Und eine alte Frau weint

(auf ausdrücklichen Wunsch der abgebildeten Personen wurden Gesichter unkenntlich gemacht)

„Ihr Jungs werdet keinen Unfug machen, oder?“ Wir wollten eigentlich wissen, wo wir unsere angemeldete Mahnwache abhalten dürfen, doch der Polizist reagiert eiskalt: ob vor dem Eingang, an der Straße oder am Gästeparkplatz ist ihm ganz egal, solange wir uns benehmen — versprochen. Der Beamte ist freundlich, freundlicher als wir bei dieser Veranstaltung erwartet hätten und vor allem: er ist der einzige. Die Staatsmacht lässt seine Ministerin für alles außer Männer im besten Alter von einem Polizeibeamten im besten Alter bewachen.

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Während die Piraten noch den Bedenkenträger machen und eine halbe Stunde lang überlegen, wo sie ihre Mahnwache publikumswirksam aufstellen sollten, halte ich mich etwas zurück: niemand soll mich mit den Piraten zusammen sehen. Zu groß ist meine Befürchtung, dass nach dem zweifelhaften Auftritt des SPIEGEL-Kamerateams ich der nächste bin, der im Handumdrehen einkassiert wird.

Viertel vor sechs lasse ich die Piraten vor dem Parkplatz stehen, es sind noch immer nicht sehr viele, aber immerhin haben sie inzwischen ihren Kundenstopper auf dem Gehweg aufgeklappt. Alte Leute in jungen, dicken Autos fahren auf den Parkplatz und der alte Parkwächter, der nicht viel hält von uns Piraten, versucht mit einer geschickten Parkstrategie die Kapazität seines Reiches zu erhöhen. Sein Reich, das ist der Parkplatz und da ist er ganz empfindlich. Wehe dem, der dort herumstromert. Wir mutmaßen, er sei CDU-Wähler.

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Der Personenschutz würdigt mich keines Blickes, als ich das Gebäude betrete. Niemand will den Presseausweis sehen, den ich nicht habe, niemand möchte meine riesige Kamera untersuchen, niemand will Fragen stellen, ob ich böses im Schilde führe. Stattdessen fängt mich eine freundliche Dame ab. Von welcher Zeitung ich denn sei, will sie wissen und ich bin ehrlich: von gar keiner. Heute bin ich zu meinem privaten Vergnügen hier. Sie will mich trotzdem am Presse-Tisch direkt neben der Ministerin sehen und je länger ich dort schließlich bei Orangensaft und CDU-Schreibblöcken sitze, verstehe ich auch, warum: von der Presse ist bis 18 Uhr noch niemand eingetroffen. Und Frau von der Leyen soll wohl nicht denken, ihre Gegenwart ließe das Hamburger Medienumland komplett kalt.

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Im Saal werden stattdessen sämtliche CDU-Klischees erfüllt. Wer jünger als fünfzig ist, der folgte der familienfreundlichen Einladung und hat Kind samt Legokiste dabei. Die Kinder finden nebenan im Spielzimmer Platz, die Eltern müssen stehen — der Andrang ist groß. Aber fast niemand macht den Anschein, als hätte er sich schon einmal in dieses Internet getraut. Vertrauend auf die Berichte ihrer Regierung dürften nicht wenige das Internet für einen Hort des Übels halten — direkt neben der Tür diskutieren mehrere Herrschaften angeregt, ob man den ganzen Kram nicht einfach abschalten könne. Schließlich hat man schon Jahrtausende ohne das Internet gelebt, da wäre es doch lächerlich, wenn das nicht mehr möglich sein sollte.

Das „teAM Ole Schröder“ verteilt christdemokratisches Propagandamaterial: „Die Bekämpfung der Verbreitung von Kinderpornografie ist keine Zensur“. Der Handzettel überzeugt, den die Mädchen und Jungen in orangefarbenen T-Shirts verteilen, junge Menschen, die nach viel aussehen, aber nicht nach CDU-Anhängern und nicht den Eindruck machen, als seien sie vollkommen verblödet. Doch der Autor des Handzettels hatte es nicht geschafft, die Komplexität des Themas zu begreifen: es bleibt bei einer einseitigen Betrachtung aus Sicht von der Leyens — nichts, was nach Monaten der vergeblichen Debatten noch überrascht.

