Als ich heute morgen im Bett noch schlaftrunken von den gestrigen Ereignissen meine Mails checken wollte, schmiss mein iPhone fröhlich mit Fehlermeldungen um sich. Das ist soweit nichts ungewöhnliches — iPhone und Mailserver mögen sich nur bedingt und wenn’s dann mal hakt, fliegen so richtig die Fetzen. Gerade die IMAP-Ordner mit den über 30.000 Mails der Piraten-Mailinglisten machen dem kleinen Gerät zu schaffen. Dass aber mein Mac keine Mails mehr abrufen mag, ist durchaus ungewöhnlich. Und wenn sich Adium nicht mehr mit meinem XMPP-Dienst verbindet, spricht das mehr oder weniger für eine deutliche Überlastung meiner Kiste. Meistens hat sich dann irgend ein Prozess versenkt oder ein unsauber programmiertes PHP-Skript in den tiefen des Debian-Systemes verlaufen. Ich würde die Sache schnell in Ordnung bringen.
Lediglich vier Retweets hatten meinen Artikel empfohlen, doch über die Google-Suche stürzte ein Schwall an Lesern auf der Suche nach Wasserbomben und Zensursula in mein Blog. Normalerweise bin ich neugierig und lasse mir von StatPress die Besucherzahlen ausgeben, doch das Plugin war dem Ansturm nicht gewachsen: erst 150 Besucher zeigte es mir für den heutigen Tage an. Das ist zwar so viel wie ich sonst im Verlaufe eines Tages begrüßen darf, aber nichts, was meinen Server in die Knie zwingen sollte. Ein Blick in Apaches Access-Logfile offenbahrt: StatPress hat allenfalls jeden zehnten Besucher erkannt. Und in der Live-Ansicht rasten die Zeilen in einer grauen, undurchdringlichen Masse an mir vorbei.
Ja, ich war noch halb im Bett und draußen tobte schon so richtig die Party.
Über SSH kam ich nur mühsam an meinen Server heran, fragte ich ihn nach seinem Load, erhielt ich erst nach mehreren Minuten Antwort: erst 10.3, dann 31.5, dann 50.6. Seit ich mit Caldera die Galerie nicht mehr dynamisch ausgeben lasse, habe ich schon lange keine solchen Werte gesehen. Sofern die ersten 150 Besucher nicht irgendeinen Server-Dienst gründlich aus dem Tritt gebracht haben, der meiner Kiste auf den Nerven liegt, lief gerade etwas entschieden schief. Das ist schlecht um zehn Uhr morgens.
Verbindungsversuche über SSH unterschlägt mein Server gekonnt: der Load ist inzwischen über 70 geklettert — ein Wunder, dass die Kiste überhaupt noch mit mir spricht, wenngleich auch erst nach einer langen Wartezeit. Ich versuche, den Server neu zu starten, um die ganzen wartenden Prozesse zu killen. Danach schaffe ich es immerhin bis zur Anmeldung, kann nach ein paar Minuten das Stop-Kommando des Webservers absenden — aber der Befehl verpufft wirkungslos in der Warteschlange. Ich sollte beizeiten meine Unix-Kenntnisse vertiefen, um dem SSH-Server eine höhere Priorität zu geben, sofern das irgendwie nur geht.
Nach einem erneuten Server start schalte ich blitzschnell die Domain maltehuebner.com ab und schleiche mich durch den Hintereingang in den Admin-Bereich, um dort erstmal das WP-Cache-Plugin zu installieren. Es sollte nur ein paar Minuten überbrücken, danach gibt der MySQL-Server auf, warum auch immer, es sollte nicht rund laufen an diesen Dienstagmorgen. Denn dann ist eh alles egal, denn dann verlinkt mich netzpolitik.org, eine sehr große Ehre, aber binnen Minuten strecken die Besucherströme meinen armen Server zu Boden. Dummerweise kann ich mich darum nicht mehr kümmern: Ursula von der Leyen besuchte heute das Rendsburger Mehrgenerationenhaus — und ich will wieder dabei sein.
