Daily Archives: 7. Juli 2009
Keine Spende mit Bienenstich
Ich wollte ja eigentlich einen dummen Witz reißen in der Überschrift, der irgendwie den Stich einer Biene mit dem Stich der Nadel beim Blutspenden in Verbindung bringt, aber nachdem mir das nur mäßig gelang, nahm ich wieder davon Abstand.
Was ich eigentlich sagen wollte: nach Insektenstichen darf man nicht Blutspenden, meinte der Blutspendedienst Nord. Erst, wenn die Wunde vollkommen verheilt ist, etwa nach vier Wochen, darf man wieder ran.
Abistreich
Den letzten Abistreich — meinen eigenen — den hatte ich mehr oder weniger schlafend im Auto verbracht. Nachdem wir am Vor-Vortag die Kieler Woche unsicher machten, trafen wir uns recht zeitig gen Mittag wieder zum Fußball-Open-Air und zogen nach dem Autokorse ins Cheyenne. Und um fünf Uhr morgens war bei mir Schluss — ich hielt noch ein Nickerchen und wachte erst später wieder auf, rechtzeitig zum Abistreich, doch irgendwie ging es mir ganz und gar nicht gut.
Dieses Jahr war ich mit einer Reihe von Energie-Getränken zwar nur bedingt besser aufgestellt, hielt aber dennoch durch — knapp dreißig Stunden wurden es insgesamt, von einem Fototermin gegen neun Uhr morgens bis zur Abitur-Feierei am Nachmittag und meinem Zahnarzttermin, dem Trip über die Kieler Woche und dem anschließenden Weg zurück nach Rendsburg, der morgendlichen Stadtführung durch die Innenstadt und dem ganzen Mist beim Abistreich.
Irgendwie meinten wir, die Einfahrten zum Schulgelände mit Fahrzeugen zu blockieren. Dann fuhren die ersten Fahrzeuge einfach über den Fußgängereingang auf den Parkplatz und nachdem ich anmerkte, dass wir gerade die einzigen beiden Feuerwehrzufahrten blockierten, nahmen wir noch schnell Abstand von dem Plan.
Etwas missmutig stimmten mich die defekten Akkus meiner Kamera. Fünf Stück habe ich, alle natürlich vorsorglich aufgeladen, doch die beiden Akkus im Batteriegriff machten ziemlich schnell schlapp — die anderen drei hielten nur unwesentlich länger durch. Ich habe keine Ahnung, was dort los war.
Vielleicht waren die ja auch bloß übermüdet.
Irgendwie läuft auch jeder Abistreich gleich ab: lustige Abiturienten stehen an der Einfahrt und spritzen die Ankömmlinge nass, während sich der Rest halbsbrecherisch um den Ablauf kümmert. Es gibt Probleme mit dem Sound, man findet die Einzelteile für die Bühne nicht, niemand hat so richtig einen Plan und irgendwann auch keine Lust mehr und schließlich ist man froh, dass die Abistreiche seit ein paar Jahren auf die dritte und vierte Stunde beschränkt wurden und man nicht mehr den ganzen Vormittag bestreiten muss.
Wir trieben als kleines Highlight sogar noch „Anne aus der Apotheke“ auf, nachdem wir schon zum fünften Mal den benachbarten Supermarkt frequentiert hatten. Seit der nämlich morgens um sieben Uhr geöffnet hatte, waren wir kurzerhand Stammkunden geworden. „Anne aus der Apotheke“ verteilte dort Bonbons oder sollte das zumindest tun, den von unseren Schülern kam ja niemand vom Schulgelände herunter, dafür hatte man ja gesorgt mit Wasserpistolen.
Lustig war’s auf jeden Fall. Aber schlafen ist auch schön.
Eine Woche Kieler Woche
Das Regenwetter
Es gibt einen Witz zur Kieler Woche, den versteht jeder, der mindestens einmal dort war, obwohl der Witz eigentlich einen Bart beträchtlicher Länge haben müsste: „Es steht Regenwetter an, also muss bald Kieler Woche sein.“ Okay, das war jetzt nur halb so lustig wie gedacht, aber seltsamerweise ist durchaus was dran: seit Jahren geht mindestens die Hälfte der Woche im Regen unter.