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Ich fühle mich ein wenig wie ein Agent im feindlichen Lager. Man ist mir wohlgesonnen, man nickt mir zu, doch niemand weiß, dass ich heute Abend kein Abgesandter der Presse bin. Einige Gesichter hatte ich draußen bei der Mahnwache entdeckt und wenn wir uns zuzwinkern fühlt es sich an wie ein letzter Abschiedsgruß, als würden wir der CDU die Party sprengen. Vermutlich werden sich ein paar Protestler unter das christdemokratische Volk mischen und ein wenig lärmen. Die Wahlkampfveranstaltung zu stören würde auch bedeuten, die Piratenpartei weiter in die Ecke der dämlichen Nerds zu drängen; schließlich würde die Presse jedwede Störer den Orangefarbenen zuordnen.

Durch den Eingang stürmt ein junger Mann in schwarzer Bekleidung. Nanu, sage ich, er sei wohl auch eher Pirat als Christdemokrat, aber er schleicht sich wortlos an mir vorbei. Es sollte sich später herausstellen, dass er der Bernd war, der auf krautchan ein Bekennerschreiben veröffentlicht hatte:

(Update: das „Bekennerschreiben“ wurde erst nach dem Angriff veröffentlicht — danke an die vielen Hinweisgeber)

Scheiße Bernd, es reicht mir. Ich habe dieses Lotterleben satt, immer das selbe – alle lachen Uschi aus, niemand erkennt ihr Potential.

Ich meine es ernst, Bernd – ich habe Wasser hier, und ich werde morgen abend in den ersten Stock gehen und mal so richtig gepflegt kippen. Vielleicht komme ich ja auch davon.

Haltet die Ohren offen, Bernds, Ihr werdet morgen von mir hören. Merkt Euch nur den Namen des Orts: Wedel. Und jetzt keine Meldung an die Polizei, keine Angst, ich trolle nur

Pünktlich kommt auch die Presse und niemand scheint so sehr viel von der Gastgeberin zu halten. Diskussionen machen sich am Pressetisch breit, das sei ein Affenzirkus sondergleichen, der dort in Berlin veranstaltet wird. Neben uns steht ein Personenschützer und versucht nicht mitzuhören. Wie tief wir denn gesunken seien, dass wir der Dame mit Presseberichten auch noch eine Plattform bieten.

Von der Leyen hatte gerade die Bühne betreten, als der erste Gast schon seinen Rappel bekommt. Ein junger Mann springt auf, zetert, schreit, schmeißt von der Leyen Kraftausdrücke an den Kopf und wird von den CDU-Wählern aus der Halle geschoben. Die CDU-Anhänger sind empört — diese Jugend von heute, das geht ja gar nicht klar. Einer von ihnen macht den Obermotz und ist fortan vorderster Wortführer gegen jeden Protest. Wer tuschelt, wird angeschnauzt, wer protestiert, wird zur Ruhe gebeten. Nach ein paar Minuten ringt er schon um Fassung und lockert seine Krawatte.

Während von der Leyen ihre Rede herunterbetet, sind die beiden Sicherheitsbeamten durchaus angespannt. Immer wieder tuscheln sie in ihre versteckten Mikrofone, immer wieder tasten sie in ihren Sakkos nach versteckten Dingen, immer wieder befühlen sie ihren Regenschirm. Der junge Mann im Zensursula-T-Shirt auf der Galerie steht unter Dauerbeobachtung. Man befürchtet das allerschlimmste.

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Der Ernstfall tritt schneller ein, als ich meine Kamera schussbereit hatte: der schwarz gekleidete Hopper von vorhin schmiss eine Wasserbombe mit blauer Farbe in Richtung der Ministerin. Er rechnete allerdings nicht mit seiner Ungelenkheit — seine feuchten Träume zerplatzten noch in seiner Hand.

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Der Personenschutz war schneller als ich, zückt den Regenschirm, dessen Funktion damit auch geklärt wäre, eine Hand unter dem Sakko, steckt dort wirklich eine Waffe, vielleicht schussbereit? Kindisches Verhalten attestiert die Rednerin dem schwarzen Mann und irgendwie hat sie recht: wirkungsvoller Protest sieht anders aus: nur ein paar Ehrengäste direkt vor dem Pressetisch wurden getroffen. Blaue Punkte machen sich auf teuren Anzügen breit, man flucht, nimmt es gelassen: die Jugend von heute.