Es ist irgendwie schon seltsam, sich ein zweites Mal geradezu in eine Veranstaltung der Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend einzuschleichen. Wobei einschleichen eigentlich nicht der falsche Begriff ist, denn ich betrete die Veranstaltung weder unauffällig durch die Hintertür, noch muss ich den Sicherheitsdienst bescheißen. Mit meiner dicken Kamera gehe ich problemlos als Fotojournalist durch und weil niemand Fragen stellt, brauche ich niemandem auf die Nase zu binden, dass ich bloß zu meinem privaten Vergnügen hier herumstromere.
Von der Leyen hat sich im Rendsburger Christopherushaus angekündigt. Mir ist während der Jahre, die ich dort schon ein und aus gehe, noch immer nicht ganz klar geworden, wer alles in diesem Haus residiert. Der Rendsburger Kirchenkreis hat dort seine Büros, es gibt eine größere Veranstaltungshalle mit Küche und irgendwo wurde anscheinend ein Mehrgenerationenhaus eingebaut — ich bin gespannt. Weil ich mich vorher noch Hand an meinen Server anlegen musste, komme ich dieses Mal relativ zeitig an. Das kann die Ministerin glücklicherweise nicht von sich behaupten, so bleibt mir noch etwas Zeit, ein wenig mit den Piraten zu tratschen, die sich abseits des Einganges versammelt haben. Im Christopherushaus findet anscheinend zusätzlich noch eine Weiterbildungsveranstaltung statt, der Parkplatz ist gut gefüllt, erst recht, weil es keinen Parkwächter gibt, der für Recht und Ordnung sorgt.
Die Piraten geben sich anders als gestern nicht als solche zu erkennen — man könnte die vier glatt für CDU-Wähler halten, so wie sie herumlaufen. Keine Piraten-T-Shirts, keine Plakate, nicht mal eine Fahne; entweder hat man blitzschnell aus den gestrigen Problemen gelernt oder einfach verpeilt, sich zu organisieren. Dennoch fällt es dem Sicherheitsdienst nicht schwer, uns als Piraten zu identifizieren: wer sonst würde eine völlig uninteressante Rede während einer völlig uninteressanten Veranstaltung (in einer freilich ebenso uninteressanten Stadt) hören wollen? Die Personenschützer erkennen mich wieder, tuscheln, schauen zu uns rüber, wir schauen demonstrativ zurück und machen unsere Späßchen. Weil ich fürchte, seit gestern als Sympathisant der Piraten bekannt zu sein, löse ich mich wieder aus der Gruppe und marschiere Richtung Haupteingang. Schließlich will ich heute noch was erleben und nicht riskieren, der gestrigen Ereignisse wegen nicht hineingelassen zu werden.
Vor dem Eingang warten Lokalpolitiker und die Journalisten von der Lokalpresse. Ich wittere meine Chance, besorge mir von meiner Kollegin einen Fotoauftrag und plane, den Personenschützern meinen redaktionellen Auftrag direkt auf die Nase zu binden, falls sie mich nicht lieb haben sollten. Doch wieder interessiert sich niemand für mich, stellt niemand fragen, will niemand meine Kamera in Augenschein nehmen.
