David Garrett

Ein Konzert am Kalkberg, oh je, ich war gespannt. Einerseits ist die Kulisse in dieser Freilichtarena der noch einigermaßen klassischen Musik angemessen, andererseits fürchtete ich, Malte Hübner, der auf Konzerten sowieso Gehörschutz trägt, eine schwierige Akustik in diesem Kessel. Noch problematischer: Egal, wie sehr David Garrett an der Violine brilliert, er müsste ständig meinem Vergleich mit Lindsey Stirling Stomp standhalten und sorry, David, da kannst du trotz der langen Haare nicht gewinnen, denn Lindsey ist ein Mädchen.

Okay dann, Bad Segeberg, wir sind natürlich viel zu früh, parken auf einer Wiese in der Nähe der Autobahn, etwa zehn Minuten zu Fuß vom Kalkberg entfernt. Wir sehen unser Wohlbefinden in Gefahr, sollte es heute Abend regnen, nicht bloß wegen des Konzertes, dafür gibt’s ja Regenjacken und Hitze ist in diesem Stadion viel schlimmer als Kälte, viel mehr wegen dieser Graswiese, von der wir sowieso nie wieder herunterkommen werden, wenn später fünftausend Kraftfahrzeuge rückwärts ausparken und durch diese zwei Meter breite Ausfahrt wollen, nein, und wenn dann noch alles schwimmt, dann wären wir wenigstens pünktlich zum Mittagessen am Pfingstmontag zu Hause.

So. Weil wir zu früh sind, steigen wir erst einmal in diese komische Höhle unter dem Kalkberg hinab, was ganz witzig ist, denn der Kalkberg ist gar nicht aus Kalk, sondern aus Gips und drum tropft das ganze Regenwasser, das gestern während des ersten Konzertes in die Arena fiel, in die Höhle hinein, denn Gips ist ja wasserdurchlässig und — Obacht! — ganz grässlich für die Akustik. Zum Glück spielt David neben dem Berg auf und nicht in der Höhle. Ansonsten ist die Höhle eben so, wie eine Höhle nunmal ist, dunkel, kühl und nass.

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Vorbei an Currywurst mit Pommes und einer Cola, die schon sichtbar am Kohlesäurenmangel litt, finden wir unsere Plätze. Wir sitzen am Gang, soviel wusste ich noch, aber leider erinnerte ich mich bei der Buchung nicht mehr an die Qualität dieser Bänke, die ganz bewusst den unbequemen Charme einer Westernstadt versprühen sollen, denn im Sommer residieren hier für ein paar Monate die berühmten Karl-May-Festspiele. Will sagen: Für 74 Euro pro Eintrittskarte hätte ich eigentlich schon einen Arschschmeichler erwartet. Stattdessen habe ich schon nach einer halben Stunde Schmerzen im Gesäß und den Fuß des Hintermannes und sein Knie im Rücken. Immerhin haben wir eine Rückenlehne, die blieb einigen anderen Zuschauern leider verwehrt oder anders formuliert: Sie sah nicht mehr so aus, als könne man sich gefahrlos dagegenlehnen. Und das alles für 74 Euro.

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Eigentlich passt mir das alles sowieso nicht, denn wenn ich auf ein Konzert gehe, dann pflege ich zu stehen, nein, zu fliegen, zu springen, zu tanzen, aber nicht ständig auf die Uhr zu blicken, wann ich wohl von diesem Sitz endlich runterkomme. Ich habe ja eigentlich echt keine hohen Ansprüche an sowas, aber so unbequem saß ich zuletzt, hmm, wahrscheinlich so vor fünf Jahren, tja, Surprise, bei den Karl-May-Festspielen am Kalkberg.

