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Piraten entern die FDP

Donnerstag, 24. September 2009

Das gestern soll ’ne coole Aktion gewesen sein? Von wegen — heute setzten wir noch einen drauf. Zuallererst wollten wir eine Podiumsdiskussion zum Thema Bildung sprengen. Dort saßen freilich nicht allzu alte, aber viel zu eingefahrene Redner an ihrem Tisch und hielten sich an ihrem Mikrofon fest, während sie fernab der Realität darüber sprachen, wie sich die Politik des Problemes Bildung annehmen müsste. Weil die Veranstaltung sich aber überraschend in die Länge zog — erst fehlten die Redner der FDP, dann streikte kurz die Technik, blieb nur Zeit für eine Frage zum Thema Analphabetismus, mit der wir die Redner allerdings schnell bloßstellten. Danach setzen wir uns ab — wir sind schließlich für Taten und nicht für lange Diskussionen. Außerdem wurde Guido Westerwelle um 20 Uhr auf der anderen Seite der Kieler Förde erwartet.

Es ist schon ein bisschen lustig, was die Piraten mit Leuten machen, die sie nicht leiden mögen: die kommen dann angefahren mit ihrer Lichtkanone und werfen eine halbe Stunde lang ihr Logo auf deren Hütte und freuen sich. Ich glaube, die FDP-Wähler konnten wir nicht umstimmen, aber lustig war’s dennoch. Schon beinahe überraschenderweise gab es weder großen Ärger mit FDP-Wählern oder der Polizei.

Drinnen ging es derweil hoch her, als ein paar Vertreter aus der grünen Ecke ihr Transparent ausrollten und „Mehr Geld!“ skandierten. Der Guido wusste gar nicht wie ihm geschah, während er auf der Bühne unter Kronleuchtern von Reichtum referierte, das Publikum bat wütend um Ruhe und nach einiger Zeit besann sich der Sicherheitsdienst, ihnen das Plakat wegzunehmen. Danach hatten die Grünen keine Lust mehr und gingen nach Hause. Dafür hatte ich den Ärger am Hals, denn ein paar FDP-Wähler hatten beobachtet, dass ich die ganze Aktion fleißig fotografiert hatte und forderten vehement, dass ich die Fotos lösche — sonst würden sie die Polizei rufen. Habe ich ihnen auch empfohlen, die stand ja zehn Meter weiter weg, aber dann wurd’s den gelben plötzlich zu doof. „Die jungen Leute“ eben.

Die jungen FDP-Anhänger sind übrigens ein gänzlich komisches Volk. Ich meine, wir Piraten, wir sind Nerds und sehen auch so aus und ob es so nett ist, wenn wir unser Logo auf die Veranstaltungshalle der FDP richten, das sei mal dahingestellt. Die jungen FDP-Leute kamen nach Ende der Party aus der Halle gepurzelt, teilweise sichtlich angetrunken und wollten sich mit uns unterhalten. Und jetzt mal im Ernst, die konnte man gar nicht auseinander halten, die sahen alle aus wie Kai Diekmann, so komisch gegeelt und geschniegelt, wenn man einen davon entführt, braucht man gar kein Lösegeld, man verkauft einfach seine Kleidung und setzt sich ab in die Karibik. Und ich dachte immer, das mit der finanziellen Elite, das sei ein doofes Vorurteil, aber seit heute weiß ich: es stimmt wirklich. Eingebildet ohne Ende, weil aus reichem Elternhaus, das dicke Auto direkt im Halteverbot geparkt und den passenden Kleidungsstil. Es war echt zu komisch und ich kann auch Stunden nach der Veranstaltung noch immer den Kopf darüber schütteln: während die älteren Gäste ja halbwegs normal nach Geschäftsmann oder finanziell stabil aussahen, war das jüngere Publikum bis auf ganz wenige Ausnahmen durchweg komisch, ganz viele Kai Diekmanns auf einem Haufen. Dann wollten sie wieder mit uns diskutieren, aber mit ihnen zu diskutieren hatte wenig Sinn, weil ihnen die grundlegensten politischen Begriffe fehlten, dann wurden sie teilweise aggressiv und wollten unsere Lichtkanone umtreten und die Piraten-Wahlplakate von den Laternen reißen und sammelten nachher Geld, damit wir uns ’n Döner kaufen könnten. Dann stritten sie lautstark darüber, welche Discothek sie jetzt ansteuern sollten — das schien an diesem Abend ihre einzige Sorge zu sein. Mit jungen Fans anderer Parteien kommt man vielleicht bezüglich seiner politischen Ansichten nicht auf einen Nenner, aber die SPD- und CDU-Leute sind ausgesprochen höflich, die LINKEN und Grünen sogar noch mehr, mit denen würde ich abends auch mal ein Bier trinken gehen oder zwei, aber junge FDP-Typen sind wirklich ein unangenehmes Volk. Nachdem sie mitbekommen hatten, dass auch ich irgendwas mit den Piraten zu tun hatte, wurden sie schnell beleidigend und persönlich, aber hey, es heißt ja schließlich Wahlkampf und nicht Wahlkuscheln oder so — und außerdem waren sie teilweise arg betrunken.