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Der freundliche Polizist ist plötzlich nicht mehr so freundlich, mit Handschellen wird der Störenfried abgeschoben. Zusammen mit den Kollegen von der Presse feuern wir, was die Blitzlichter hergeben und setzen abermals die CDU-Regulierungsmaschine in Gang: „Damit gebt ihr ihm doch, was ihr wollt! Lasst den Scheiß!“, nörgelt ein älterer Herr, Hände versuchen mein Objektiv zu verdecken, darauf reagiere ich etwas ungehaltener: „Ich mache hier nur meinen Job.“ Stimmt nicht, wirkt nicht, ist aber egal: meine Bilder habe ich längst auf der Karte. Wenn die Herrschaften wüssten, dass ich gerade auf solche Fotos aus war.

[youtube u9c_htutCWA]

Dann schickt von der Leyen die jüngeren Zuschauer in den Nebenraum. Zu schrecklich sei, worüber sie jetzt mit Mami und Papi reden müsse. Das Schreckgespenst Kinderpornografie kriecht auf die Bühne. Für Sekunden wird es still im Saal, doch danach erhebt sich wütendes Gegrummel: „Schlimm sowas“, schimpft eine ältere Dame neben mir, „solche Leute sollte man erschießen!“ Kinderpornografie scheint sich wahrlich perfekt als Wahlkampfthema zu eignen. Kein anderes Thema sollte solche Emotionen hervorrufen.

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Dann kommen sie Schlag auf Schlag, die jungen, vergewaltigten Kinder (die alte Dame hält sich erschrocken den Mund zu), der Millionenmarkt mit seinen Drahtziehern (die alte Dame hält sich die Ohren zu), die ahnungslosen Surfer, die von kinderpornografischem Material angefixt werden (die alte Dame schließt die Augen) und immer wieder: die armen Kinder (die alte Dame weint).

Was von der Leyen von ihrem Podest herunter beschreibt, ist freilich nichts neues. Fast scheint, es, als hätte sie ihre Rede vor Monaten auswendig vor dem Spiegel gelernt und seitdem schon zu anderen Terminen aufgesagt. Wer bei YouTube nach ihrem Namen gesucht hat, weiß, worüber sie in den nächsten Minuten referieren wird. Von der Leyen kann das gut, das mit dem Reden. Hätte ich heute zum ersten Mal vom Zugangserschwerungsgesetz gehört — ich hätte es glatt für eine gute Sache gehalten. Vielleicht hätte ich sogar applaudiert und geweint.

Sie steht dort oben und erzählt und lügt. Wenig von dem, das sie über die Kinderpornografie erzählt, entspricht nur annähernd der Wahrheit. Es ist nicht auszumachen, ob sie bewusst lügt oder ob sie einfach keine Ahnung hat und wirklich nicht mehr ist als eine Marionette des Innenministeriums. Von der Leyen lässt keinen Blick zu hinter ihre lächelnde Maske. Niemand wird je erfahren, was sich wirklich hinter ihr verbirgt.

Von der Leyens Argumente überzeugen nur, wenn sie für unfehlbar gehalten werden. Angesichts der wenigen kinderpornografischen Seiten auf den ausländischen Sperrlisten, angesichts der schwammigen Formulierungen, was Kontrollgremium und den Begriff der Kinderpornografie angeht, ist von Unfehlbarkeit keine Spur.

Ein paar Gäste versuchen sich noch am Protest, obwohl sie gar nicht aussehen wie Piraten. Dem lautesten von allen räumt von der Leyen fünf Minuten ein, um seine Sicht der Dinge darzulegen. Ohne besondere Mühe entwaffnet er sie Wort für Wort. Aber von der Leyens Arsenal ist groß. Mit psychologischer Kriegsführung hält sie kurz dagegen, obwohl keines ihrer Argumente auch nur im Ansatz überzeugen konnte. Die CDU-Anhänger sind froh, als die Ministerin zum nächsten Thema übergeht. Und die alte Dame wischt sich ihre Tränen aus dem Gesicht: „Wie kann der Mann nur für Kinderpornografie sein!“

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Draußen harren tapfer die Piraten aus, deren Kleidung zu auffällig war, als dass man sie eingelassen hätte. Sie versuchen zu retten, was noch zu retten ist und treffen auf erstaunlich viele aufgeschlossene Zuhörer. Der Wahlkampf trägt seinen Namen auch nicht nur zum Vergnügen.

