänen, sogar die Polizei. Meine Zwangspause haben inzwischen fünf weitere Radlinge genutzt, um stehenzubleiben und sich den LED-Regenbogen zu besehen. Da sage noch mal jemand, die Mädchen stünden nicht auf so einen Spielkram.

Genug gequatscht, rechts ist Gas, mit 40 Kilometern pro Stunde kachle ich durch das nächtliche Kopenhagen, allein in der Fremde, aber bestimmt nicht alleine, denn Radfahrer gibt es auch kurz nach Mitternacht überall. Ständig kommt man wieder ins Gespräch, was allerdings bestimmt nicht an mir, sondern eher am MonkeyLight liegt, ich treffe in den nächsten Kilometern noch auf ein paar weitere Radlinge mit bunten Vorderreifen, zusammen jagen wir den Roskildevej nach Westen, einmal um den Damhussøen, wieder zurück Richtung Osten, Richtung Sonnenaufgang, der schon sanft am Horizont schimmert.

Irgendwann fahre ich doch mal nach Hause, es regnet, endlich Abkühlung. Und was kann es schöneres geben als nach so einem Konzert, nach so einer Radtour einzuschlafen, während der Regen auf das Zelt prasselt?

4 Gedanken zu „Lindsey Stomp“

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