Wir setzen uns dann ab nach Flensburg, um noch einen Getreidesilo anzustrahlen und ein Reverse-Graffiti auf den Holzsteg zu spritzen. Sieht richtig gut aus — und hält noch ein paar Legislaturperioden durch.

Wir entern den Verlag

Mittwoch, 23. September 2009

Wie lustig war denn bitte die gestrige Aktion? Ein dutzend Piraten treffen sich am Rendsburger Kreishafen, bauen ihr Spielzeug auf und strahlen ihr Piratenlogo an den nächstbesten Silo. Sogar die Presse war dieses Mal anwesend — umso lustiger, dass wir eine halbe Stunde später zur Druckerei des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages gefahren sind und schon bevor wir überhaupt unsere Kanone aufgebaut haben, für richtig Panik sorgten.

Der Sicherheitsdienst rief die Polizei, man befürchtete wohl wir würden irgendwelche Schmierereien an die Wände krickeln wollen. Die Polizei hörte sich unseren Plan kurz an, ließ sich noch ein paar Piratenflyer andrehen, verschwand dann hinter der nächsten Kreuzung und sah uns beim Spaß haben zu.

Und heute toppen wir das noch einmal — vielen Dank an www.lichtkunst24.de für die Unterstützung.

Weil ich die Ziele nicht teile

Montag, 21. September 2009

Sehr geehrter Herr Hübner,

am 27. September finden zwei Wahlen statt. Sie könenn mitbestimmen, in welche Richtung die politischen Weichen in der Bundespolitik und in Schleswig-Holstein für die kommenden Jahre gestellt werden.

Unsere wichtigsten Ziele, für die wir gemeinsam mit unserer Partei kämpfen, sind:

  • Die Menschen sollen für ihre Arbeit faire Löhne bekommen.
  • Bildung soll von Anfang an kostenlos sein und jeder Schulabgänger soll einen Ausbildungs- oder Studienplatz erhalten.
  • Männer und Frauen sollen für gleiche Arbeit den gleichen Lohn bekommen.
  • Der Atomausstieg soll nicht angetastet werden.
  • Deutschland soll die Ideenschmiede der Welt in Sachen Klimaschutz werden — das schafft neue Jobs.
  • Die NPD muss verboten werden.

Wenn Sie diese Ziele teilen, wählen Sie uns als Direktkandidaten mit ihrer Erststimme und mit Ihrer zweiten Stimme die SPD.

Mehr über uns und unsere Positionen finden Sie auf unseren Webseites, auf www.spd-rd-eck.de, bei Facebook oder bei meinVZ.

Vielleicht sind Sie nicht sicher, ob Sie mit unserer Politik übereinstimmen oder Sie finden andere Themen wichtiger. Dann versuchen Sie doch mal den Wahl-O-Mat (www.wahlomat.de). Oder rufen Sie uns einfach an.

Viele Grüße

Sönke Rix, Martin Klimach-Dreger, Kai Dolgner, Rafstegner und Ulf Daude

Ich wundere mich nicht nur der Vollständigkeit halber, weil Sonnabend die CDU geschrieben hatte, nein, ich wundere mich, wie man so einen selten dämlichen Brief an potenzielle Wähler rausschicken kann. Erstmal ist das Ding so unglaublich lahm und gegen die Disco-Freikarte der CDU kann sowieso in meinem Alter wenig anstinken.

