Weil ich die Ziele nicht teile

Sehr geehrter Herr Hübner,

am 27. September finden zwei Wahlen statt. Sie könenn mitbestimmen, in welche Richtung die politischen Weichen in der Bundespolitik und in Schleswig-Holstein für die kommenden Jahre gestellt werden.

Unsere wichtigsten Ziele, für die wir gemeinsam mit unserer Partei kämpfen, sind:

  • Die Menschen sollen für ihre Arbeit faire Löhne bekommen.
  • Bildung soll von Anfang an kostenlos sein und jeder Schulabgänger soll einen Ausbildungs- oder Studienplatz erhalten.
  • Männer und Frauen sollen für gleiche Arbeit den gleichen Lohn bekommen.
  • Der Atomausstieg soll nicht angetastet werden.
  • Deutschland soll die Ideenschmiede der Welt in Sachen Klimaschutz werden — das schafft neue Jobs.
  • Die NPD muss verboten werden.

Wenn Sie diese Ziele teilen, wählen Sie uns als Direktkandidaten mit ihrer Erststimme und mit Ihrer zweiten Stimme die SPD.

Mehr über uns und unsere Positionen finden Sie auf unseren Webseites, auf www.spd-rd-eck.de, bei Facebook oder bei meinVZ.

Vielleicht sind Sie nicht sicher, ob Sie mit unserer Politik übereinstimmen oder Sie finden andere Themen wichtiger. Dann versuchen Sie doch mal den Wahl-O-Mat (www.wahlomat.de). Oder rufen Sie uns einfach an.

Viele Grüße

Sönke Rix, Martin Klimach-Dreger, Kai Dolgner, Rafstegner und Ulf Daude

Ich wundere mich nicht nur der Vollständigkeit halber, weil Sonnabend die CDU geschrieben hatte, nein, ich wundere mich, wie man so einen selten dämlichen Brief an potenzielle Wähler rausschicken kann. Erstmal ist das Ding so unglaublich lahm und gegen die Disco-Freikarte der CDU kann sowieso in meinem Alter wenig anstinken.

Und dann steht da noch sinngemäß, hej, falls du dir nicht sicher bist, ob du SPD wählen sollst, lass dir mal vom Wahl-O-Mat zeigen, wer zu dir passt. Ich weiß nicht, ob das bloß doof oder überraschend ehrlich ist — einerseits ruft die SPD den Empfänger an die Wahlurne, egal, ob er nun SPD wählen will oder nicht, aber andererseits ist das natürlich für einen Wahlwerbebrief nicht so sonderlich klug.

Macht bei mir aber auch nichts mehr. Die Ziele teile ich zwar durchaus, aber wählen werde ich jemanden anders.

Darum keine CDU wählen

Nachdem ich am OptOutDay der Weitergabe meiner Meldedaten widersprochen habe, schickte mir die CDU heute einen bauchpinselnden Brief (okay, die Daten haben sie sich wahrscheinlich schon vorher besorgt):

Liebe Erstwählerin,
lieber Erstwähler,

am 27. September können Sie das erste Mal bei einer Bundestags- und Landtagswahl abstimmen. Das ist ihre Chance, die Politik in Deutschland mitzubestimmen.

Angela Merkel und Peter Harry Carstensen stehen für eine Politik der Freiheit (sic!), Solidarität, Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Mit Ihrer Stimme können Sie dazu beitragen, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin und dass Peter Harry Carstensen unser Ministerpräsident bleibt. Deshalb bitten wir am Wahlsonntag um alle Stimmen für die CDU!

Nutzen Sie Ihre Chance! Lassen Sie nicht andere für Sie entscheiden, denn es ist nicht egal, wer im Bund und im Land regiert! Ihre Stimme zählt!