Dann versucht man sich verzweifelt irgendwo unterzustellen, um dann festzustellen, dass auch aberhunderte andere auf die Idee mit dem Unterstellen gekommen sind. Regenschirme helfen auch nicht weiter, denn dafür ist es zu windig und die sinnvollste Beschäftigung scheint zu sein, sich einfach ’n Bier aufzumachen und sich nichts anmerken zu lassen.
Von Abstellflächen und Straßensperren
Ein bisschen lustig an der Kieler Woche ist die Anfahrt. Nachdem wir letztes Jahr hinreichend schlechte Erlebnisse mit der Nord-Ostsee-Bahn sammeln durften, fuhr ich dieses Jahr mit Ausnahme von Dienstag und Mittwoch täglich mit dem Wagen die etwa 80 Kilometer bis in die Kieler Innenstadt.
Wie jedes Jahr fährt die Nord-Ostsee-Bahn zwischen Kiel und Husum zwar mit mehreren Triebwagen oder sogar mit einem lokbespannten Zug mit Marschbahnwagen, doch nützt der zusätzliche Platz wenig, wenn wie letztes Jahr gegen Mitternacht drei Triebwagen mit bemerkenswerter Verspätung einfahren, davon jedoch zwei defekt sind und sich die gefühlten siebenhundert Fahrgäste durch die beiden Wagen in den engen LINT prügeln. Die Fahrt war mehr als unangenehm: beim Einsteigen wurden mir mehrere Ellenbogen in verschiedenste Körperregionen gestoßen und der Triebwagen war bis Rendsburg dermaßen überfüllt, dass man während der gesamten Fahrt nicht einmal die Arme bewegen konnte. Zumindest das Aussteigen in Rendsburg gestaltete sich einfach: ich hatte zunächst Sorge, wegen des vollen Wagens gar nicht bis zur Tür durchzukommen, doch wurde ich schließlich einfach im Strom der aussteigenden Meute mit auf den Bahnsteig gerissen und zählte zu den wenigen, die beim Aussteigen ein zweites Mal beinahe totgetrampelt wurden.
Nein, das war kein Spaß.
Aus den letzten Jahren weiß ich allerdings auch noch, dass man als Autofahrer in direkter Nähe zur Kieler Woche gut in den Parkhäusern stehen kann. Vom CAP bis hoch zur Uni-Klinik finden sich problemlos freie Plätze, denn schließlich kosten Parkhäuser und so manche gar nicht mal so wenig. Da steht mancher lieber kostengünstig in den Wohngebieten. Als Kieler würde ich mich während des Volksfestes gar nicht trauen, mit dem eigenen Wagen irgendwo hinzufahren, denn schließlich könnte ich sicher sein, dass mein Parkplatz vor dem Haus sofort von einem fremden Wagen zugestellt wird. Oder, falls ich einen Parkplatz auf meinem Grundstück hätte, mir zumindest jemand die Zufahrt zustellt. Und wenn ich dann zurück bin, kann ich vom Wagen bis zum Haus erst mal drei Kilometer durch den Regen stapfen. Ich habe nicht so richtig den Maßstab, wie die Parkplatzsituation in Kiel ab Feierabend normalerweise ist, aber ich glaube, zur Kieler Woche ist sie ausgesprochen extrem.
Ganz lustig ist das übrigens mit den Straßensperren: die Innenstadt ist ab Rathausmarkt bis zur Bergstraße und Eggerstedtstraße ja eigentlich gesperrt, aber irgendwie auch nur hin und wieder. Am Wochenende war der südliche Teil der Bergstraße dicht, doch werktags durfte man immerhin bis zum Alten Markt fahren und dort parken. Das klappte sogar so gut wie jedes Mal, denn davon wusste niemand was, denn schließlich waren die Straßen ja eigentlich gesperrt und so trug es sich zu, dass mein Wagen werktags ab 18 Uhr kostenlos in allerbester Lage abgestellt war. Am Wochenende wurde freilich auf die nicht nennenswert entfernte Brunswiker Straße ausgewichen.
Kompliziert war das bloß mit den Straßensperrungen: mal war Wall gesperrt, mal nicht, dann durfte man plötzlich stattdessen die Dänische Straße, den Jensendamm und die Rathausstraße am Internationalen Markt entlangfahren, aber auch nur in die eine Richtung und irgendwie doch nicht, denn die Absperrung wurde angeblich von besoffenen beiseite geräumt.