Und dann steht da noch sinngemäß, hej, falls du dir nicht sicher bist, ob du SPD wählen sollst, lass dir mal vom Wahl-O-Mat zeigen, wer zu dir passt. Ich weiß nicht, ob das bloß doof oder überraschend ehrlich ist — einerseits ruft die SPD den Empfänger an die Wahlurne, egal, ob er nun SPD wählen will oder nicht, aber andererseits ist das natürlich für einen Wahlwerbebrief nicht so sonderlich klug.

Macht bei mir aber auch nichts mehr. Die Ziele teile ich zwar durchaus, aber wählen werde ich jemanden anders.

Darum keine CDU wählen

Samstag, 19. September 2009

Nachdem ich am OptOutDay der Weitergabe meiner Meldedaten widersprochen habe, schickte mir die CDU heute einen bauchpinselnden Brief (okay, die Daten haben sie sich wahrscheinlich schon vorher besorgt):

Liebe Erstwählerin,
lieber Erstwähler,

am 27. September können Sie das erste Mal bei einer Bundestags- und Landtagswahl abstimmen. Das ist ihre Chance, die Politik in Deutschland mitzubestimmen.

Angela Merkel und Peter Harry Carstensen stehen für eine Politik der Freiheit (sic!), Solidarität, Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Mit Ihrer Stimme können Sie dazu beitragen, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin und dass Peter Harry Carstensen unser Ministerpräsident bleibt. Deshalb bitten wir am Wahlsonntag um alle Stimmen für die CDU!

Nutzen Sie Ihre Chance! Lassen Sie nicht andere für Sie entscheiden, denn es ist nicht egal, wer im Bund und im Land regiert! Ihre Stimme zählt!

Und darum geht’s:

Wir wollen, dass Sie die Chance haben, Ihr Leben nach Ihren Vorstellungen selbst in die Hand zu nehmen. Sie sollen selbst entscheiden können. Wir wollen Ihnen nicht vorschreiben, wie Sie Ihr Leben gestalten sollen. Das ist Freiheit! (sic!)

Ohne Leistung geht es nicht: Wer den ganzen Tag arbeitet, soll von seiner Arbeit auch leben können. In der Not muss der Staat mit Zuschüssen helfen. Die CDU will auch, dass Einsatz belohnt wird. Wer mehr leistet als andere, darf auch mehr bekommen. Wir stellen uns gegen alle Neiddebatten, die ständig aus dem linken Spektrum entfacht werden. Das ist Gerechtigkeit!

Die Grundlage unserer Politik ist das christliche Bild vom Menschen. Unser Ziel ist die Bewahrung der Schöpfung und unserer Umwelt. Wir kümmern uns um Schwache und fordern Solidarität von Starken.

Ob es um unsere Umwelt geht, um unser Klima oder um den sozialen Ausgleich — wir haben die Interessen aller Altersgruppen im Blick: Wie können wir die Natur nutzen, ohne sie zu zerstören? Wie können wir Energie nutzen, ohne das Klima zu gefährden? Wie können wir Renten zahlen und Hilfebedürftige unterstützen, ohne diejenigen zu überlasten, die das finanzieren? Die richten Antworten hierauf gewährleisten Nachhaltigkeit.

Die Wahlbeteiligung der Jugendlichen ist in den letzten Jahren leider stets zurückgegangen. Wir möchten deshalb an Sie appellieren, Ihre Interessen in die Politik einzubringen.

Bei dieser Wahl treffen Sie die Entscheidung, wer Deutschland und Schleswig-Holstein klug aus der Krise führt. Wer nicht wählt, verpasst die Chance, mitgestalten zu können.

Nutzen Sie Ihr demokratisches Recht! Wir bitten um Ihr Vertrauen.

Herzliche Grüße,
Dr. Johann Wadephul
Hans Hinrich Neve

Nee, sorry, echt nicht. Da hilft auch der traditionelle Gutschein für ein Freigetränk bei der CDU-Party im K7 nicht.

Auch der halbwegs originelle Spruch „WIR WISSEN WANN DEIN ERSTES MAL IST“ wirkt angesichts des OptOutDays nur halb so witzig.

Linktipps

Freitag, 21. August 2009

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Sonntag, 16. August 2009

Ich erinnere mich an einen Zeitungsbericht, den ich leider nicht mehr auffinden kann: es ging um eine Gruppe Jugendlicher mit rechter Gesinnung, die auf Schulhöfen in Ostdeutschland rechte Propaganda verteilten. Nicht nur CDs wurden an neugierige Schüler verteilt, sondern auch Flyer und Buttons und Aufnäher. Die Rechten wussten, auf was die Jugendlichen fliegen.