Der Wagen mit dem Berliner Kennzeichen fährt vor, das übliche Prozedere beginnt: Hände werden geschüttelt, nach dem Befinden wird gefragt, lautes Gelächter, die Ministerin für alles außer Männer sieht sich umringt von Männern, die sie langsam in Richtung Tür bugsieren. Ich laufe voraus und drücke den Auslöser durch. Oben vor dem Kleinen Saal treffe ich meine Freunde von der Piratenpartei wieder. Anscheinend gab es eine kurze Diskussion mit dem Sicherheitsdienst, ob man die vier, deren Parteizugehörigkeit mehr als offensichtlich war, in den Saal lassen sollte oder ob gar Gefahr von den adrett gekleideten Gästen ausgehen könnte. Die Chefin setzt auf Risiko, will die Piraten unauffällig auf die hinteren Plätze bugsieren, so unauffällig, dass die Piraten gar nicht begreifen und kurzerhand hinter von der Leyen Platz nehmen. Der Sicherheitschefin passt das freilich gar nicht in den Kram, doch jetzt noch die Plätze zu tauschen erscheint wohl auch ihr zu albern. Während der nächsten Viertelstunde sollte sie die vier Piraten nicht aus den Augen lassen. Mit vielleicht zwanzig Leuten sitzen wir im Kleinen Saal, vorne die Politiker mit Krawatte, dann vier Piraten, dann ein paar Mitarbeiter, dann das Buffet.
Was von der Leyen am Mikrofon referierte bekam ich gar nicht so richtig mit. Ich war mit meinen Fotos beschäftigt, schließlich hatte ich seit wenigen Minuten einen redaktionellen Auftrag im Rücken. Und doch bildeten die Fetzen, die ich mit halbem Ohr mithörte, eine bizarre Situation: die Ehrenamtler engagieren sich im Mehrgenerationenhaus und die von der Leyen stellt sich vorne hin und erzählt ihnen noch mal, was sie alles tolles gemacht haben. Es mag sein, dass es aus Sicht der Beteiligten interessanter klang, was die Dame in pink dort vorne erklärte, aber mich langweilte die ganze Sache ziemlich schnell. Ich glaube nicht, dass von der Leyen den ehremantlichen Helfern noch kluge Ratschläge geben oder gar neues aus deren Alltag berichten kann — sie sollte es bleiben lassen. Immerhin erzählt sie nichts zum Thema Kinderpornografie.
Vorne unterhalte ich mich kurz mit einem Personenschützer. Ich weiß nicht, ob er eigentlich Personenschützer ist oder nur deren Chef, denn seine Statur disqualifiziert ihn genauso wie sein Klemmbrett, an dem er sich geradezu ängstlich festklammert. Er ist überraschend nett und erzählt, dass er so eine Attacke wie gestern noch nicht erlebt hat. Er müsse sich wohl auf harte Zeiten einstellen, rate ich ihm, Wahlkampf trägt seinen Namen nicht aus Spaß, hier geht’s heiß her. Dann gehen wir wieder getrennte Wege: er geht telefonieren, ich gehe twittern.
Dann fällt mir plötzlich ein, dass das mit dem Twittern vielleicht keine gute Idee ist. Vielleicht sitzen draußen in einem Überwachungswagen Männer mit Anzügen und tasten die Twitter-Timeline nach #Zensursula ab — sie müssten nur kurz nachdenken und kämen locker drauf, dass ich gestern in Wedel und heute in Rendsburg dabei bin. Und wenn ich zum #Zensursula-Hashtag greife, dann habe ich doch bestimmt etwas böses vor… spontan bilde ich mir ein, dass mein netter Gesprächspartner während seines Telefonates mit einem undefinierbaren Blick zu mir herübersieht.
Ich wechsle noch ein paar Worte, denn inzwischen wird gesungen und trotz Textvorlage schlägt sich von der Leyen mehr schlecht als recht. Dabei hatte sie doch vor ein paar Monaten noch damit angegeben, dass bei ihr zu Hause regelmäßig gesungen würde. Vielleicht hat sie das in der letzten Zeit verlernt, zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass sie nach einem langen und anstrengenden Tag noch nach Hause fährt und sich um ihre Kinder kümmert, wenn sie gerade in der entferntesten Provinz ihren Wahlkampf feiert. Ihr Nachbar hält auch nicht viel vom Singen und auch die nicht-singende, aber hörende Presse ist froh, dass die Politiker ihr Lied nach einer Zugabe beendeten.