Dann doch lieber die Bahn? Am Dienstag, als wir zu unserem 30-Stunden-Marathon aufbrachen, war die Nord-Ostsee-Bahn-Doppeltraktion 80649 um 20.27 in Rendsburg ziemlich leer, so dass wir im vorderen Triebwagen ungestört für Stimmung sorgen konnten. Allerdings waren die Züge ab 22 Uhr nicht bloß am Wochenende mehr als überfüllt und der durchgehende Verkehr an den Freitagen und Sonnabenden dürfte sich durchaus gelohnt haben, war am Bahnhof auch mitten in der Nacht noch viel los. Die Bundespolizei sorgte dafür, dass die angetrunkenen Fahrgäste nicht alle in den ersten Triebwagen drängten oder die Snackautomaten malträtierten, doch das Chaos konnten sie nur bedingt bändigen. Als ich mich am Sonntagmorgen gegen ein Uhr nachts mit dem Zugführer unterhielt, wie sich das denn nun mit der ersten Klasse verhält, wenn die Besoffenen auf dem edlen Polster der Marschbahn hocken und grölen und kotzen, da purzelten die angesprochenen geradezu reihenweise in den engen Spalt zwischen Bahnsteig und Bahn. Immerhin kletterten sie aus halbwegs eigener Kraft auch wieder heraus, doch mein Staunen konnte ich nicht verbergen. Angeblich musste just dieser Zug auch noch eine Weile am Bahnsteig stehen bleiben, denn während sich innen die Fahrgäste die Nasen blutig schlugen, musste die Bundespolizei drei Betrunkene unter der Lokomotive hervorziehen, die sich dort vor der langen Zugfahrt ausruhen wollten.
Der Typ neben mir lässt sich nicht auf der Ruhe bringen, kaut seinen Cheeseburger und spült mit Cola-Korn. Wenn ich beim McDonald’s ’n Cheeseburger bestelle und nach ein paar Minuten mich beschwere, dass ich noch auf meine vier Cheeseburger warte, packen mir die Mitarbeiter noch drei dazu, garantierte er mir, denn in dem ganzen Stress wüssten sie nicht mal mehr, wer gerade an der Reihe ist.
Mit meinem Lieblingsparkplatz in der Nähe der Brunswiker Straße kam ich nur bedingt klar. Gilt die maximale Parkdauer von zwei Stunden nun nur während der gebührendpflichtigen Zeiten oder generell?
Von den langen Wegen
Die Kieler Woche bezeichnet sich gerne als das größte Volksfest Nordeuropas und ein Blick auf die Straßenkarte bestätigt: will man das ganze Volksfest an einem Abend erleben, dann läuft man sich die Füße wund. Los geht’s am Bahnhof Richtung Süden an der Hörn entlang, denn die Hörnbrücke, die noch pünktlich am Freitagnachmittag kaputt ging, ist ab 18 Uhr teilweise als Einbahnstraße ausgewiesen.
Ein junges Pärchen hielt sich für was besseres und kletterte kurzerhand über die Absperrgitter, um anschließend mit der Polizei zu diskutieren, warum man denn nicht hinüber dürfe, man sei schließlich nur zu zweit. Es wirkt hingegen Wunder, eine große Kamera um den Hals hängen zu haben — zwei Mal wurde ich einfach durchgewunken, vermutlich sah ich so sehr nach Presse aus. Als ich mich anschickte, das Missverständnis aufzuklären, ich bin ja schließlich ein ehrlicher Mensch, durfte ich trotzdem passieren. Die Polizei hatte eben zu viel zu tun, als dass sie sich noch um Einzelfälle kümmern konnte.
Sehr cool waren auch die drei Geldautomaten der Sparkasse, die zusätzlich gegenüber vom Bahnhof in einem Container aufgestellt waren. Es hätte zwar Plätze gegeben, an denen ein Geldautomat nötiger gewesen wäre als beim Bahnhof, wo die Automatendichte eigentlich recht hoch war, aber so hatten die vielen Betrunken noch Gelegenheit, vor der Heimfahrt noch schnell ihre Pin dreimal zu verbraten.
Über die Hörnbrücke gelangte man wieder zum Bahnhof, sofern sie denn geschlossen war, die Hälfte der Woche war die weiße Behelfsbrücke im Einsatz. Von dort aus konnte man entweder direkt am Wasser am Rotlichtviertel bis zum Schloss latschen, was die Alkoholinteressierten bevorzugen, oder den längeren Weg durch die Innenstadt, am Internationalen Markt vorbei, über den Alten Markt und auf der anderen Seite des Schlosses bis in den Schlosspark gehen. Von dort aus ging es über die Brücke zur Kiellinie und das war wirklich neu.