[youtube B7C22mAuHBI]
[youtube ovIEmOVVtwg]

Der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag titelt wenig präzise auf Seite 3:

Farbanschlag auf von der Leyen
Wedel/sh:z Farbanschlag auf Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU): Während einer Wahlkampfveranstaltung im Schulauer Fährhaus hat ein 22-Jähriger aus Wedel (Kreis Pinneberg) blaue Farbe von der Galerie des großen Saals in Richtung von der Leyens gesprüht. Er traf jedoch lediglich Zuhörer, darunter den Bundestagsabgeordneten Dr. Ole Schröder (CDU) und Heike Beukelmann, Fraktionsvorsitzende der CDU-Kreistagsfraktion. Zuvor hatten Aktivisten der Piratenpartei vor dem Gelände demonstriert, und mit zahlreichen Zwischenrufen hatten Protestler die Rede der Familienministerin gestört.

Der Verlag bewahrheitet, was ich schon befürchtet hatte: Demonstranten, Farbbeutelwerfer und Störer werden alle in den orangefarbenen Topf der Piratenpartei geworfen.

mehr Fotos von Ursula von der Leyen unter http://members.caldera.cc/maltehuebner

Vom Falten und Fotografieren und fast allem

Ich habe heute mein Programmheft des Rendsburger Herbst aus der Zeitung geschüttelt. Was soll man sagen: es ist halt ein Programmheft, die Funktion erfüllt es.

Aber zum Mitnehmen ist das riesige Teil ungeeignet, weil es nach drei Mal falten noch immer nicht in die Hosentasche passt. Und zum Werben ist das Teil ungeeignet, weil da jemand zwar viel Wert auf Gestaltung gelegt hat, aber ohne jedes Talent mit seiner Kamera losmarschiert ist — und das sieht man den Fotos an, die da zwischen den Bandportraits das Heft schmücken. Von Spannung, Spaß, einem Stadtfest keine Spur, stattdessen langweilige Fotos von einem Jahrmarktkarussell ohne Beleuchtung, Besucher und gutes Wetter, vom Bacardi-Stand, an dem zur gleichen Zeit ebenso wenig los ist — man könnte glatt meinen, die vier Tage Ende August seien verdammt öde, wären da nicht hin und wieder noch ein paar Schnappschüsse mit Menschen drauf. Aber für einen Werbeprospekt alles ungeeignet.

Noch schlimmer ist dieses Jahr die Webseite des Stadtfestes. Obwohl, schlimm war sie schon letztes Jahr, aber letztes Jahr gab’s immerhin noch einigermaßen interessanten Inhalt. Das Programm auf dem iPhone zu lesen war zwar schon damals eine Qual, ist aber dieses Jahr dank Flash-Browser unmöglich, außer man lädt sich das riesige PDF herunter. Aber außer dem Programm und einer Hotline gibt es dieser Jahr — nichts. Keine Fotos, keine Hintergründe, keine Geschichte, nein, nicht einmal das Grußwort des Bürgermeisters hat es ins Netz geschafft, geschweigedenn aktuelle Informationen, nichts, das es rechtfertigen könnte, die Seite noch ein zweites Mal anzusurfen.

„Herzlich Willkommen!“, steht da auf der Startseite und darunter acht orangefarbene Begriffe:

27. – 30. August
4 Tage
8 Bühnen
90 Musik-Acts
100 x Mitmachspass für Kinder
Spiel Sport Spass
Jahrmarkt
Verkaufsoffener Sonntag

Wer auch immer die Seite gebaut hat, er hat sich keine Mühe gegeben. Man hätte auch einen kleinen Fließtext über den Rendsburger Herbst schreiben können, aber stattdessen hat man sich entschlossen, dem Besucher einfach ein paar Begriffe um die Ohren zu schlagen und die sind dann auch noch so sinnlos wie „4 Tage“, was sich jeder selbst hätte ausrechnen können, oder „Spiel Sport Spaß“.

