Manchmal, da diskutiert man auch als Informatiker nicht nur über Rechnernetze und Graphentheorie und Compilerbau, sondern widmet sich nach dem dritten alkoholfreien Bier durch und durch weltlichen Dingen, etwa mit der Welt höchstpersönlich. Unweigerlich stolpert man bei solchen Gesprächen von einem Satz zum nächsten in das übernächste Thema, bleibt aber an einer These hängen: So wie es ist, so darf es nicht bleiben.
Um nicht zu singen: Es ist nicht unsere Schuld, dass diese Welt ist wie sie ist, es ist nur unsere Schuld, dass sie so bleibt.
Früher oder später kommt eine solche Diskussion dann an dem Punkt an, wo sich einer dann genüßlich zurücklehnt und mit etwas ekliger Stimme fragt: „Würdest du denn auf dein Auto, auf einen gutbezahlten Job, auf deinen Urlaub verzichten wollen, damit es der Erde ein bisschen besser geht?“
Ich lehnte mich ebenfalls zurück und überlegte, weniger über meine Antwort als über die Art, wie ich es sagen sollte und ich sagte: „Ja, ich will.“
Ja, ich will. Ich will wirklich. Ich will gerne auf einen wesentlichen Teil meines Wohlstandes verzichten, wenn es der Welt dadurch ein bisschen besser geht. In diesem Moment sind wir, also ich und die Welt, in einen Bund fürs Leben eingetreten. Zwangsläufig.
Ernsthaft, ich mache mir nichts aus Autos. Dafür liebe ich Fahrräder, weil Fahrradfahren großartig ist. Müsste ich nicht hin und wieder meine portable Studioausrüstung durch die Gegend fahren, könnte ich auch prima auf meinen Wagen verzichten. Der steht nämlich abgesehen von meinen Fotoshootings sowieso nur auf dem Stellplatz. Wenn man aber anfängt zu bilanzieren, wie unglaublich viel Energie und Müll die Herstellung eines einzelnen Kraftfahrzeuges ist, wie viel Platz es auf den Straßen benötigt, selbst wenn es nur auf dem Parkplatz steht, und wie viel Platz die Straßen und Bundesstraßen und Autobahnen verbrauchen und wie viel Geld die Unterhaltung über mehrere Jahre verschlingt, von den Treibstoffkosten mal ganz abgesehen, dann müsste eigentlich selbst dem dümmsten Menschen klar werden, dass das Konzept des Automobils nicht so richtig funktioniert.
Ich kenne Menschen, die fahren jeden Tag zwei Mal quer durch Hamburg, einmal zur Arbeit hin und acht Stunden später wieder zurück nach Hause. Natürlich nehmen die das Auto, was denn sonst, in der S-Bahn, bäh, in der S-Bahn müsste man sich ja mit anderen Menschen abgeben. Ich gebe mich gerne mit anderen Menschen ab, notfalls stehe ich auch ein paar Stationen lang im Bus herum. Andere stehen lieber im Stau oder wenigstens im zähflüssigen Verkehr. Das ist schon, nebenbei erwähnt, ein bisschen witzig, denn wir bauen uns Häuser mit dicken Fenstern, damit wir von dem Straßenverkehrslärm draußen nicht so viel mitbekommen müssen, aber dann setzen wir uns ins Auto, um wiederum nichts von der Umwelt mitbekommen zu müssen und fahren stumpf durch die Gegend. Aber wenn wir uns entspannen wollen, dann latschen wir zu Starbucks in die Innenstadt, da wo keine Autos fahren, da wo noch wirklich Lebensqualität herrscht. Ob womöglich ein Zusammenhang zwischen Lebensqualität und der Abwesenheit des Straßenverkehrs herrscht?