Denn bisher thronte dort am Schwedenkai immer der NDR. Das wurde dieses Jahr nichts, weil der Schwedenkai gerade umgebaut wurde, obwohl eigentlich genügend Platz vorhanden gewesen wäre, der auch teilweise für politische Aktionen genutzt wurde. Ich glaube eher, der NDR hat einfach zu spät geschnallt, dass das Areal dieses Jahr nicht zur Verfügung steht und ist dann notdürftig ans Ende der Welt zum Sportboothafen ausgewichen. Zwischen dem neuen und dem alten NDR-Areal liegen immerhin eineinhalb Kilometer — das klingt wenig, ist aber im Gedränge durchaus eine ganze Menge, vor allem, wenn es auf der Kiellinie links und rechts Gelegenheit gibt, bei anderen Bühnen stehenzubleiben.
Ich glaube nicht, dass der NDR über seinen neuen Stammplatz so richtig glücklich war. So sehr viel los war dort oben auch nicht, was allerdings auch den nicht allzu sehr interessanten Shows geschuldet sein kann. In früheren Jahren musste die Brücke am Schwedenkai komplett gesperrt werden, damit die hunderten Zuschauer des NDR das Ding nicht verstopften. Außerdem wurde in den letzten Jahren dort oben eine Einbahnstraße Richtung Süden eingerichtet, der frühstmögliche Zugang zur Kiellinie befand sich beim Aquarium oder gar erst an der Reventloubrücke — die Besucher Richtung Norden waren davon allerdings ausreichend genervt, wurden sie doch um die Kiellinie herum durch ein volksfesttechnisches Niemandsland geführt. Von daher war das dieses Jahr durchaus besser gelöst — nur nicht für den NDR.
Interessant sind die Ausschilderungen, die man vor ein paar Jahren ausgeknobelt hatte. Die Kiellinie wurde in fünf große Blöcke von A bis E unterteilt, die jeweils in vier bis sechs Unterbereiche ausgewiesen wurden. Will man sich mit seinen Freunden im Bereich F treffen und latscht guten Mutes gen Norden Richtung NDR, wird man rasch eines besseren belehrt: der Bereich F befindet sich etliche Kilometer südlich an der Hörn.
„Fffffoooodddooooo!!!“
Überall warnen Datenschützer vor den Fotoalben im studiVZ und Google Maps, doch wenn es um Partyfotos geht, dann kennen die Deutschen nichts. Ich bin mir nicht sicher, ob es nur mir so geht (und falls es nur mir so geht, wie ich das finden soll), aber sobald ich meine Spiegelreflexkamera mit Blitz auspacke, dauert’s gerade ab 21 Uhr nicht mehr lange, bis die ersten Besowskis mich angrölen, ob ich sie denn fotografiere. Ein „bitte“ wird ebenso wenig erwogen wie die Möglichkeit, dass ich gar kein Partyfotograf bin. Das stört die nämlich gar nicht, die wollen unbedingt fotografiert werden, selbst wenn sie das Foto nie zu Gesicht bekommen.
Ich verstehe das einfach nicht. Geht das auch anderen kamerabewehrten Besuchern so?
Ganz okay ist es ja noch, wenn die Leute zumindest begreifen, dass ich kein Partyfotograf bin und sich dann mehr oder weniger nett verabschieden, selbst wenn’s nach dem zehnten Mal auch nervt zu erklären. Manche wollen oder können das aber auch partout nicht begreifen und werden bestenfalls ausfallend, wenn nicht sogar handgreiflich. Um jeden Preis dieses Foto mit den ausdruckslosen Gesichtern und dem Alkohol und den Händen auf den Titten! Und wenn der Typ mit der Kamera samt Kamera ins Wasser fliegen muss! Am besten macht man sich einfach schnell aus dem Staub, denn, oh, das klingt jetzt böse, aber so schnell können die Leute zu der Uhrzeit und mit dem Pegel gar nicht mehr reagieren, als dass man sie danach noch an den Fersen hätte.