Und darum geht’s:

Wir wollen, dass Sie die Chance haben, Ihr Leben nach Ihren Vorstellungen selbst in die Hand zu nehmen. Sie sollen selbst entscheiden können. Wir wollen Ihnen nicht vorschreiben, wie Sie Ihr Leben gestalten sollen. Das ist Freiheit! (sic!)

Ohne Leistung geht es nicht: Wer den ganzen Tag arbeitet, soll von seiner Arbeit auch leben können. In der Not muss der Staat mit Zuschüssen helfen. Die CDU will auch, dass Einsatz belohnt wird. Wer mehr leistet als andere, darf auch mehr bekommen. Wir stellen uns gegen alle Neiddebatten, die ständig aus dem linken Spektrum entfacht werden. Das ist Gerechtigkeit!

Die Grundlage unserer Politik ist das christliche Bild vom Menschen. Unser Ziel ist die Bewahrung der Schöpfung und unserer Umwelt. Wir kümmern uns um Schwache und fordern Solidarität von Starken.

Ob es um unsere Umwelt geht, um unser Klima oder um den sozialen Ausgleich — wir haben die Interessen aller Altersgruppen im Blick: Wie können wir die Natur nutzen, ohne sie zu zerstören? Wie können wir Energie nutzen, ohne das Klima zu gefährden? Wie können wir Renten zahlen und Hilfebedürftige unterstützen, ohne diejenigen zu überlasten, die das finanzieren? Die richten Antworten hierauf gewährleisten Nachhaltigkeit.

Die Wahlbeteiligung der Jugendlichen ist in den letzten Jahren leider stets zurückgegangen. Wir möchten deshalb an Sie appellieren, Ihre Interessen in die Politik einzubringen.

Bei dieser Wahl treffen Sie die Entscheidung, wer Deutschland und Schleswig-Holstein klug aus der Krise führt. Wer nicht wählt, verpasst die Chance, mitgestalten zu können.

Nutzen Sie Ihr demokratisches Recht! Wir bitten um Ihr Vertrauen.

Herzliche Grüße,
Dr. Johann Wadephul
Hans Hinrich Neve

Nee, sorry, echt nicht. Da hilft auch der traditionelle Gutschein für ein Freigetränk bei der CDU-Party im K7 nicht.

Auch der halbwegs originelle Spruch „WIR WISSEN WANN DEIN ERSTES MAL IST“ wirkt angesichts des OptOutDays nur halb so witzig.

Beinahe-Rums

Als Autofahrer hat man immer die schlechteren Karten, wenn man sich im Verkehrsraum mit einem Fahrrad anlegt — man sollte es also tunlichst vermeiden.

Als ich heute nach Hause fuhr, bog ich nach links auf die B203 ein. Rechts von mir ist die sagenhafte Baustelle, weil noch einmal hundert Meter Straße vierspurig ausgebaut werden, soll heißen: der Flaschenhals, denn Reißverschluss funktioniert hier nie, wird hundert Meter weiter nach hinten geschoben. Weil es dort auf der rechten Straßenseite die Baustelle hockt, die Fahrradfahrer aber zu eitel sind, über die Ampel die Straßenseite zu wechseln, rattern lieber alle über die unebene Baustelle (und fallen in das offene Gullie-Loch, aber das ist eine andere Geschichte) und purzeln am Ende der Baustelle, also an der Ampel, an der ich jetzt stand, mitten auf die Straße.

Ich bog gerade ab, als von rechts ein Radfahrer freilich nicht mitten auf der Straße fuhr, aber doch so weit mittig, dass ich ihn locker vom Sattel gehoben hätte, ja, hätte ich denn nicht gebremst. Mal ganz davon abgesehen, dass er zusätzlich seine rote Ampel ignoriert hatte. Ich hupte, er zeigte mir den Mittelfinger, ich hielt ein paar Meter später an, um ihn durchs offene Fenster zu erklären, er solle doch bitte nächstes Mal auf der anderen Seite fahren, er nannte mich Arschloch, weil schließlich nichts passiert war, ich solle mich nicht so anstellen.