Dummerweise behandelte der Geschichtsunterricht das Dritte Reich erst in den höheren Klassenstufen — in den jüngeren Jahrgängen wusste manch einer überhaupt nicht, wer diese schwarzgekleideten Gestalten waren. Von Hitler, Göbbels und Himmler noch nie etwas gehört. Woher auch, wenn zuhause keine Zeitungen mehr gelesen, keine Nachrichten mehr gesehen, wenn die Eltern die Erziehung vollkommen die Schule abtreten — die Schule manche Themen aber nur unzureichend oder viel zu spät behandelt?

Man mag fast behaupten, ein kleiner Teil der Schüler sei den Rechten ungeschützt und ahnungslos in die Fänge gelaufen. Eine junge Geschichtslehrerin witterte die Gefahr und schob gleich in den nächsten Geschichtsstunden einen Crashkurs über das Dritte Reich ein. Das volle Programm: Jugendverfolgung und -vernichtung, Propaganda, Zweiter Weltkrieg, der aufhaltsame Aufstieg des Adolf Hitler. Nicht wenigen Schülern, behauptete der Artikel, wurde erst da klar, worum es den netten Menschen mit den CDs überhaupt ging.

Dem Direktor wohl nicht so: er ließ nicht nur konsequenterweise die Rechten rauswerfen, sondern verbot auch den vorgezogenen Geschichtsunterricht über das Dritte Reich. Schriftlich teilte der der Lehrerin mit, dass die jüngeren Jahrgänge geistig nicht in der Lage seien, die Komplexität des Themas korrekt zu erarbeiten. Zu groß sei die Gefahr, dass einige pubertierende Schüler Gefallen an der rechten Gesinnung fänden.

Am nächsten Tag tauchten die Rechten wieder auf — und verteilten ihre Propaganda auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Liest man den Kommentar des Stern-Chefredakteurs Hans-Ulrich Jörges, dann haben wir aus der Vergangenheit nichts gelernt. Die Kernaussage des Artikels lässt sich wohl auf den Absatz reduzieren, in dem Jörges den rechtsfreien Raum nennt:

Es wird verherrlicht und verunglimpft, gehetzt und gelogen, agitiert und rekrutiert — völlig ungestört im Internet. Was in der realen Welt bestraft wird, bleibt in der digitalen Welt ungeahndet. Das Internet ist rechtsfreier Raum.

Es gilt das gleiche wie bei der Kinderpornografie: was strafbar ist, kann entfernt werden. Das Problem: was in Deutschland strafbar ist, muss spätestens in den Vereinigten Staaten unter Umständen nicht mehr strafbar sein. Vieles, was die restriktiven Gesetze in Deutschland unter Strafe stellen, deckt jenseits des Atlantiks die Meinungsfreiheit. Dass diesem Problem noch an einer akzeptablen Lösung mangelt, liegt auf der Hand: bei über einer Milliarde Internetnutzern bleibt hier und da etwas Schund nicht aus. Das Internet ließe sich mit Mühe noch auf ein Deutschlandnetz beschneiden, in dem nur deutsche Inhalte veröffentlicht werden, in dem die deutschen Rechtsgrundlagen gelten. Das Netz endet an der Grenze: vorbei ist es mit der Freiheit, aus der das Internet erwachsen ist. Keine E-Mail-Unterhaltungen mehr mit den Verwandten in Australien, keine elektronische Grußkarte mehr aus dem Kurzurlaub in London.

Ziemlich viel ließe sich mit dem Netz nicht mehr anfangen. Aber den deutschen Politikern und Journalisten, die das Potenzial des Netzes jahrelang nicht nur verkannt, sondern auch verleugnet haben, dürfte das kaum mehr auffallen.

Eine Frage aber bliebe offen: was ist, wenn ich auf amerikanischem Staatsboden brauner Nazipropaganda begegne, ja, mich sogar mit einem bekennenden Verehrer Hitlers unterhalte? Wie kann mich der Staat vor solcher Propaganda schützen? Wäre es dann nicht nur konsequent, die Mauer, die das Internet an der Grenze unterbricht, auch in der wirklichen Welt aufzustellen? Frei nach: Der Rest der Welt darf kein rechtsfreier Raum sein? Um nicht zu gleich zu sagen: Am deutschen Wesen mag die Welt genesen?