Und der andere Stress
Es gibt aber auch welche, die wollen gar nicht fotografiert werden. Das sind dann die, die mich lamentierend an die Schulter packen, sobald sie meine Kamera sehen. Der drolligste war ein ernst dreinblickender Mann, der vermutlich zuletzt vor vierzig Jahren gelacht hat und mir mit Anzeige drohte, falls ich ihm nicht sofort den Film aushändigen sollte. Das blöde an der Sache war nur, dass ich vor zehn Minuten zuletzt ein Foto geschossen hatte und mir seitdem die Kamera gelangweilt am Hals baumelte, weil beide Hände mit meinem Nutella-Crêpe kämpften. Er begriff auch nicht sonderlich gut, doch hatte ich wenig Lust, mich mit ihm auseinanderzusetzen, fürchtete ich doch, dass das nur wieder in Handgreiflichkeiten enden würde, wenn er merkte, dass seine Argumente bei mir nicht die angedachte Wirkung entfalteten.
Ein positives Beispiel war hingegen der etwas jüngere Herr, der mit einer Dame unterwegs war, die wohl nicht seine angetraute war, und mich nett bat, ob ich das Foto von der Hörnbrücke, auf dem die beiden zwischen den fünzig anderen Menschen freilich recht gut zu erkennen waren, doch bitte löschen könnte. Wenn jemand so nett fragt, dann ist das auch gar kein Problem.
Und dann war da noch der eine Typ, der irgendwie Streit suchte. Wir trieben uns am Donnerstag an der Jever Partyzone umher und ich schoss ein paar Fotos von meinen Freunden und mir, als er mich plötzlich am Arm packte und beiseite zog. Wie ich das hasse, wenn mich wildfremde Leute am Arm packen, um sich grundlos zu beschweren!
Er wollte meinen Presseausweis sehen.
Warum denn das, fragte ich ihn. Er maulte herum, dass ich ohne Presseausweis hier nicht die Leute fotografieren dürfte und mit einer Anzeige rechnen müsste. Ob er denn auch die anderen abertausenden Besucher anzeigen wird, die gerade in diesem Moment ihre Freunde fotografieren, fragte ich ihn. Er wurde daraufhin ärgerlich, denn schließlich knipsen die abertausenden Besucher ja nicht mit so einer großen Kamera wie ich sie gerade in der Hand hielt und für die ich auf jeden Fall einen Presseausweis brauchte. Ich legte mir gerade die wunderbar komische Argumentation zurecht, dass er wohl keinen Gehirnausweis mehr abbekommen hat, doch bevor ich den grandiosen Brüller des Jahrtausends anbringen konnte, schnallte er plötzlich, dass ich wirklich keinen Presseausweis hatte und wollte stattdessen meinen Personalausweis sehen. Er habe das Recht, dass ich mich jetzt ausweisen müsse, erklärte er mir, denn, und jetzt kommt’s, er sei Auszubildender bei der Polizei im ersten Lehrjahr. Da habe er wohl noch viel zu lernen, meinte ich, ui, was wurde er sauer! Er rufe jetzt seine Kollegen an, maulte er und griff zu seinem Handy und rief tatsächlich im Lärm der Partyzone irgendjemanden an. Zu komisch! Dann beschimpfte er seinen Gesprächspartner und legte auf und ging.
Ich glaube, er war einfach nur voll.
„Heute schütte ich mich zu…“
Der Alkohol gehört zur Kieler Woche wie die Segelregatta. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass die meisten Besucher überhaupt nicht wissen, dass die Kieler Woche irgendwas mit einem Segelrennen zu tun hat. Die Kieler Woche dürfte eher als ein Jahrmarkt gelten, bloß in groß. Der perfekte Grund zum Saufen.
Ich hatte mein Abitur bereits letztes Jahr abgelegt, der nachfolgende Jahrgang war am Montag und Dienstag an der Reihe und hatte ebenfalls Grund zum Saufen. Und weil wir was erleben wollten, verkleideten sich einige als Tiere, während andere ganz überzeugend den betrunken Fußballfan mimten, der mit seinem Spielzeug Megaphon sexistische Witze durch den Zug brüllte oder Fußballhits laufen ließ. Wir strapazierten die Leidensfähigkeit der wenigen Fahrgäste im vorderen Triebwagen wohl ganz beträchtlich, denn schließlich probierten wir empirisch aus, ob man sich kopfüber schweinebaumelnd im Kostüm in die Gepäckablage hängen oder auf dem Dach der Toilette sitzen kann. Abgesehen davon machten wir unglaublichen Lärm und vernichteten binnen einer halben Stunde geschätzte fünf, aber gefühlte fünfzig Liter Alkohol. Soll heißen: wir hatten unseren Spaß.