Immerhin hat man sich überlegt, was man denn in den Footer schreiben könnte. Genützt hat es wenig:

Stadtseegelände-Arsenal : Paradeplatz : Hans-Heinrich-Beisenkötter Platz : Altstädter Markt : Schiffbrückenplatz
Brückenvorplatz Obereider : Obereiderhafen : Eiland : Events auf dem Wasser

Heute in der Stadt

Heute sollte ich eine kleine Umfrage durchführen, etwa vierzig Zeilen, vier kleine Portraits: Meinungen zur Schließung des örtlichen Hertie-Warenhauses.

Leider wollte niemand mitmachen. Das lag nicht etwa daran, dass alle so frustriert von der Situation waren, nein, das wird schon irgendwie meine Schuld gewesen sein, nur wie und warum, das weiß ich noch nicht so genau. Vielleicht dachten die Leute, ich würde ihnen etwas verkaufen wollen und wer das nicht dachte, erzählte mir minutenlang die tollsten Sachen über Hertie, aber mit Name und Foto in die Zeitung, das war dann doch zu viel.

Ich brauchte eineinhalb Stunden, um schließlich auf Biegen und Brechen drei Aussagen zu bekommen. Es war zwar irgendwie das gleiche, die Kaufkraft wird mit Einkaufszentren an den Stadtrand gezogen und welch ein Wunder, dass dann die Innenstadt stirbt, aber immerhin.

Und dann, ich war gerade auf dem Weg in die Redaktion, traf ich noch einen Sicherheitsbeamten der Filiale. Er hatte mich wohl beobachtet, wie ich mehrmals durch die Filiale gelatscht bin, um zu sehen, ob da überhaupt noch Leute drin sind (und freilich auch aus Neugierde, wie das denn in einem Warenhaus kurz vor Schließung aussieht, denn riesige, leere Regale sieht man ja auch nicht immer). Dass ich bei Hertie nicht fotografieren oder befragen darf, das war mir durchaus bewusst, da hatten wir schon vor ein paar Jahren mächtig Stress.

Und dann griff er ganz ungeniert zu meiner Kamera. Ich zog sie weg und machte ihm klar, dass ihn die Fotos auf meiner Kamera nichts angingen. Wenn er mir nicht glaubt, dass ich in seinem Laden nicht fotografiert habe, dann soll er die Polizei rufen. Er gab sich zufrieden: „Morgen ist ja eh alles vorbei.“

Ich glaube, die Polizei hätte mir eh nichts genützt.

Seitenwechsel

Mir ist es schon häufiger passiert, dass Fahrradfahrer ohne erkennbare Ankündigung an den unmöglichsten Stellen vom Fahrradweg auf die Fahrbahn passieren. Manchmal weiß man gar nicht, wo sie danach eigentlich hinwollen, denn es gibt auf der anderen Seite weder eine Straße, in die sie reinfahren können, noch einen anderen Fahrradweg, auf den sie wechseln könnten. Aber erstmal dem nächsten Autofahrer vor die Karre hetzen, der bremst dann nämlich erschrocken oder weicht aus, und wenn was passiert, dann ist er eh dran und nicht der schwache Fahrradfahrer, das kennt man ja, der ist allerhöchstens tot.

Okay, das ist vielleicht angesichts der heutigen Geschehnisse etwas naja, sehr salopp formuliert. Aber heute rückten die umliegenden Feuerwehren, Polizei und der Notarzt aus in die Rendsburger Innenstadt. Dort war in einer Unterführung, links Fahrbahn, rechts Rad- und Fußweg, ein Fahrradfahrer einfach mal so auf die Fahrbahn gefahren. Ergebnis: Fahrradfahrer tot, Autofahrer unter Schock.

Fast eine Stunde lang waren die Hauptstraßen vollgestaut, und als ich dann endlich an der Unfallstelle vorbei fahre, dachte ich mir, ich schieße noch ein Foto davon, vielleicht werde ich es ja an die Zeitung los.