Um den Verkehr nicht zu behindern, fing ich ihn an der nächsten Kreuzung ab, denn das wollte ich jetzt geklärt haben. Niemand nennt mich Arschloch und streckt mir den Mittelfinger entgegen, nachdem er mir beinahe auf der falschen Straßenseite bei rot vor die Karre donnert. Das hatte nicht nur bei mir was mit Stolz zu tun, sondern auch bei ihm, der mittlerweile gelinde gesagt schon vor Wut schäumte. Ich machte mich auch nicht besser und erklärte ihm, beim nächsten Mal die Polizei zu rufen, denn zwei Beleidigungen und zwei Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung mit Gefährdung, das ist schon was, wofür die Beamten aus dem Wagen steigen. Ich blieb zum Glück drinnen sitzen, sonst hätten wir uns vermutlich geprügelt, wäre er nicht nach ein paar weiteren Beleidigungen weitergefahren.

Zwei Kreuzungen später war nicht nur bei mir der Puls noch auf 180: aus dem Gegenverkehr wollte jemand links abbiegen und nutzte die große Lücke vor mir, hatte aber nicht mit meinem neuen Freund gerechnet, der bei rot die Fußgängerampel nahm, das Auto bremste abrupt auf meiner Fahrspur und ich musste so was von einer Vollbremsung hinlegen, dass mir jetzt noch die Knie schlottern.

Manche lernen’s eben nie. Gilt vermutlich auch für mich.

DPD

Dass ich mit DHL nicht so ganz glücklich war, naja, das ist schon eine Weile her. Meine Sendungen kommen seit einiger Zeit wieder nach einem Tag am Bestimmungsort an und vertrödeln nicht ihre Zeit in irgendwelchen Zentrallagern.

Nun habe ich mir endlich einen Drobo bestellt — das war am Montag. Und der Verkäufer setzt nicht auf DHL, nicht auf UPS, nein, er schickt mit DPD. Gleich am Montag bekam ich meine Versandbenachrichtigung, die Lieferung ist für den 17. bis 21. September angedacht. Vier bis sieben Tage sind in der heutigen Zeit schon nicht mehr zeitgemäß.

Dann recherchierte ich weiter in den Tiefen von Twitter, aber was ich da erfuhr, das war schon fast so unerfreulich wie diverse Testberichte. Ich bin gespannt, wie das Ding bei mir ankommt, aber eins kann ich dem Verkäufer schon mal versprechen: ich werde mich nicht monatelang mit DPD zanken, wenn das Ding kaputt oder verloren ist.

Vertrauenserweckend sind die Hinweise zur Lieferung:

(…) Sollte es einmal zu Problemen bei der Anlieferung kommen, bitten wir Sie, uns zu kontaktieren. Lassen Sie sich in keinem Fall zu einer Unterschrift durch den Frachtführer drängen oder nötigen, dieser ist verpflichtet die Sendung bis zu 3 mal kostenfrei für Sie erneut zuzustellen.

Halten Sie im Zweifel mit uns Rücksprache und stellen Sie die Sendung für einen Tag zur erneuten Auslieferung zurück.

Ist die Sendung von aussen offensichtlich beschädigt, so nehmen Sie diese bitte nicht oder nur unter Vorbehalt (Unterschrift u.V.) an.

Lassen Sie die Sendung im Zweifel zurückgehen ! (…)

Überraschend freundlich war die Dame an der Hotline: ganze zehn Minuten zu jeweils 14 Cent hatten wir verquatscht. Ich bekomme meine Nummer für die Lieferungsverfolgung so schnell wie möglich und wenn es Probleme gibt, wird sich der Händler um Ersatz bemühen.