Okay, okay, okay, genug gejammert. Man darf übrigens nicht fotografieren. Nein, es ist sogar strengstens verboten, Aufnahmegeräte mit auf das Veranstaltungsgelände zu führen. Und ich marschiere da einfach mit meiner großen Crumpler NEW Sticky Date rein, inklusive Notebook, zwei Kompaktkameras und zwei GoPros, was man halt als Radfahrer immer dabei hat. Und obwohl ich nie ohne Kamera aus dem Haus gehe und sogar bei McDonald’s meine Bestellung dokumentiere, hatte ich nicht vor, den Abend am Auslöser hängend zu verbringen. Zwei oder drei oder vier Fotos als Erinnerung und alles ist cool. Mit einer Kompaktkamera wird man aus Reihe 26 sowieso nichts mehr und einen Film zu drehen hatte ich sowieso nicht vor. Andere sahen das anders und fotografierten ständig, was wiederum die Aufpasser mit den gelben Warnwesten auf den Plan rief, die sich dann durch die engen Sitzreihen schoben, um den Leuten das Fotografieren und Filmen abzugewöhnen. Ultra-nervig, weil die neon-gelbe Warnweste ständig Aufmerksamkeit auf sich zieht. Vor allem ein Kampf gegen Windmühlen, denn für jeden, der da seine Kamera anschließend einpackte, waren ringsum gleich zwei weitere zugange. Ich fragte in der Pause mal nach, wie das denn gehandhabt wird: Ein paar einzelne Fotos würden geduldet, aber das ständige Gefilme sei verboten. Na gut, dann müsste ich ja nichts befürchten. Ich verstehe sowieso nicht so richtig, warum das Management etwas gegen ein paar Erinnerungsfotos minderer Qualität hat — dass die da keine privaten Filmereien wollen, okay, das kann ich ja noch nachvollziehen.

Na gut, wenn ein paar einzelne Fotos okay sind, dann kann’s ja endlich losgehen. David beginnt mit We will rock you, dem Klassiker, damit macht er nichts falsch, das kommt auf jeden Fall gut an.

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Was folgt, wird noch viel besser: Der Mann beherrscht sein Handwerk. Und trotzdem steht da Lindsey Stomp und sagt, hier, ich kann’s besser. David spielt wunderbare Musik, schafft eine wirklich außergewöhnliche Komposition bekannter und weniger bekannter Werke und die Atmosphäre dort in der Arena, die ist einfach nur zum Träumen, wunderschön weich gebettet, trotz der harten Sitzbänke. Aber er ist eben nicht Lindsey.

Aber während sich Lindsey treiben lässt vom wummernden Dubstep, gleitet Davids Geige in einem wahren Meer fantastischer Klänge Richtung Sonnenuntergang. Herrje, wer denkt da noch an Lindsey Stomp oder die Holzklasse unterm Hintern, wenn vorne Por una cabeza, Hora Staccato und Carmen aufgespielt werden? Das sind ganz große Nummern, wunderbar zart und doch durchdringend intoniert, der Kalkberg ist dieses Konzertes würdig und andersherum sowieso. Und es ist mehr Kunst als bei Lindsey, denn die spielt und tanzt und fliegt und singt, aber bei David treten Tänzerinnen auf und fliegen zu Somewhere over the Rainbow in den Himmel. Und trotzdem bleibt der Makel: Die Füße bewegen sich nicht. Ich bin noch zu jung für Konzerte, bei denen man sitzt und alle fünf Minuten artig applaudiert.

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Es ist Pause, Zeit, um noch mal etwas Essbares aufzuteiben, aber das ist gar nicht so leicht, wenn ungefähr achttausend Zuschauer auf den gleichen Gedanken gekommen sind. Die Herrentoilette ist okkupiert von der Damenwelt, die nunmehr vor beiden Türen eine Schlange von jeweils hundert Metern Länge bildet, aber das ist okay, denn im Gegensatz zu der zweihundert Meter langen Menschenschlange weiß ich, dass es noch weitere Toiletten gibt. Geheimtipp und so. Ich war ja schon mal hier, damals vor fünf Jahren.

Nach der Pause befindet David, es wäre an der Zeit, mal härtere Töne anzuschlagen und marschiert zu The Eye of the Tiger zurück in die Arena. Die Kapuze tief im Gesicht, da habe ich ja schon Sorge, er könnte über seinen Umhang stolpern und mitsamt der Stradivari die 28 Reihen nach unten stürzen, aber er spielt ja gar nicht auf der Stradivari, das macht man nämlich nicht, wenn’s regnen könnte. Verständlich. Stattdessen spielt er auf einem nicht näher genannten französischen Modell, aber selbst ohne Gehörschutz hätte ich sicherlich keinen Unterschied bemerkt. Musikbanause, ich. Wäre trotzdem blöd, stolperte er, denn dann hätten wir auf den zweiten Teil des Konzertes verzichten müssen und das wäre wirklich traurig.