Nun muss man wissen, dass ich bei diesem Foto eher erklärenden Charakter einbringen wollte. Also schraubte ich das Teleobjektiv an, stellte mich über einhundert Meter vom Unfallort entfernt an die Straße und fotografierte die Unfallstelle, wobei ich darauf achtete, dass die Stelle mit den vielen Blutflecken von einem Polizeiwagen verdeckt wurde. Es wurde eher ein Foto von der Brückenstraße, die von den Folgen des Unfalls befreit wird.

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Dann rief mich einer der Polizisten zu sich, die weiter hinten die Straße absperrten. Nach meiner letzten Begegnung mit der Polizei im Zusammenhang schwante mir übles.

Völlig unbegründet.

Der Polizist war ziemlich locker, sofern das die richtige Wortwahl angesichts des Unfalls ist. Wir scherzten erst, dass ich gerade nicht zu ihm herübergehen könne, weil die Fußgängerampel rot war. Die Straße war zwar eh gesperrt, aber ich wollte mir nicht bei ihm fünf Euro oder gleich zehn Euro wegen Vorsatz einfangen.

Er wollte wissen, ob ich von der Presse sei. Freier Mitarbeiter war ich bloß und momentan freilich privat unterwegs. Das Foto, das wollte ich bloß, naja, als „Erinnerung“ haben, von wegen heute viele Sirenen in der Innenstadt und eine halbe Stunde im Stau und da wollte ich eben noch kurz die eigentliche Ursache fotografieren. Er legte mir nahe, das nächste Mal zunächst die Polizei um Erlaubnis zu bitten, denn das sei manchmal aus ethischen Gründen oder so nicht gestattet und dann könnte ich freilich Ärger bekommen. Ich hatte es allerdings auf eine reine Dokumentation angelegt — wäre ich auf die Blutspritzer geil, wäre ich eine Stunde früher hier gewesen und mit einem anderen Objektiv viel näher herangegangen. Und siehe da: er war mit meiner Erklärung zufrieden und ließ mich noch ein paar Fotos schießen.

So kann das nämlich auch laufen. Vollkommen freundlich den Sachverhalt erklären, die eigenen Kompetenzen kennen und trotz des Unfalls im Hintergrund dabei noch lächeln.

Das ist dann auch eher ein „Freund und Helfer“.

Und der Urheber wird nicht genannt

Zu dem Schäuble-Plakat-Remix auf netzpolitik gibt es inzwischen ausreichend Berichte.

Weil die Fotografin das nicht so toll fand, dass ihre Werke für teilweise weniger nette Verfremdungen benutzt werden, schrieb sie erst eine Mail, drohte dann mit einer Rechnung — das übliche bestimmte, aber höfliche Prozedere, wenn man so eine Aktion nicht so ganz mag. Auch ich hätte es erstmal nicht so toll gefunden, wenn eines meiner Fotos, vielleicht im Zusammenhang mit der Piratenpartei, von politischen Gegnern auseinander genommen wird.

Jedoch scheinen die geremixten Plakate direkt von der CDU lizensiert zu sein — eine redaktionelle Verwendung ist erlaubt und die netzpolitik-Aktion dürfte durchaus als redaktionell durchgehen. Nachdem das zwar eh geklärt ist, bliebe noch die Frage, wer denn nun der neue Urheber eines geremixten Plakates ist — vermutlich der, der die Endbearbeitung vorgenommen hat, deren Grundlage das ursprüngliche Foto der Fotografin darstellt.

Als Spiegel Online darüber berichtete, verzichtete man einfach mal auf eine Nennung des Urhebers. „cduremix 09/Flickr/CDU/Laurence Chaperon“ steht da, benennend die Fotografin, ihren Auftraggeber, die Fotodatenbank flickr, die meines Wissens nicht mehr damit zu tun hat, als die Fotos der „cduremix 09“ bereitzustellen. Nur der Name des endgültigen Bearbeiters fehlt. Der steht allerdings auch nicht bei flickr, da steht bloß: „Alle Rechte vorbehalten“.

spiegelremix

Ich fasse es noch mal zusammen: wenn ich jetzt einen Remix bei netzpolitik einreichen würde, dann packt netzpolitik das Ding bei flickr in den cduremix-photostream — obwohl ich das Urheberrecht daran halte und entsprechende Nutzungsrechte gar nicht erteilt habe?

Dürfen die das? Nicht, dass da ein paar Unionspolitiker plötzlich Recht mit ihrem rechtsfreien Raum haben.