Nur Ärger mit Zensursula

Als ich heute morgen im Bett noch schlaftrunken von den gestrigen Ereignissen meine Mails checken wollte, schmiss mein iPhone fröhlich mit Fehlermeldungen um sich. Das ist soweit nichts ungewöhnliches — iPhone und Mailserver mögen sich nur bedingt und wenn’s dann mal hakt, fliegen so richtig die Fetzen. Gerade die IMAP-Ordner mit den über 30.000 Mails der Piraten-Mailinglisten machen dem kleinen Gerät zu schaffen. Dass aber mein Mac keine Mails mehr abrufen mag, ist durchaus ungewöhnlich. Und wenn sich Adium nicht mehr mit meinem XMPP-Dienst verbindet, spricht das mehr oder weniger für eine deutliche Überlastung meiner Kiste. Meistens hat sich dann irgend ein Prozess versenkt oder ein unsauber programmiertes PHP-Skript in den tiefen des Debian-Systemes verlaufen. Ich würde die Sache schnell in Ordnung bringen.

Lediglich vier Retweets hatten meinen Artikel empfohlen, doch über die Google-Suche stürzte ein Schwall an Lesern auf der Suche nach Wasserbomben und Zensursula in mein Blog. Normalerweise bin ich neugierig und lasse mir von StatPress die Besucherzahlen ausgeben, doch das Plugin war dem Ansturm nicht gewachsen: erst 150 Besucher zeigte es mir für den heutigen Tage an. Das ist zwar so viel wie ich sonst im Verlaufe eines Tages begrüßen darf, aber nichts, was meinen Server in die Knie zwingen sollte. Ein Blick in Apaches Access-Logfile offenbahrt: StatPress hat allenfalls jeden zehnten Besucher erkannt. Und in der Live-Ansicht rasten die Zeilen in einer grauen, undurchdringlichen Masse an mir vorbei.

Ja, ich war noch halb im Bett und draußen tobte schon so richtig die Party.

Über SSH kam ich nur mühsam an meinen Server heran, fragte ich ihn nach seinem Load, erhielt ich erst nach mehreren Minuten Antwort: erst 10.3, dann 31.5, dann 50.6. Seit ich mit Caldera die Galerie nicht mehr dynamisch ausgeben lasse, habe ich schon lange keine solchen Werte gesehen. Sofern die ersten 150 Besucher nicht irgendeinen Server-Dienst gründlich aus dem Tritt gebracht haben, der meiner Kiste auf den Nerven liegt, lief gerade etwas entschieden schief. Das ist schlecht um zehn Uhr morgens.

Verbindungsversuche über SSH unterschlägt mein Server gekonnt: der Load ist inzwischen über 70 geklettert — ein Wunder, dass die Kiste überhaupt noch mit mir spricht, wenngleich auch erst nach einer langen Wartezeit. Ich versuche, den Server neu zu starten, um die ganzen wartenden Prozesse zu killen. Danach schaffe ich es immerhin bis zur Anmeldung, kann nach ein paar Minuten das Stop-Kommando des Webservers absenden — aber der Befehl verpufft wirkungslos in der Warteschlange. Ich sollte beizeiten meine Unix-Kenntnisse vertiefen, um dem SSH-Server eine höhere Priorität zu geben, sofern das irgendwie nur geht.

Nach einem erneuten Server start schalte ich blitzschnell die Domain maltehuebner.com ab und schleiche mich durch den Hintereingang in den Admin-Bereich, um dort erstmal das WP-Cache-Plugin zu installieren. Es sollte nur ein paar Minuten überbrücken, danach gibt der MySQL-Server auf, warum auch immer, es sollte nicht rund laufen an diesen Dienstagmorgen. Denn dann ist eh alles egal, denn dann verlinkt mich netzpolitik.org, eine sehr große Ehre, aber binnen Minuten strecken die Besucherströme meinen armen Server zu Boden. Dummerweise kann ich mich darum nicht mehr kümmern: Ursula von der Leyen besuchte heute das Rendsburger Mehrgenerationenhaus — und ich will wieder dabei sein.

