Was er mir sagte, als er mir sein Flugblatt in die Hand drückte, hatte ich nicht verstanden, weil mir H.P. Baxxter ins Ohr grölte. Aber die Tatsache, dass zwanzig erkennbar linksgerichtete Menschen auf einem Fleck Flutblätter verteilen, machte die ganze Sache interessant.
Kurze Inhaltszusammenfassung: der Nazi hat sich eine neue Marke als globales Identifikationsmerkmal ausgedacht und in der HSH Nordbank-Passage hatte vor kurzem ein Laden eröffnet, der sich auf jene Marke spezialisiert hatte. Da geh ich doch mal hin. Ich will schließlich was erleben.
Drinnen in der Passage verstärkten sechs Schutzpolizisten die hauseigene Security. Direkt neben der Eingangstür der Filiale standen zwei breitschultrige Farbige und sie standen dort nicht gerne. Ein Antifa meinte zu mir, die beiden würden sich die Zeit mit dem Gedanken überbrücken, die unschuldige Menschheit von dieser Filiale fernzuhalten.
Ein paar Meter von der Ladenfassade entfernt verlief der antifaschistische Schutzwall. Dort verläuft auf dem Boden eine Metallleiste zwischen den Kacheln und dieser zentimeterdünne Strich markiert seit Donnerstag die Grenze zwischen gut und böse.
Am Donnerstag wurde der Laden eröffnet mit großem Tamtam, denn am Abend zuvor bekam die linke Szene mit, wer denn dort einzog, so dass sich am Eröffnungstag 200 Polizisten ungefähr doppelt so vielen Demonstranten gegenüber sahen. Ein normaler Geschäftsbetrieb schien kaum möglich, das Geschäft wurde mehrmals geschlossen, die Passage mehrmals gesperrt.
Vor dem Eingansportal der Passage stehen weitere Polizisten, verstärkt von weiterer Security. Wer das Geschäft betreten möchte, kann sich muskelbepackte Begleitung ordern, um nicht von den schätzungsweise fünfzig Linken aufgehalten zu werden. Auf dem Weg nach innen lässt ein Radiosender ein Gewinnspiel veranstalten, eine Oase heiler Welt inmitten der Akklimatisierungszone.
Die HSH Nordbank ist weder vom Mieter noch von irgendjemand anderem begeistert. Im Mietvertrag sei von einem universellen Outdoor-Geschäft die Rede gewesen. In der Passage und der HSH Nordbank-Arena ist das Tragen der Marke Thor Steinar verboten. Man will weder die Nazis, noch die Linken, noch den Laden in der Passage sehen.
Neben den Gewinnspiel-Damen steht ein Aufsteller, auf dem die Nordbank den Sachverhalt erklärt und verspricht, sich schnellstmöglichst um den Auszug des Mieters zu kümmern. Das Leben soll wieder normal werden.
Auch vor dem Laden gibt es Reibereien. Fünf Linke dürfen sich in der Passage gleichzeitig aufhalten und die Passanten aufklären. Wegen des Polizeiaufgebotes ist die Passage in diesen Tagen gut besucht, bloß in das fragwürdige Geschäft setzt kaum jemand einen Fuß.
Nur ein paar pubertäre Teenies stöbern drinnen nach ein paar Klamotten. Sie sind so unscheinbar alltäglich, dass sie weder eine Eskorte brauchten noch jemand von den Flugblattverteilern auf sie aufmerksam wurde. Zu einfältig hielt man sie und nahm ohnehin nicht an, dass sie einen Fuß in diesen Laden setzen würden.
Als man die Damen drinnen entdeckte, war das Entsetzen groß. Die Teenager, die scheints entgegen ihres Aussehens genau wussten, was sie tun, zeigten einem linken Sympathisanten den Vogel. Er spricht sofort einen Polizisten an, will die junge Frau anzeigen, denn dann müsste sie den Laden verlassen, um ihre Personalien abgeben zu lassen.
Die ganze Sache verläuft sich irgendwie und die jungen Frauen gehen ihres Weges, vorbei an der Polizei, dem Gewinnspiel und den linken Typen. Ein letzter Versuch wird gestartet, Kontakt herzustellen, als eine plötzlich keift: „Du wolltest eine Jüdin anzeigen.“ Die Linken sind entgeistert, als Jüdin in so einen Laden? „Das sind ganz normale Klamotten. Ihr spinnt alle!“ Einer ruft laut „Tussi“, die Damen eilen zu einem Polizisten, so schnell es die hohen Absätze zulassen, Anzeige soll erstattet werden. Wieder wird nichts daraus.
Vor der Ladentür haben sich inzwischen einige Subjekte eingefunden, die dem Klientel des Geschäftes eher zu entsprechen scheint. Die polierte Glatz glänzt ein wenig im Licht der Deckenstrahler, die von oben die Schaufenster des Geschäftes erleuchten. Auf den Plakaten ist ein Wikingerschiff abgebildet, das auf der sturmtosenden See mit gestrafften Segeln gen rechts segelt. Auch ohne den Hintergrund zwischen der Marke Thor Steinar zu kennen wüsste jeder Betrachter das Plakat in die rechte Ecke einzuordnen. Das Geschäft strahlt sterile Sauberkeit aus, gleicht einem dieser kleinen Boutiquen, die gegen H&M oder C&A anstinken wollen und Namen wie „City“, „Free“ oder „Smile“ tragen. Bloß den Verkäuferinnen möchte man ansehen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.
Bis nach Österreich schwappte die Empörung und das Abendblatt illustriert seinen Artikel mit einem verschwommenen Foto.
Irgendwann löst sich die Ansammlung vor dem Geschäft auf. Zu langweilig wird es den Beobachtern, niemand schlägt sich und seitdem die Teenager den Laden wieder verlassen hatten, ist nichts rechts mehr passiert.