Als freier Mitarbeiter einer Zeitung hat man hin und wieder das Problem, dass Leser in der Redaktion anrufen und ein Foto nachbestellen wollen. Überraschend oft kommt im digitalen Zeitalter die Frage nach einer Ausbelichtung im DIN-A4-Format, woraufhin wir scherzhaft überlegten, ob Zeitungsleser einfach noch keinen Zugang zum Netz haben. In einer normalen Woche kommt ein so ein Anruf, bei Großveranstaltungen mit vielen Fotos am nächsten Tag durchaus auch mal fünf oder sechs am Tag.
Es sei hiermit bekanntgegeben: ab sofort gebe ich keine Fotos mehr heraus, sei es per Mail oder als Ausbelichtung. Den Stress tue ich mir nicht mehr an. Früher, noch vor ein paar Monaten, da fragten die Leute höflich an, ob sie eine Ausbelichtung oder das Foto per E-Mail bekommen könnten und sie waren bereit, etwas dafür zu zahlen. Ich legte damals den Preis für ein Foto per Mail auf fünf Euro fest, bei einer Ausbelichtung kamen dementsprechend die Kosten der Belichtung hinzu. Das war noch recht preiswert, Kollegen verlangen fünfzehn bis vierzig Euro und ich machte oft genug auch Ausnahmen und schickte das Foto kostenlos raus.
Neuerdings hat es sich irgendwie eingebürgert, deutlich frecher an den Fotografen heranzutreten. Als meine Zeitung mein Foto vom Abiturjahrgang meiner ehemaligen Schule veröffentlichte, holten sich die meisten Schüler ihre digitale Kopie in meiner Galerie ab — natürlich ohne zu fragen und ohne zu zahlen. Damit rechne ich inzwischen und nehme es hin, gleichwohl ich gar nicht erwarten muss, dass sich dafür mal jemand bedankt, geschweigedenn mir mal einen Drink ausgibt.
Von ein paar Leuten weiß ich, dass sie sich ganz nostalgisch das Foto samt Namensliste aus der Zeitung ausgeschnitten haben. Ich wusste gar nicht, dass man so etwas heutzutage noch macht. Und dann rief noch eine ältere Dame an, deren Enkelsohn auf dem Foto zu sehen ist, wenn ich das richtig verstanden habe. Die gute Frau wollte einen Ausdruck des Fotos in DIN-A4-Größe und wurde recht pampig, als ich ihr den Preis nannte. Meine fünf Euro plus sieben Euro Belichtungs- und Versandkosten. Das sei eine doppelte Frechheit, polterte sie los, erstens zahle sie monatlich fast dreißig Euro für ihr Zeitungsabo und zweitens war ich doch selber unlängst Schüler dieses Gymnasiums, da sei es doch selbstverständlich, dass ich meine Fotos kostenlos hergebe. Ich finde es übrigens immer doof, wenn mir andere Leute erklären, was für mich selbstverständlich ist, ganz besonders, wenn das Wort „kostenlos“ dabei fällt. Mal ganz davon abgesehen, dass ihr Zeitungsabo keine Foto-Flatrate beinhaltet.
Andere sind harmloser. Sobald ich den Preis für eine Ausbelichtung nenne, fragt der Interessent gleich nach, ob es das Foto per Mail denn nicht kostenlos gäbe, das würde er dann selber zu Schlecker zum Belichten geben, schließlich entstehen mir dann ja keine Kosten. Schön wär’s. Ich schaffe mir eine sündhaft teure Ausrüstung an, die sich auch abnutzt, die repariert, gewartet, erneuert werden muss, ich habe ganz banale Ausgaben wie Spritkosten und muss mir während einer Veranstaltung auch die Verpflegung selber zahlen, die Zeit, die ich auch anders nutzen könnte und eventuelle Arbeit, die ich in das Foto gesteckt habe, mal gar nicht mit eingerechnet. Kurzum: auch bei einem Digitalfoto entstehen mir Unkosten, wenngleich sie freilich geringer sein mögen als noch zu analogen Zeiten.
Ich empfehle den Leuten an dieser Stelle, doch einfach das Foto aus der Zeitung auszuschneiden. Für die Zeitung, für die haben sie schon bezahlt.
Auf sowas habe ich langsam keine Lust mehr. Zumal ich noch immer den Leuten hinterhertelefonieren muss. Denn wenn sie nicht bei mir zu Hause anrufen, dann klingeln sie sich durch die Redaktion und ich bekomme irgendwann per Mail deren Telefonnummer. Rufe ich dort an, ist in der Regel niemand zu Hause oder wenigstens nicht der, der wegen des Fotos angerufen hat. Und weil das mit dem Rückruf eh nicht klappt, rufe ich noch ein zweites Mal an um mir anzuhören, dass man ja nicht damit gerechnet habe, dass das Foto etwas kostet.