Und wir warten alle so mega-doll auf das Elektroauto, das Elektroauto, das uns mit der Kraft seiner Akkumulatoren von allen Krisen befreien soll. Schade, dass der Heiland nicht nur kräftig auf sich warten lässt, sondern gar nicht mehr vorbeischauen wird. Das Elektroauto ist bestenfalls die Inkarnation einer Totgeburt, es hat nur noch nicht jeder gemerkt, dass es nicht mehr zuckt. Selbst wenn das Problem gelöst wird, alternative Antriebsmodelle ins Auto zu integrieren, bei denen es sich ja nicht zwangsläufig um Akkumulatoren oder Wasserstoff handeln muss, bleibt die enorme Ressourcenverschwendung beim Bau eines einzigen Kraftfahrzeuges, von der restlichen Verschwendung innerhalb der Infrastruktur einmal ganz zu schweigen. Ob nun abertausende Benzin- und Dieselfahrzeuge die Innenstädte verstopfen oder abertausende Elektro- oder Wasserstofffahrzeuge, spielt auch keine Rolle mehr. Im letzteren Fall kommt eben kein Benzin in den Tank und kein Gestank aus dem Auspuff, womit sich die Bilanz sicherlich etwas angenehmer darstellen wird. Das gibt sicherlich auch ein angenehmeres Gefühl beim Fahren, weil man ja was für die Umwelt tut. Das Gefühl gibt’s auch heute schon an der Zapfsäule, kostet drei Cent weniger, heißt Super E10 und reiht sich zwischen Energiesparlampen und Umweltzonen perfekt ein in die Galerie der unnützesten Umweltschutzmaßnahmen.
Womöglich, und das ist das Problem, ist die grenzenlose Mobilität, die uns einerseits unseren westlichen Wohlstand ermöglicht hat und andererseits ein wesentliches Kennzeichen ebenjenen Wohlstandes ist, vielleicht ist diese grenzenlose Mobilität wirklich ein Irrweg. Man kann heute fast überall mit dem Auto hinfahren und das wesentliche Problem ist, dass man das auch macht. Die Leute fahren nicht nur die berühmten 850 Meter bis zum Bäcker mit dem Auto (und beschweren sich, dass sie dort keinen Parkplatz finden), sondern auch die 1,1 Kilometer zum Einkaufen und die 1,3 Kilometer bis zur Uni (und nehmen dort denjenigen Kommilitonen, die aus Gegenden mit schwächer ausgeprägtem öffentlichen Nahverkehr anreisen, die wirklich benötigten Parkplätze weg). Es kommt heutzutage doch gar keiner mehr auf die Idee, solche Strecken mit dem Rad oder gar zu Fuß zurückzulegen.
Zu Fuß brauche ich knapp zehn Minuten zur Uni. Dabei gehe ich durch einen Wald, überquere eine Straße und laufe von da an den Schrebergärten vorbei beinahe bis direkt ins Audimax. Dabei kann ich im Sommer die Vögel singen hören und im Winter immerhin noch die schneebedeckte Landschaft genießen, auch wenn es zugegebenermaßen etwas kalt ist. Man kann so etwas als Lebensqualität bezeichnen, sofern man denn den Mut hat, andere Dinge als die abendlichen Stunden vor dem Fernseher als solche zu nennen.
Mit dem Rad brauche ich im Durchschnitt drei Minuten, wobei ich die eine Hälfte des Weges auf einem lästigen Radweg und die andere Hälfte im Straßenverkehr zurücklegen muss. Der Witz ist: müsste ich nicht auf dem Radweg fahren, der mich alle paar Meter wegen hohen Bordsteinkanten, ausparkenden Autos oder Mülltonnen zum Abbremsen zwingt, und gäbe es den Kraftfahrzeugverkehr nicht, der sich an den beiden Ampeln auf meiner Strecke staut, wäre ich vielleicht schon in zwei Minuten in der Uni. Und dabei bin ich noch nicht einmal besonders durchgeschwitzt. Man kann übrigens auch Fahrradfahren als Lebensqualität bezeichnen, so großartig kann es sein.