Es ist irgendwie schon seltsam, sich ein zweites Mal geradezu in eine Veranstaltung der Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend einzuschleichen. Wobei einschleichen eigentlich nicht der falsche Begriff ist, denn ich betrete die Veranstaltung weder unauffällig durch die Hintertür, noch muss ich den Sicherheitsdienst bescheißen. Mit meiner dicken Kamera gehe ich problemlos als Fotojournalist durch und weil niemand Fragen stellt, brauche ich niemandem auf die Nase zu binden, dass ich bloß zu meinem privaten Vergnügen hier herumstromere.

IMG_2078

Von der Leyen hat sich im Rendsburger Christopherushaus angekündigt. Mir ist während der Jahre, die ich dort schon ein und aus gehe, noch immer nicht ganz klar geworden, wer alles in diesem Haus residiert. Der Rendsburger Kirchenkreis hat dort seine Büros, es gibt eine größere Veranstaltungshalle mit Küche und irgendwo wurde anscheinend ein Mehrgenerationenhaus eingebaut — ich bin gespannt. Weil ich mich vorher noch Hand an meinen Server anlegen musste, komme ich dieses Mal relativ zeitig an. Das kann die Ministerin glücklicherweise nicht von sich behaupten, so bleibt mir noch etwas Zeit, ein wenig mit den Piraten zu tratschen, die sich abseits des Einganges versammelt haben. Im Christopherushaus findet anscheinend zusätzlich noch eine Weiterbildungsveranstaltung statt, der Parkplatz ist gut gefüllt, erst recht, weil es keinen Parkwächter gibt, der für Recht und Ordnung sorgt.

Die Piraten geben sich anders als gestern nicht als solche zu erkennen — man könnte die vier glatt für CDU-Wähler halten, so wie sie herumlaufen. Keine Piraten-T-Shirts, keine Plakate, nicht mal eine Fahne; entweder hat man blitzschnell aus den gestrigen Problemen gelernt oder einfach verpeilt, sich zu organisieren. Dennoch fällt es dem Sicherheitsdienst nicht schwer, uns als Piraten zu identifizieren: wer sonst würde eine völlig uninteressante Rede während einer völlig uninteressanten Veranstaltung (in einer freilich ebenso uninteressanten Stadt) hören wollen? Die Personenschützer erkennen mich wieder, tuscheln, schauen zu uns rüber, wir schauen demonstrativ zurück und machen unsere Späßchen. Weil ich fürchte, seit gestern als Sympathisant der Piraten bekannt zu sein, löse ich mich wieder aus der Gruppe und marschiere Richtung Haupteingang. Schließlich will ich heute noch was erleben und nicht riskieren, der gestrigen Ereignisse wegen nicht hineingelassen zu werden.

IMG_2085

Vor dem Eingang warten Lokalpolitiker und die Journalisten von der Lokalpresse. Ich wittere meine Chance, besorge mir von meiner Kollegin einen Fotoauftrag und plane, den Personenschützern meinen redaktionellen Auftrag direkt auf die Nase zu binden, falls sie mich nicht lieb haben sollten. Doch wieder interessiert sich niemand für mich, stellt niemand fragen, will niemand meine Kamera in Augenschein nehmen.

Der Wagen mit dem Berliner Kennzeichen fährt vor, das übliche Prozedere beginnt: Hände werden geschüttelt, nach dem Befinden wird gefragt, lautes Gelächter, die Ministerin für alles außer Männer sieht sich umringt von Männern, die sie langsam in Richtung Tür bugsieren. Ich laufe voraus und drücke den Auslöser durch. Oben vor dem Kleinen Saal treffe ich meine Freunde von der Piratenpartei wieder. Anscheinend gab es eine kurze Diskussion mit dem Sicherheitsdienst, ob man die vier, deren Parteizugehörigkeit mehr als offensichtlich war, in den Saal lassen sollte oder ob gar Gefahr von den adrett gekleideten Gästen ausgehen könnte. Die Chefin setzt auf Risiko, will die Piraten unauffällig auf die hinteren Plätze bugsieren, so unauffällig, dass die Piraten gar nicht begreifen und kurzerhand hinter von der Leyen Platz nehmen. Der Sicherheitschefin passt das freilich gar nicht in den Kram, doch jetzt noch die Plätze zu tauschen erscheint wohl auch ihr zu albern. Während der nächsten Viertelstunde sollte sie die vier Piraten nicht aus den Augen lassen. Mit vielleicht zwanzig Leuten sitzen wir im Kleinen Saal, vorne die Politiker mit Krawatte, dann vier Piraten, dann ein paar Mitarbeiter, dann das Buffet.

