Das gestern soll ’ne coole Aktion gewesen sein? Von wegen — heute setzten wir noch einen drauf. Zuallererst wollten wir eine Podiumsdiskussion zum Thema Bildung sprengen. Dort saßen freilich nicht allzu alte, aber viel zu eingefahrene Redner an ihrem Tisch und hielten sich an ihrem Mikrofon fest, während sie fernab der Realität darüber sprachen, wie sich die Politik des Problemes Bildung annehmen müsste. Weil die Veranstaltung sich aber überraschend in die Länge zog — erst fehlten die Redner der FDP, dann streikte kurz die Technik, blieb nur Zeit für eine Frage zum Thema Analphabetismus, mit der wir die Redner allerdings schnell bloßstellten. Danach setzen wir uns ab — wir sind schließlich für Taten und nicht für lange Diskussionen. Außerdem wurde Guido Westerwelle um 20 Uhr auf der anderen Seite der Kieler Förde erwartet.
Es ist schon ein bisschen lustig, was die Piraten mit Leuten machen, die sie nicht leiden mögen: die kommen dann angefahren mit ihrer Lichtkanone und werfen eine halbe Stunde lang ihr Logo auf deren Hütte und freuen sich. Ich glaube, die FDP-Wähler konnten wir nicht umstimmen, aber lustig war’s dennoch. Schon beinahe überraschenderweise gab es weder großen Ärger mit FDP-Wählern oder der Polizei.
Drinnen ging es derweil hoch her, als ein paar Vertreter aus der grünen Ecke ihr Transparent ausrollten und „Mehr Geld!“ skandierten. Der Guido wusste gar nicht wie ihm geschah, während er auf der Bühne unter Kronleuchtern von Reichtum referierte, das Publikum bat wütend um Ruhe und nach einiger Zeit besann sich der Sicherheitsdienst, ihnen das Plakat wegzunehmen. Danach hatten die Grünen keine Lust mehr und gingen nach Hause. Dafür hatte ich den Ärger am Hals, denn ein paar FDP-Wähler hatten beobachtet, dass ich die ganze Aktion fleißig fotografiert hatte und forderten vehement, dass ich die Fotos lösche — sonst würden sie die Polizei rufen. Habe ich ihnen auch empfohlen, die stand ja zehn Meter weiter weg, aber dann wurd’s den gelben plötzlich zu doof. „Die jungen Leute“ eben.
Die jungen FDP-Anhänger sind übrigens ein gänzlich komisches Volk. Ich meine, wir Piraten, wir sind Nerds und sehen auch so aus und ob es so nett ist, wenn wir unser Logo auf die Veranstaltungshalle der FDP richten, das sei mal dahingestellt. Die jungen FDP-Leute kamen nach Ende der Party aus der Halle gepurzelt, teilweise sichtlich angetrunken und wollten sich mit uns unterhalten. Und jetzt mal im Ernst, die konnte man gar nicht auseinander halten, die sahen alle aus wie Kai Diekmann, so komisch gegeelt und geschniegelt, wenn man einen davon entführt, braucht man gar kein Lösegeld, man verkauft einfach seine Kleidung und setzt sich ab in die Karibik. Und ich dachte immer, das mit der finanziellen Elite, das sei ein doofes Vorurteil, aber seit heute weiß ich: es stimmt wirklich. Eingebildet ohne Ende, weil aus reichem Elternhaus, das dicke Auto direkt im Halteverbot geparkt und den passenden Kleidungsstil. Es war echt zu komisch und ich kann auch Stunden nach der Veranstaltung noch immer den Kopf darüber schütteln: während die älteren Gäste ja halbwegs normal nach Geschäftsmann oder finanziell stabil aussahen, war das jüngere Publikum bis auf ganz wenige Ausnahmen durchweg komisch, ganz viele Kai Diekmanns auf einem Haufen. Dann wollten sie wieder mit uns diskutieren, aber mit ihnen zu diskutieren hatte wenig Sinn, weil ihnen die grundlegensten politischen Begriffe fehlten, dann wurden sie teilweise aggressiv und wollten unsere Lichtkanone umtreten und die Piraten-Wahlplakate von den Laternen reißen und sammelten nachher Geld, damit wir uns ’n Döner kaufen könnten. Dann stritten sie lautstark darüber, welche Discothek sie jetzt ansteuern sollten — das schien an diesem Abend ihre einzige Sorge zu sein. Mit jungen Fans anderer Parteien kommt man vielleicht bezüglich seiner politischen Ansichten nicht auf einen Nenner, aber die SPD- und CDU-Leute sind ausgesprochen höflich, die LINKEN und Grünen sogar noch mehr, mit denen würde ich abends auch mal ein Bier trinken gehen oder zwei, aber junge FDP-Typen sind wirklich ein unangenehmes Volk. Nachdem sie mitbekommen hatten, dass auch ich irgendwas mit den Piraten zu tun hatte, wurden sie schnell beleidigend und persönlich, aber hey, es heißt ja schließlich Wahlkampf und nicht Wahlkuscheln oder so — und außerdem waren sie teilweise arg betrunken.
Wir setzen uns dann ab nach Flensburg, um noch einen Getreidesilo anzustrahlen und ein Reverse-Graffiti auf den Holzsteg zu spritzen. Sieht richtig gut aus — und hält noch ein paar Legislaturperioden durch.