Auf der Kieler Woche quatschen wir ungefähr jeden an und gaben uns als australische Matrosen auf Landgang aus, denn die Mädchen stehen auf Matrosen. Nur tragen Matrosen keine Abitur-T-Shirts mit deutscher Aufschrift. Aber wie lustig, dass das erst nach Stunden jemandem auffiel. Der kleine mobile Zoo wilder Tiere muss ganz niedlich ausgesehen haben, auch wenn die meisten Abiturienten davon nichts mehr wissen. Bloß gut, dass ich Fotos geschossen habe.
Nachdem wir feststellten, dass es oben beim NDR jetzt nicht so toll war wie gehofft, machten wir uns auf dem Weg zur Jever Partyzone, denn wenn irgendwo die Party steigt, dann dort. Dumm nur, dass da ab Mitternacht Ende ist. Wir versuchten noch einen kurzen Rundgang um die Hörn, die uns aber auch nicht so anmachte, denn kurz vor ein Uhr war dort erst recht nichts mehr los, also pilgerten wir erstmal zum Bahnhof, genauer: zum Geldautomaten, denn dort war noch Party.
Und dann gingen wir ins Tuch. Es war schließlich Dienstag.
Wir gingen zwar nicht auf dem kürzesten Weg in die Bergstraße, aber durchaus auf dem lustigsten und immerhin hatten wir uns nicht verirrt. Im Tucholsky war mehr los als wir hofften, aber weniger als wir dachten, doch am beeindruckendsten war die Wiedereröffnung des „echten“ T2s. Dort wo seit dem letzten Herbst nur noch Billardtische standen, wird jetzt wieder zu harter Rockmusik getanzt. Mal sehen, was dann mit dem Böll passiert. Ach ja, und im T1 hängt eine zweite Glitzerkugel. Von dem ganzen Spaß dürfte ein Großteil nichts mehr mitbekommen haben, der dort vegetierend im T2 auf den Sesseln verendete oder auf der Toilette wichtige Dinge erledigte.
Überrascht stellten wir fest, dass das T2 wieder umgebaut wurde. Aus der Chill-Out-Höhle mit leiser Hintergrundmusik wurde wieder der alte Rockpalast. Die Rockmusik wurde wieder aus dem Böll ins T2 verlegt, die Billardtische aus dem T2 herausgeschafft, stattdessen gibt es eine Reihe defekter Rechner. Und eine Disco-Kugel hatte man auch noch irgendwo aufgetrieben.
Zwischendurch waren wir noch drüben im Irish Pub, das weiß ich noch als einziger, wir orderten Guiness für viel Geld und tranken es auf Ex, denn gleich danach war dort schon Feierabend. So richtig Lust wieder zurück ins Tuch zu gehen hatten wir allerdings auch nicht, schließlich stand die Sonne hoch am Himmel, also überfielen wir mit einer ansehnlichen Massenbestellung, die sogar ein rüstiges McDonald’s in die Knie gezwungen hätte, den kleinen Dönerladen nebenan und machten uns über Umwege auf den Heimweg. Wir vertrieben uns die Zeit, uns im Bahnhof vor der Bundespolizei zu verstecken, denn schließlich waren wir vorher mit den Kofferwagen über den Bahnsteig geheizt und wir fürchteten zurecht, dass so etwas verboten sein könnte. Aber immerhin waren die Herrentoiletten kostenlos, weil der doofe Automat defekt war, was den weiblichen Anteil in der Herrentoilette deutlich erhöhte.
Den Rückweg überstanden wir mit Red Bull. Wie wir die nächsten acht Stunden Abi-Streich überstanden weiß ich nicht. Vermutlich mit viel Blödsinn. Während es Fußmarsches vom Rendsburger Bahnhof zur bald ehemaligen Schule machten wir Blödsinn und verliefen uns, rutschen auf Brunnen aus und bespritzen uns mit Wasser, bis alle froren. Dummerweise hatte weder McDonald’s noch irgendein Bäcker geöffnet, wo wir uns mit Proviant hätten eindecken können.