IMG_2110

Was von der Leyen am Mikrofon referierte bekam ich gar nicht so richtig mit. Ich war mit meinen Fotos beschäftigt, schließlich hatte ich seit wenigen Minuten einen redaktionellen Auftrag im Rücken. Und doch bildeten die Fetzen, die ich mit halbem Ohr mithörte, eine bizarre Situation: die Ehrenamtler engagieren sich im Mehrgenerationenhaus und die von der Leyen stellt sich vorne hin und erzählt ihnen noch mal, was sie alles tolles gemacht haben. Es mag sein, dass es aus Sicht der Beteiligten interessanter klang, was die Dame in pink dort vorne erklärte, aber mich langweilte die ganze Sache ziemlich schnell. Ich glaube nicht, dass von der Leyen den ehremantlichen Helfern noch kluge Ratschläge geben oder gar neues aus deren Alltag berichten kann — sie sollte es bleiben lassen. Immerhin erzählt sie nichts zum Thema Kinderpornografie.

IMG_2119

Vorne unterhalte ich mich kurz mit einem Personenschützer. Ich weiß nicht, ob er eigentlich Personenschützer ist oder nur deren Chef, denn seine Statur disqualifiziert ihn genauso wie sein Klemmbrett, an dem er sich geradezu ängstlich festklammert. Er ist überraschend nett und erzählt, dass er so eine Attacke wie gestern noch nicht erlebt hat. Er müsse sich wohl auf harte Zeiten einstellen, rate ich ihm, Wahlkampf trägt seinen Namen nicht aus Spaß, hier geht’s heiß her. Dann gehen wir wieder getrennte Wege: er geht telefonieren, ich gehe twittern.

Dann fällt mir plötzlich ein, dass das mit dem Twittern vielleicht keine gute Idee ist. Vielleicht sitzen draußen in einem Überwachungswagen Männer mit Anzügen und tasten die Twitter-Timeline nach #Zensursula ab — sie müssten nur kurz nachdenken und kämen locker drauf, dass ich gestern in Wedel und heute in Rendsburg dabei bin. Und wenn ich zum #Zensursula-Hashtag greife, dann habe ich doch bestimmt etwas böses vor… spontan bilde ich mir ein, dass mein netter Gesprächspartner während seines Telefonates mit einem undefinierbaren Blick zu mir herübersieht.

IMG_2136

Ich wechsle noch ein paar Worte, denn inzwischen wird gesungen und trotz Textvorlage schlägt sich von der Leyen mehr schlecht als recht. Dabei hatte sie doch vor ein paar Monaten noch damit angegeben, dass bei ihr zu Hause regelmäßig gesungen würde. Vielleicht hat sie das in der letzten Zeit verlernt, zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass sie nach einem langen und anstrengenden Tag noch nach Hause fährt und sich um ihre Kinder kümmert, wenn sie gerade in der entferntesten Provinz ihren Wahlkampf feiert. Ihr Nachbar hält auch nicht viel vom Singen und auch die nicht-singende, aber hörende Presse ist froh, dass die Politiker ihr Lied nach einer Zugabe beendeten.

