Nun habe ich aber endgültig die Schnauze voll. Grotesk genug, dass Romani Rose eine Ausweitung der Internetsperren forderte, nein, die Reaktionen darauf sind noch sehr viel schlimmer. In Udo Vetters Linksammlung tauchte ein Link zum Artikel von Heise online auf — und gleich der erste Kommentator schrieb:
Fincut meint: (9.7.2009 um 18:06)
Würde man Herrn Rose in ein Rohr sprechen lassen, könnte man 50.000 Haushalte mit Fernwärme versorgen.
Soll wohl heißen: der Herr Rose, der ist der weltgrößte Produzent heißer Luft. Man kann das natürlich auch falsch verstehen, sofern man um ein paar Ecken denkt. piratenwahl, welch passender Name, brachte das Kunststück dennoch zeitig fertig:
piratenwahl meint: (9.7.2009 um 18:44)
@udo vetter: Kommentar 1 bitte juristisch prüfen, meines Erachtens volksverhetzend. Ich bin wirklich kein Freund von Zensur, das kann man aber auch sachlich ausdrücken. Positiv konnotierte Anspielungen auf den Völkermord sind einmal der Sache der Freiheit nicht dienlich und stören mich und sicher viele andere auch emotional und persönlich. Und das ist noch sehr vorsichtig ausgedrückt.
Weil niemand piratenwahl folgen konnte, erklärte er den Sachverhalt eine knappe Dreiviertelstunde später auf:
piratenwahl meint: (9.7.2009 um 19:33)
Der Spruch über Herrn Rose liegt wegen der meist durch Gas erzeugten Fernwärme auf dem Niveau der volksverhetzenden Judenwitze. Scheinbar ist man unter jüngeren Menschen nicht mehr so sensibel dafür, mir erklärt sich so auch, weshalb Bodo Thiesen in ein Parteiamt gewählt werden konnte. Ich bin sehr dafür, die Meinungsfreiheit auszuweiten und z.B. den Volksverhetzungsparagraphen zu streichen. Gleichzeitig würde ich es aber begrüßen, wenn zivilgesellschaftlich Sprüche wie von Kommentator 1 geächtet würden. Ich auf jeden Fall möchte mich ganz klar von Kommentator 1 distanzieren.
Udo Vetter erklärte daraufhin vollkommen richtig:
Udo Vetter meint: (9.7.2009 um 21:07)
Die Diskussion um Kommentar 1 zeigt doch sehr gut, welche Risiken die Forderungen nach Sperren für unliebsame Inhalte haben. Da wird etwas hineingelesen, was gar nicht da steht – und schwupps, ist der unbequeme Inhalt weg. (…)
Recht hat er. Aus Fincuts Kommentar geht lediglich hervor, dass er das Geschätz von Herrn Rose für heiße Luft hält. Mehr nicht. Den Gedankengang heiße Luft — Gas und Gas — Holocaust dort hineinzuquetschen ist mehr als gewagt. Wäre dementsprechend nicht jeder, der seinem Gesprächspartner ebenjene heiße Luft vorwirft, ein Volksverhetzer?
Fast schon zu komisch ist das bisher letzte Statement von piratenwahl:
piratenwahl meint: (9.7.2009 um 22:15)
@29:Jede Anspielung negativer Art auf Namen von Holocausopfern empfinde ich als unpassend. Ich habe dem Zentralrat der Sinti und Roma eine Mail geschrieben mit dem Verweis auf diese Diskussion, vielleicht kommt von dort eine Reaktion dahingehend, daß die Wortwahl gegenüber Holocaustopfern etwas bedachter sein sollte. Gerade wenn man gegen Zensur ist, sollte man sich so verhalten, daß sie auch niemand als nötig empfindet.
Noch einmal, weil es so unverständlich ist:
Gerade wenn man gegen Zensur ist, sollte man sich so verhalten, daß sie auch niemand als nötig empfindet.
Abgesehen davon, dass Fincuts Kommentar nicht einmal im Entferntesten eine Zensur notwendig macht, ist das eine reichlich verquere Argumentation. Weil ich also gegen Zensur bin, sollte ich nichts mehr sagen, was bei irgendeinem Mitleser oder Zuhörer zumindest als anstößig und als Notwendigkeit einer Zensur empfunden werden könnte. Nur: ist die Bezeichnung des Geschwallers einer Person als „heiße Luft“ schon Volksverhetzung? Was darf denn überhaupt noch in diesem Land gesagt und getan werden?
Ich weiß nicht, inwiefern piratenwahl etwas mit der Piratenpartei zu tun hat, aber abgeneigt scheint er ihr nicht zu sein. Doch so langsam beschleicht mich immer mehr das Gefühl, dass wir uns nicht nur wegen Bodo Thiesen, sondern einer ausgeprägten Lächerlichkeit wegen wirklich in die Unwählbarkeit manövrieren.
Hat auch was positives – immerhin so ein neues Blog zum lesen entdeckt…
Grüße
Bane
Im Zusammenhang mit dem Zentralrat der Roma und Sinthi, deren antiziganistische Verfolgung auch im Rahmen der systematischen Judenverfolgung ablief, die aber gerne in Vergessenheit gerät, einen solch dämlichen Spruch zu bringen, zeugt von unglaublicher Ignoranz und Dummheit.
Ich muss sagen, dass ich die Genozid-Anspielung noch vor etwaigem Sinn im Zusammenhang mit “heißer Luft” gelesen habe. Die Rüge von Piratenwahl kommt vollkommen zurecht. Manch einer sollte vllt über seine Worte nachdenken, bevor er sie postet.