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David neigt noch mehr als Lindsey dazu, sich an den eigentlich heiligen Werken anderer Künstler zu bedienen, aber das ist okay, denn das Ergebnis ist nicht weniger heilig als das Original. Zu Freddy Mercurys Stimme spielt er The Show must go on und seine Interpretation von John Miles’ Music ist an Würde wohl kaum mehr zu überbieten. Das ist so schön, diese Melodien in dieser Arena unter dem leider wolkenverhangenen Himmel, das treibt schon die Freudentränen in die Augen. Music ist sowieso der Knaller, daran höre ich mich auch nach fünftausend Wiederholungen nicht satt, aber was David Garrett und sein Orchester daraus machen, das ist der pure Wahnsinn, das ist ganz hohe Kunst, wunderschön, faszinierend, umwerfend. Zum Glück hält meine Rückenlehne. Thunderstruck, ui, da fehlt noch ein bisschen Bums, dann hätte es auch mit den Füßen geklappt.

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Er spielt noch dies und das und jenes, ist in jedem Land der Welt einmal kurz zu Gast, insgesamt 24 Titel stehen auf der Liste, wenn ich mich nicht verzählt hab. Er spielt Beethovens 9. Sinfonie, ein Meisterwerk eines großen Künstlers, gespielt von einen fast ähnlich großen Künstler, mir fehlen schon beinahe wieder die Worte, dann ist irgendwann Schluss und das Publikum verlangt noch mehr, David kann jetzt nicht nein sagen, das geht nicht. Höhö, er bittet darum, alle Handys leuchten zu lassen, erweckt die Tribüne zum Leben, abertausende Lichter glimmen, obwohl Handys während des Konzertes ebenso verboten waren die Getränke oder Aufnahmegeräte aller Art, aber der Sicherheitsdienst hat sowieso aufgegeben, das Fotografieren zu unterbinden, schließlich ist nunmehr jeder Zuschauer am Knipsen, denn diese Kulisse, die ist einfach unfassbar schön. Gäbe es jetzt noch einen unendlichen Sternenhimmel, herrje, er hätte Lindsey einfach mal überboten, aber das hat er eigentlich sowieso denn, es ist unfassbar, es ist unglaublich:

Earth Song.

Wäre ich gleich danach gestorben, herrje, es wäre egal, ich habe gerade alles erlebt, was diese schnöde Welt zu bieten hat und nichts verpasst.

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Mir fehlen noch immer die Worte für dieses Wunderwerk, für diese fantastischen fünf Minuten, die viel zu schnell vorüberhuschten, hätte er das nicht in die Länge ziehen können? Herrje, David, hättest du nicht eine Viertelstunde, eine halbe Stunde daraus interpretieren können? Ich habe noch nie eine schönere Interpretation eines schon im Original wunderbaren Werkes gehört, daraus eine fünfminütige Version zu schneiden ist ja schon beinahe eine Frevelei. Dieses Konzert hätte an dieser Stelle niemals enden dürfen, es war der großartigste Moment seit langem, als diese Melodie am Kalkberg kreise und alle eins wurden.

Leider wurden auch alle eins in ihrem Entschluss, anschließend geschlossen zum Parkplatz zu hasten, kann man ja bei den harten Bänken niemandem verdenken. Insofern kamen wenigstens die Füße noch einmal zu ehren, jetzt im Sauseschritt voraus zu düsen, um ohne Wartezeit vom Parkplatz zu verschwinden. Nächstes Mal komme ich mit dem Rad, da habe ich einerseits die Träume des vergangenen Konzertes im Kopf und andererseits noch etwas Bewegung.

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Und dann ist es noch perfekter als es schon war.

4 Gedanken zu „David Garrett“

  1. Ich war in Mannheim, mein erstes DG Konzert. Ich war da schon überwältigt. Bei deinem Bericht hatte ich das Gefühl nochmal dabei zu sein. Danke!!!!!!!!!!!!

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