Der kleine, dürftige Kommentar eines einflussreichen Stern-Chefredakteurs geht tiefer in die komplexe Materie, als er sich träumen ließ. Denn auch hier gilt, salopp gesagt: sicher ist nur der Tod.

So wie wir uns damit abfinden müssen, dass es in dieser Welt Kindesmissbrauch gibt, weil es immer wieder Eltern, Nachbarn oder Fremde geben wird, die sich dem Reiz der unschuldigen Sexualität nicht entziehen können, so müssen wir uns auch damit abfinden, dass es immer wieder jemanden geben wird, der den Missbrauch dokumentiert und im Internet veröffentlicht. Wir können nur mit Windmühlen kämpfen und das Material immer und immer wieder löschen lassen. Verhindern lässt es sich erst, wenn wir Neugeborenen Chips implantieren, die Einfluss auf deren Gedankengänge nehmen — und nicht nur Gräueltaten verhindern, sondern den Menschen zu einer willenlosen Maschine werden lassen. Eine Horrorvision? Nein, der einzige Ausweg, den Jörges unüberlegter Kommentar offen lässt. Und keine Sorge: früher oder später werden auch Politiker auf diese Idee kommen.

Das Implantat würde nicht nur endlich Kindesmissbrauch wirkungsvoll verhindern, sondern endlich rechte Gedanken aus unseren Köpfen löschen. Aber so lange, bis Wissenschafter die Implantate entwickelt und Politiker deren Einpflanzung durchgesetzt haben, werden noch viele Jahrzehnte vergehen. Und bis dahin werden wir uns damit abfinden müssen, dass es rechte Propaganda in den Köpfen mancher Menschen gibt — und dass es rechte Propaganda im Netz gibt.

Die kann man sperren — und gleich wieder vor den üblichen Problemen stehen. Die richtig harten Seiten für Insider sind so gut versteckt, dass die Teilnehmer auch andere Kommunikationswege finden werden. Und die öffentlichen Seiten, auf die man dennoch nicht annähernd so oft stolpert, wie es in der Politik behauptet sind, dürften noch so geschickt formuliert sein, dass keine rechtlichen Gründe eine Sperrung rechtfertigen. Es dürfte in unserem Staat freilich ein leichtes sein, die Sperrung von rechten Seiten ohne rechtliche Grundlage bloß aufgrund ihrer Gesinnung voranzutreiben — aber dann kommt wieder das Bundesverfassungsgericht und kassiert das ganze Vorhaben.

Nun können Politiker natürlich davon träumen, dass eine Google-Suche nach Hitler eines Tages null Treffer ausgibt, aber ist das erstrebenswert? Wollte das deutsche Volk nie wieder vergessen? Hat unsere Demokratie keine andere Möglichkeit sich vor rechten Einflüssen zu schützen als jene Meinungen auszuradieren? Man mag mit sehr viel Aufwand das Internet kontrollieren können — die Gedanken der Menschen lassen sich nie kontrollieren.

Es wäre verkehrt, jedes Andenken an das Dritte Reich, sämtliche rechten Meinungen aus Deutschland zu entfernen. Sonst passiert unseren Kindern das gleiche, was uns schon einmal widerfahren ist: sie fallen auf die Leute mit den großen Worten herein. Keine Ahnung vom Dritten Reich? Keine Ahnung, wer der Hitler war, den Bands mit deutscher Schrift glorifizieren? So sieht der ideale Nährboden für rechtes Gedankengut aus. Unsere Kinder finden erst Gefallen an der Melodie — und dann am Songtext.

Ich halte eine Aufarbeitung der Deutschen Geschichte bereits in frühen Schuljahrgängen für unabdingbar. Rechtsradikalismus ist eine Sache, deren Ausbreitung sich noch recht einfach verhindern lassen kann: die Rechtsradikalen halten wir uns nicht mit Sperren vom Leib — sondern mit Wissen. Wer weiß, dass dieser Mann mit Glatze und Springerstiefeln den Tod von Abermillionen Juden ganz lustig findet, der nimmt seine Einladung zum lustigen Grillnachmittag nicht an.