Wir springen auf und latschen der Ministerin am Buffet vorbei in den Keller. Ein enger Gang führt aus dem Flur, links eine Bastelstube ohne Fenster, rechts ein leeres Zimmer mit Fenstern, hinten ein etwas größerer Raum mit strickenden Damen und Fenstern. Wir drängen uns hinein, die von der Leyen, die Presse und die Politiker und finden kaum Platz. Die Ministerin spricht, belanglos, ich kenne mich nicht aus mit Stricken, aber es ist alles wunderbar. Wir ziehen weiter zum nächsten Raum, zum dunklen, viele Kinder stehen dort drin und basteln. Was sie basteln, das bekommt nicht einmal von der Leyens Charme heraus, aber toll ist es und prima machen sie es und während sie da spricht, blitzen wir und notieren und schwitzen. Der kleine Raum heizt sich angesichts der vielen Menschen schnell auf, um den Tisch stehen die Kinder und basteln und drumherum die Politiker und Journalisten und drängeln und blitzen und notieren, nur Frau von der Leyen, Frau von der Leyen strahlt eine Ruhe aus, die fasziniert. Sie nimmt sich Zeit und unterhält sich ausgiebig, geht auf Fragen ein, ist ganz nah am Volk.
Ja, sie ist wohl geübt nach vier Jahren in der Bundesregierung und noch mehr Jahren in der Politik, aber in diesem kleinen Mikrokosmos der Bastelstube entspinnt sich eine eigenartige Ordnung um Frau von der Leyen, die so ruhig und gefasst ihre belanglosen Gespräche führt, die sich nicht zusammenfassen lassen, weil niemand so richtig weiß, was sie eigentlich gesagt hat, und drumherum stehen die Journalisten und drängeln und blitzen und notieren. Und der Personenschutz steht mittendrin und es gefällt ihm gar nicht, diese Enge, diese Drängelei. Es wäre freilich ein leichtes gewesen, irgendwelche Boshaftigkeiten mitzubringen — von der Leyen hätte es erst gemerkt, wenn es zu spät gewesen wäre.
Je länger wir dort stehen und schwitzen, desto schneller vergeht die Zeit. Von der Leyen marschiert direkt hinter mir in den nächsten leeren Raum, steht dort, diskutiert über finanzpolitische Dinge, von denen ich nichts verstehe, ich warte draußen. Dann laufen wir alle auf die Terrasse, ein Gruppenfoto, ich will aber nicht mit drauf, sage ich leicht humorvoll, befürchtete ich insgeheim angesichts der Hektik überhaupt nicht, mit ins Bild geschoben zu werden. Von der Leyen bekommt Geschenke, von der Leyen lächelt, freut sich, alles ist in Ordnung.
Weiter unten ist die Welt nicht so heiter. Die Piraten hatten wohl doch eine Flagge dabei und wurden von der Polizei erst des Platzes verwiesen, fingen dann an zu diskutieren und durften doch bleiben — so ganz blicke ich da nicht durch. Anscheinend konnten sie noch ein paar Mitarbeiter des Mehrgenerationenhauses bekehren. Was bleibt: die Verwunderung über diese Hektik, die um von der Leyen am Ende Ausbrach. Eigentlich kein Wunder, war es doch ihre dritte Besichtigung heute. Vermutlich hat sie in Husum und Schleswig schon so einiges an strickenden Damen und bastelnden Kindern erlebt. Ein Mehrgenerationenhaus scheint so einfach wie der Begriff: mehrere Generationen in einem Haus. Von dem viel beschworenen Miteinander zwischen Jung und Alt war noch nichts zu sehen. Und es drängt sich der Gedanke auf, dass diese konservativen Werte, von denen sie so sehr schwärmte, irgendetwas mit bastelnden Kindern und strickenden Damen zu tun haben könnte.
Vielleicht ist das die Welt, in der von der Leyen zu Hause ist — und in der sie ihre Kompetenzen hat.




