Schwenkgrill
Irgendwann hat sich bei uns der Running Gag entwickelt, dass es bei eBay bestimmt so eine Schwenkgrill-Komplettausstattung mit Wurst für 499 Euro als Sofortkauf geben müsste. Anders lässt sich die Masse an roten Grillzelten einfach nicht erklären — die stehen nicht nur überall, die sehen auch noch alle gleich aus. Und überall schmeckt die Wurst ähnlich schlecht.
Nicht zensieren
Nebenan, da, wo während der letzten Jahre stets der NDR thronte, da ist jetzt wenig los. ver.di wirbt auf einem roten Container, dass sich Arbeit wieder Lohnen müsste und nebenan steht ein LKW des Deutschen Bundestages und verteilt Grundgesetze — wie paradox.
Eine junge Dame kam auf mich zu und fragte mich, was denn für mich das Ziel der Politik sein müsste — welch eine Steilvorlage! Ich entschied mich ohne viel nachdenken für „verändern!“ mit Ausrufezeichen, überlegte mir dann noch, dass „nicht zensieren“ auch nicht übel wäre. Von den Plänen der Bundesregierung hat die gute Dame allerdings noch nichts gehört. Macht ja nichts, sie soll ja schreiben, nicht bewerten.
Feuerwerk
Das mit dem Feuerwerk war ja ein Reinfall. An der Reventloubrücke, hieß es, drum stellte ich mich fototechnisch klug an der nächsten Brücke auf. Das gegenüber der Reventloubrücke am Ostufer gemeint sein könnte, darauf kam ich genauso wenig wie die anderen Fotografen. Wir sahen weder besonders viel vom Feuerwerk noch hatten wir besonders viel von der versprochenen musikalischen Untermalung. Die beiden zusätzlichen Boxentürme waren längs der Kiellinie aufgestellt. Für de Rest der Kieler Woche reicht das nicht.
Und zum Schluss
Mit am lustigsten war ja übrigens das spontane Twitter-Blogger-Treffen. Wir waren uns zwar nicht ganz einig über den Treffpunkt, weil „links vom Aquarium“ ein doch ziemlich großes Gebiet bezeichnet und zogen, nachdem wir unsere Twitter-Namen ausgetauscht hatten, weiter zum Schankwerk, wo in absehbarer Zeit das Büro am Strand auftreten sollte. Die Musik ist übrigens unerträglich laut. Sogar für mich mit sehr gut dämpfendem Gehörschutz bluteten nach ein paar Minuten quasi die Ohren. Und jedes Mal wollen die Sicherheitsbeamten des Schankwerk in meine Tasche sehen, ob ich statt eines Objektives nicht irgendwo eine Flasche Schnaps herumtrage.
Unzensiert
Ich habe so etwas wie ein Privatleben. Gerade jetzt im Sommer bleibe ich keinen Tag daheim. Wir gehen schwimmen, an den Strand, grillen und haben Spaß. Wir leben.
Und das geht nur bedingt, wenn man sich ständig ärgert.
Ständig ärgern werde ich mich freilich weiterhin, dafür werden die großen Parteien Sorge tragen. Ich werde es aber nicht mehr verbloggen, wie ich es bisher getan habe. Ich kann es mir zeitlich nicht leisten, pro Tag zehn Beiträge zu schreiben, von denen gleich neun in die Kategorie Internetzensur fallen. Dann bleibt die Arbeit und die Freizeit auf die Strecke und irgendwie auch das finanzielle und das ist es nicht wert.
Es gibt in der Blogosphäre genügend lesenswerte Blogs, die sich diesen Themen ausführlich widmen, allen voran natürlich netzpolitik.org und fefes Blog. Außerdem gibt’s natürlich noch — in alphabetischer Reihenfolge — das Datenschutz-Blog, F!XMBR, lawblog, mogis, ODEM.blog und pantoffelpunk.
Es bringt nichts, tausendfach das gleiche zu schreiben, das es dort schon zu lesen gibt. Das ist auch nicht ganz der Sinn der Blogosphäre. Das bedeutet nun natürlich nicht, dass mir der anstehende Stopschilderwald im deutschen Internet egal ist, nein, darüber wird natürlich auch fortan wütend gebloggt. Ich habe aber keine Lust — und keine Zeit — mehr, über jeden dahergelaufenen Politiker zu schreiben, dem mal wieder etwas tolles eingefallen ist, der mal wieder die Sperrinhalte ausweiten möchte.
Dafür ist mir meine Zeit zu schade: die sind es nämlich einfach nicht wert.