Die beiden Zeitangaben beziehen sich jeweils auf die Zeit vom Abschließen der Wohnungstür bis zum Betreten der Uni. Und da schneidet das Auto leider ganz schlecht ab, denn da brauche ich zwischen fünf Minuten und einer Viertelstunde. Das fängt damit an, dass ich in meinem Wohngebiet keinen Parkplatz direkt vor der Tür habe. Es gibt zwar Parkplätze, aber nicht besonders viele und meistens steht dort auch schon jemand drauf. Diese Wohngegend wurde in der Zeit nach dem Krieg hochgezogen, in einer Zeit, in der die Leute Arbeit suchten und ein Dach über den Kopf brauchten. Damals hatte noch nicht jeder ein Auto und man kam trotzdem zurecht, weil die Wohnung in der Nähe der Arbeitsstätte lag und man auch noch zu Fuß zum Einkaufen gehen konnte. Das sind Dinge, die heute nicht mehr funktionieren, weil man nicht mehr zu Fuß zum Einkaufen gehen kann und in der Regel zwischen Wohnung und Büro mehrere Kilometer liegen, die man nur mit dem Auto zurücklegen kann. Ich muss also in der Regel erst einmal eine Weile bis zum Auto laufen. Wegen zwei Einbahnstraßen, gegen die ich mit dem Fahrrad, aber nicht mit dem Auto fahren darf, ist mein Weg beinahe doppelt so lang und mit dem Auto komme ich auch nicht in die Verlegenheit einen Radweg zu benutzen, der wenigstens dazu taugt, am Stau vor den Ampeln vorbeizurollen. Und an der Uni muss ich wieder einen Parkplatz suchen und das wird kein Spaß, weil jeder mit dem Auto kommt.
Eigentlich, wenn ich mal so überlege, habe ich auch nur ein Auto, weil meine Eltern Versicherung und Reparaturen übernehmen. Ansonsten könnte ich es mir wahrscheinlich gar nicht leisten — und das wäre gar kein Drama, wenn es endlich vernünftige Carsharing-Lösungen gibt. Wenn ich bestenfalls einmal am Wochenende für vier Stunden ein Auto brauche, aber es tatsächlich die restlichen 164 Stunden pro Woche herumsteht und kostet, dann kann ich mir auch eines leihen. Fahrräder kann man sich in jeder besseren Stadt unkompliziert leihen und das funktioniert ganz wunderbar.
Und dann also Arbeit. Da bin ich ja auch etwas speziell und finde es beispielsweise immer wieder lustig, wenn in einer Lokalzeitung auf der vorletzten Seite ein Webdesigner per Inserat gesucht wird. Ja, sowas gibt’s tatsächlich noch und es verrät viel über die Arbeitsweise in einer solchen Firma. Vermutlich bearbeitet man dort Aufträge vom örtlichen Sportverein und trägt trotzdem den ganzen Tag lang eine Krawatte. Nicht unbedingt das, was ich mir vorstelle. Ich will auch keine Arbeitskollegen, die sich auf Pump den neusten Supersportwagen gekauft haben, aus Gründen, die ich nicht so ganz nachvollziehen kann, weil ich keine Autos mag. Ich bin auch gerne bereit, für weniger Geld zu arbeiten, wenn mir etwas Spaß macht, wenn es mich interessiert, wenn es zu mir passt.
Ich mache mir auch keine Illusionen, dass es mit der Weltwirtschaft noch Ewigkeiten bergauf gehen wird. Offenbar sind die sogenannten Experten alle drei Tage wieder überrascht, dass die Weltwirtschaft nicht mehr wächst und gedeiht wie ein Ungeheuer. Es soll immer alles größer werden, alle wollen mehr verdienen, in einem größeren Haus wohnen, ein schnelleres Auto fahren und die neusten Gadgets besitzen. Dabei bekommen wir es nicht einmal auf die Reihe, die Ausbeutung der zweifellos endlichen Ressourcen soweit abzubremsen, dass man wenigstens ein bisschen von Nachhaltigkeit sprechen könnte. Wenn die Preise an den Tankstellen steigen, sind alle am Kreischen, weil plötzlich alles so schrecklich ist, aber wenn das Öl dann eines Tages alle ist, egal ob morgen oder in hundert Jahren, dann wird man ebenso doof gucken, weil man darauf ja überhaupt nicht vorbereitet war. Ich hoffe zu diesem Zeitpunkt schon länger in der Kiste zu liegen. Dann wird man sich plötzlich fragen, warum es denn im Supermarkt nichts mehr zu essen gibt und es im Nachhinein womöglich für eine schlechte Idee halten, dass damals alle Bauernhöfe im Wettbewerb untergegangen ist und das komplette Sortiment von der Milch bis zum Apfel schon weiter gereist ist als so mancher Konsument in seinem ganzen Leben.