Alle, die mit uns den Bundestag entern

Sonntag, 16. August 2009

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Holger Thiesen

Samstag, 15. August 2009

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Vor ein paar Tagen traf ich Holger Thiesen. Ich war gerade dabei, ein paar unterschriebene Unterstützungsformulare für die Piraten im Bürgerbüro zur Beglaubigung abzugeben, als Thiesen auftauchte. Er trug eine piratenfarbene Schärpe und trug ein Klemmbrett mit Unterstützungsformularen, so dass ich ihn zunächst für einen Sympathisanten der Piratenpartei hielt. Nachdem wir ins Gespräch gekommen waren, stellte sich heraus, dass er sich durchaus vor ein paar Tagen beim Kieler Piraten-Stammtisch vorgestellt hatte.

Dort war man von ihm wohl nicht so ganz angetan.

Trotzdem wollte Thiesen bis zu unserem Gespräch die Piraten unterstützen. Er geht als parteiloser Direktkandidat für den Kreis Rendsburg in den Wahlkampf und sein bisheriger Plan sah vor, für eine Zweitstimme für die Piratenpartei zu werben. Er gehört wohl einer Bewegung an, die das Wahlsystem in seiner ursprünglichen Idee wiederherstellen will: Direktkandidaten sollen keiner Partei angehören. Denn, so sagte Thiesen, sonst wären sie in ihrer Entscheidung nicht ihrem Gewissen, sondern ihrer Partei verpflichtet. Der Gedanke, dass im Bundestag 299 parteilose Abgeordnete sitzen, die hat durchaus seinen Reiz, auch wenn andere darin einen Schritt zurück in Richtung Weimar sehen mögen.

Dann erfuhr Thiesen, dass die Piraten ebenfalls einen Direktkandidaten stellen und wurde etwas ungehalten. Er werde unseren Kandidaten, dessen Namen ich ihm lieber nicht sagen wollte, er sollte ruhig mal im Internet nachsehen, persönlich angreifen und niedermachen. Und irgendwie würde am 11. September eine beispiellose Kampagne gestartet, die alles verändern würde. Oha, sagte ich erschrocken.

Dann zog Thiesen ab. Auf dem Piratenstammtisch erfuhr ich, dass Thiesen längst kein Unbekannter war. Nachdem er das mit unserem Direktkandidaten mitbekommen hatte, war er direkt zu unserem Wahlkampfstand in die Innenstadt marschiert und hat Torge Schmidt wohl etwas übler beschimpft. Die E-Mail-Korrespondenz, die seit mehreren Wochen von einigen Piraten mit Thiesen geführt wird, fällt wohl auch vermehrt durch niedriges Niveau auf.

Dann schrieb mir Thiesen noch eine Mail, um mich zu einem Event am letzten Sonntag einzuladen. Weil ich krank war, verpasste ich leider die Chance, das erste Treffen vieler parteiloser Kandidaten zu fotografieren und der Rest der Mail, der klang auch etwas komisch und ließ offen, worum es eigentlich ging.

Weil ich wusste, dass Thiesen bereits bei der Bundestagswahl 2005 angetreten war, warf ich einen Blick in das Archiv unserer Lokalzeitung. Die Suche nach seinem Namen warf zwar nur einen Treffer aus, aber der war durchaus interessant:

(…) Weniger Probleme mit der Regierungsbildung gäbe es, wenn die Bundesbürger so abgestimmt hätten wie die 40 Wähler im Kanaldorf Hörsten. CDU 23, SPD 13, FDP vier Zweitstimmen. Nix weiter. Keine Grünen, keine Linken, vom Rest ganz zu schweigen. Auch von dem Einzelbewerber mit dem Kennwort „Mut“. Holger Thiesen, der seit einigen Jahren bei nahezu jeder Wahl kandidiert und immer wieder behauptet, er habe durchaus Chancen, heimste diesmal im gesamten Wahlkreis vier 761 Stimmen ein – 0,5 Prozent. Vor drei Jahren gaben noch 1043 Rendsburg-Eckernförder Wähler dem Ex-Bundesliga-Handballer ihre Stimme. Selbst in Nübbel, wo Thiesen den Sport- und Spielverein leitet, erhielt er nur 46 Stimmen. Die 750 Mitglieder des SSV sind offensichtlich von den bundespolitischen Fähigkeiten ihres Vorsitzenden nicht sonderlich überzeugt. (…)

Ja, das ist Holger Thiesen. Vielleicht liegt das an seinem Nachnamen.