@Lasse W: sollte dann nicht eine Liste von Ausdrücken erstellt werden, die jeweils gegenüber Angehöriger bestimmter Gruppen nicht verwendet werden dürfen?
Wenn du die Anspielung bereits nach der Häfte des Satzes, also etwa am Wort „Rohr“ ausgemacht hast — ist es dann nicht volksverhetzend, wenn Herr Rose einen Klempner bestellt, um das Abflussrohr zu reinigen? Ist es volksverhetzend, wenn ich mit einem Freund überlege, warum der Wechsel zu einem anderen Gasversorger so kompliziert ist? Beide Aussagen sind nicht volksverhetzend gemeint, lassen sich aber mit viel Mühe auf entsprechenden Inhalt umbiegen. Und — vorsicht: vielleicht sollten wir alle lieber an die frische Luft gehen, anstatt uns zu ärgern.
Genozid-Anspielung?
Das ist mit Abstand der lustigste Tag des Jahres!
In Anbetracht der Geschichte, die Sinthi und Roma erlebt haben (und z.b. in Ungarn immer noch erleben), sollte man seine Ausdruckweise vllt wirklich überdenken. Es ist keine Volksverhetzung, sondern pure Dummheit, wenn man dem Zentralrat so etwas entgegen wirft.
Natürlich kann man wunderbare, politisch korrekte Interpretationen liefern, trotzdem ändert das nichts an der Ignoranz, die in dieser Aussage liegt. Ich finde es traurig, dass man sich rechtfertigen muss, wenn man auf die unglaublichen Widerwärtigkeiten, die Sinthi und Roma in ihrer Vergangenheit widerfahren sind, rechtfertigen muss.
Würdest du einen solchen Spruch gegenüber dem Zentralrat der Juden bringen? Ich vermute nicht. Das Problem am Antiziganismus ist, dass seine Rolle im dritten Reich, in der resltichen Geschichte und auch aktuell unterbewertet wird, weil die “Zigeuner” eben nur Neben- und nicht Hauptziel des Holocaust waren.
Im zweiten Absatz sollte es am Ende nicht “rechtfertigen muss”, sondern “Rücksicht nimmt” heißen.
Lasse W, wenn Du gemeinsam mit Rose in das Rohr sprechen würdest (Y-Adapter), dann wäre schon die Wärmeversorgung einer Stadt wie Chemnitz gesichert!
Im übrigen kannst Du Dir ganz sicher sein, dass ich jede Person auf Unsinn hinweise (mit meinen Mitteln) – völlig unabhängig davon, was für einen “Hintergrund” diese Person hat.
Unglaubliches Diskussionsniveau, was du da erreichst.
Wenn dein Mittel eine unüberlegte, ignorante Aussage gegenüber den Nachfahren von Holocaust-Opfern ist, dann ist das bemitleidenswert. Man sollte gegenüber manchen Menschen einfach Rücksicht nehmen. Du wirft soch einem Rollstuhlfahrer auch nicht “behindert” als Schimpfwort entgegen, oder?
Ein Rollstuhlfahrer ist doch behindert. Er bekommt einen Behindertenausweis, einen Behindertenparkplatz und hat vermutlich eine behindertengerechte Wohnung.
Was unterscheidet mich jetzt von Dir? Das Du “behindert” als Schimpfwort betrachtest. Ohhhh! Und so schnell geht es, dass der, der sich für “richtig” hält, auf der völlig falschen Seite steht, Lasse.
Ich sage nicht, dass behindert ein Schimpfwort ist, sondern, dass du es aus Rücksicht nicht als Schimpfwort benutzen würdest. Lesen ist eine Kunst
“Im übrigen kannst Du Dir ganz sicher sein, dass ich jede Person auf Unsinn hinweise (mit meinen Mitteln) – völlig unabhängig davon, was für einen “Hintergrund” diese Person hat.”
Das was du für Gleichbehandlung hältst, entpuppt sich bei genauerem Nachdenken als Schwachsinn, denn natürlich haben Sinti und Roma eine _spezifische_ Verfolgungserfahrung, vor deren Hintergrund sich derartige Metaphern schlichtweg verbieten. Ich halte Roses Standpunkt zur Verfolgung rassistischer/antiziganistischer Äußerungen auch für problematisch, da er nicht die gesellschaftlichen Ursachen antiziganistischer Stereotype in den Fokus stellt, sondern Antiziganismus einfach ausblenden will. Dennoch hat er, als Vertreter einer von rassistischen Äußerungen und (Gewalt-)Taten häufig betroffenen Gruppe einen Anspruch darauf ernstgenommen zu werden. Als “Weißer Deutscher” kann man bei solchen Themen bequem als Internethooligan betätigen und sich dabei ganz fortschrittlich gerieren, muss man doch nicht mit den praktischen Auswirkungen antiziganistischer Äußerungen leben.
was mir bei dieser diskussion zuallererst in den kopf kommt…. jeder interpretiert nach seinem alltag….
für den rassisten gibt es überall rassismus, für den antifaschisten überall faschismus.
ich hab der heißen luft keinen volksverhetzenden charakter anmerken können. vllt liegt das daran, das unser heizung-/warmwassersystem mit fernwärme beheizt wird.
und um meinen geschätzten vor-/nachrednern etwas ‘zündstoff’ zu liefern.
ich komme aus ‘braun’schweig und hier wird grad ein neues heizkraftwerk gebaut und unserer ob wollte einen fernwärmezwang einführen
danke
ich fühle mich herrlich amüsiert.
grüße