IMG_2158

Wir springen auf und latschen der Ministerin am Buffet vorbei in den Keller. Ein enger Gang führt aus dem Flur, links eine Bastelstube ohne Fenster, rechts ein leeres Zimmer mit Fenstern, hinten ein etwas größerer Raum mit strickenden Damen und Fenstern. Wir drängen uns hinein, die von der Leyen, die Presse und die Politiker und finden kaum Platz. Die Ministerin spricht, belanglos, ich kenne mich nicht aus mit Stricken, aber es ist alles wunderbar. Wir ziehen weiter zum nächsten Raum, zum dunklen, viele Kinder stehen dort drin und basteln. Was sie basteln, das bekommt nicht einmal von der Leyens Charme heraus, aber toll ist es und prima machen sie es und während sie da spricht, blitzen wir und notieren und schwitzen. Der kleine Raum heizt sich angesichts der vielen Menschen schnell auf, um den Tisch stehen die Kinder und basteln und drumherum die Politiker und Journalisten und drängeln und blitzen und notieren, nur Frau von der Leyen, Frau von der Leyen strahlt eine Ruhe aus, die fasziniert. Sie nimmt sich Zeit und unterhält sich ausgiebig, geht auf Fragen ein, ist ganz nah am Volk.

IMG_2217

Ja, sie ist wohl geübt nach vier Jahren in der Bundesregierung und noch mehr Jahren in der Politik, aber in diesem kleinen Mikrokosmos der Bastelstube entspinnt sich eine eigenartige Ordnung um Frau von der Leyen, die so ruhig und gefasst ihre belanglosen Gespräche führt, die sich nicht zusammenfassen lassen, weil niemand so richtig weiß, was sie eigentlich gesagt hat, und drumherum stehen die Journalisten und drängeln und blitzen und notieren. Und der Personenschutz steht mittendrin und es gefällt ihm gar nicht, diese Enge, diese Drängelei. Es wäre freilich ein leichtes gewesen, irgendwelche Boshaftigkeiten mitzubringen — von der Leyen hätte es erst gemerkt, wenn es zu spät gewesen wäre.

Je länger wir dort stehen und schwitzen, desto schneller vergeht die Zeit. Von der Leyen marschiert direkt hinter mir in den nächsten leeren Raum, steht dort, diskutiert über finanzpolitische Dinge, von denen ich nichts verstehe, ich warte draußen. Dann laufen wir alle auf die Terrasse, ein Gruppenfoto, ich will aber nicht mit drauf, sage ich leicht humorvoll, befürchtete ich insgeheim angesichts der Hektik überhaupt nicht, mit ins Bild geschoben zu werden. Von der Leyen bekommt Geschenke, von der Leyen lächelt, freut sich, alles ist in Ordnung.

IMG_2259

Weiter unten ist die Welt nicht so heiter. Die Piraten hatten wohl doch eine Flagge dabei und wurden von der Polizei erst des Platzes verwiesen, fingen dann an zu diskutieren und durften doch bleiben — so ganz blicke ich da nicht durch. Anscheinend konnten sie noch ein paar Mitarbeiter des Mehrgenerationenhauses bekehren. Was bleibt: die Verwunderung über diese Hektik, die um von der Leyen am Ende Ausbrach. Eigentlich kein Wunder, war es doch ihre dritte Besichtigung heute. Vermutlich hat sie in Husum und Schleswig schon so einiges an strickenden Damen und bastelnden Kindern erlebt. Ein Mehrgenerationenhaus scheint so einfach wie der Begriff: mehrere Generationen in einem Haus. Von dem viel beschworenen Miteinander zwischen Jung und Alt war noch nichts zu sehen. Und es drängt sich der Gedanke auf, dass diese konservativen Werte, von denen sie so sehr schwärmte, irgendetwas mit bastelnden Kindern und strickenden Damen zu tun haben könnte.

Vielleicht ist das die Welt, in der von der Leyen zu Hause ist — und in der sie ihre Kompetenzen hat.