Womöglich, und nun wird es kompliziert, wird man sich umstellen müssen. Und das geht nicht alleine. Vielleicht ist die Welt nicht dafür gemacht, sieben Milliarden Menschen zu ernähren. Und sieben Milliarden Menschen sind nicht dafür gemacht, auf dieser Erde zusammenzuleben. Es geht ja nicht nur um den Klimawandel, den man bekämpfen möchte, es geht eigentlich um das Fortleben der Menschheit.
Mit dem Klimawandel ist es ohnehin so eine Sache, denn den gibt’s ganz bestimmt, auch wenn das noch immer nicht jeder glaubt. Das Klima ändert sich seit Anbeginn der Erdgeschichte und die Frage ist eigentlich nur, wie groß denn unser Anteil am angeblichen Weltuntergang ist. Vielleicht wäre es auch besser, sich nicht mit Gewalt gegen jedes weitere Zehntelgrad Erwärmung zu stellen, sondern die Menschheit auf den Klimawandel vorzubereiten. Man kann natürlich einerseits behaupten, solche Maßnahmen kosteten zu viel Geld, das sollen mal lieber unsere Kinder und Enkelkinder machen, man will sich ja heute schließlich noch nicht einschränken, oder man packt eben doch heute zu, siedelt gefährdete Gebiete um, bekommt endlich das Problem der alternativen Energiequellen auf die Reihe und schenkt unseren Nachkommen auf unsere Kosten eine lebenswerte Welt.
Aber um das zu schaffen, muss man sich umstellen und das fällt schwer, denn sieben Milliarden Menschen müssen sich umstellen. Die Chinesen und Inder, die gerade auf dem Weg zu unserem Lebensstandard sind, sehen das natürlich nicht ein und wir sehen natürlich nicht ein, warum wir unseren Lebensstandard senken sollen, wenn Chinesen und Inder auch nicht mitspielen.
Womöglich ist das Ziel eine globale Gesellschaft, die sich wieder auf regionale Wurzeln besinnt, die nicht dem Kapitalismus anheim gefallen ist sondern wirkliches Lebensglück als Maxime der Menschheit betrachtet. Und vor allem: dieses Lebensglück dort findet, wo ein heutiger Erdenbürger noch nicht einmal suchen würde. Vielleicht sieht eine lebenswertere Welt ja tatsächlich so aus wie in einigen Fantasy-Filmen, wo man wieder Gemüse im Garten zieht, im Herbst die Äpfel vom eigenen Baum schüttelt und Bananen nur zu feierlichen Anlässen im Supermarkt auftauchen. Und vielleicht fährt man tatsächlich alle drei Tage mit dem Rad zum Bauernhof am Rande der Stadt, um neue Milch zu besorgen.
Und vielleicht ist man wieder glücklich. Es ist ja nicht gesagt, dass nur unsere Definition von Glück, die auf Kapital und Material basiert, die einzige sein muss.
Und wer nun aufschreit, weil er sich nicht einschränken will, dem sei gesagt: keine Angst. Niemand wird sich einschränken müssen und weil sich niemand einschränkt, wird es eine solche Welt auch nicht geben. Wir werden uns immer weiter in den Abgrund wirtschaften und dabei stetig lächeln. Womöglich gibt es auch irgendwann einmal Krieg und das wäre tatsächlich unsere große Chance, denn nach einem Krieg könnte die Demokratie abgelöst werden von einem gutmütigen Diktator, der keine Rücksicht nimmt auf plärrende Bürger, die aber lieber mit dem Auto fahren wollen, der aber endlich seine Gesellschaft in eine umweltorientierte Gesellschaft führt.
Mit einer Demokratie ist das vermutlich nicht zu machen. Wer interessiert sich heute schon für das, was morgen oder gar in einem Jahr ist? Und wenn man die Reaktionen auf die heutigen Klima-Horrormeldungen liest, könnte man glatt das SPIEGEL-ONLINE-Forum mit dem Stammtisch von Alles-Schall-und-Rauch verwechseln. Man will eben nicht wahrhaben, dass sich die Welt ändern wird. Für Endzeitszenarien geht man ins Kino, aber nicht raus vor die Tür.
Und was meinen Urlaub angeht, habe ich auch ganz spezielle Pläne: irgendwann in meinem Leben will ich zum Nordkap.
Mit dem Fahrrad.