Gegen Missverständnisse

Es gibt übrigens auch nette Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf meiner Dienststelle. Eine von denen hat mir gerade eine Liste geschrieben, welcher Bewohner welchen Tee trinkt. Das ist hier nämlich äußerst kompliziert, denn hier legen die Bewohner nicht bloß Wert auf die Sorte, sondern auch auf Art des Bechers und Art des Kännchens. Ein wenig Luxus kann man sich im Alter ja ruhig gönnen.

Vielleicht stimmt allerdings auch bloß das Vorurteil, dass Menschen im Rentenalter irgendwie nörgelig werden.

Es gibt eben doch doofe Fragen

Man sagt, es gebe keine doofen Fragen, sondern nur doofe Antworten. Stimmt nicht, habe ich gelernt, denn immer, wenn ich nachfrage, weil mir der Alltag in einem Pflegeheim noch nicht so ganz geläufig ist, wird mir vorgeworfen, vorher nicht lange genug nachgedacht zu haben.

Am besten Frage ich gar nicht mehr, sondern mache einfach. Merkt ja keiner, wenn hier was falsch läuft, soviel wie hier falsch läuft.

Gemeinsam beim Onkel Doktor

Dass man einen Tag vor der Tauglichkeitsuntersuchung seinen Termin mitgeteilt bekommt, ist ja so eine Sache. Macht ja aber nichts, bin ja Kummer gewohnt und habe eh nichts vor im Leben. Beigelegt waren die Termine einer U-Bahn-Verbindung, die jemand netterweise von der Website des HVV ausgedruckt hatte. Meine Einstiegshaltestelle war 35, die Endhaltestelle 40 Fahrradminuten von mir entfernt, also beschloss ich, die ganze Strecke mit dem Fahrrad zu absolvieren. Die Kosten für einen Fahrschein hätte man mir nämlich nicht erstattet.

Ich fahre durch so eine komische Straße, eine Einbahnstraße, von 4 bis 12 Uhr in Südrichtung, die restliche Zeit in Nordrichtung und ich wundere mich, dass sowas in Hamburg funktioniert. Was passiert eigentlich, wenn jemand um 11.58 Uhr noch schnell reinfährt? Bei uns in der Provinz hätte es sowas nicht gegeben.

Die Empfangsdame beim Arzt begrüßt mich mit „Zivi?“ und ich frage mich, ob man mir nach zwei Wochen meine Berufung an der Kaffeemaschine schon so sehr ansieht. Wie ich später merken sollte, waren für den heutigen Vormittag fast 30 Zivis zur Untersuchung angesetzt, so dass die Vermutung ja durchaus nahe lag.

Und so hockten wir da, wir 30 Zivis, darunter auch solche Leute, denen man den Zivi wirklich ansieht, andere sehen wie ich aus und könnten direkt aus dem Leitfaden vom Bundesamt stammen mit diesen XXL-Klamotten und den wirren Haaren.

Neben mir saß ein jemand aus einer Behindertenwerkstatt, der sein Urinbecher beim besten Willen nicht jedenfalls ein kleines bisschen vollbekam. Beim Bierbrunnen gegenüber hätte man noch mal nachkippen können oder wir hätten für ihn gesammelt, den Becher kreisen lassen, wie es sich für so eine lustige Runde gehört, aber irgendwann lief es dann doch und die anderthalb Liter, die er sich reingepfiffen hatte, wollen alle wieder raus.

Zwischendurch rief meine Dienststelle an, beschwerte sich, dass ich nicht zum Dienst erscheine, ich gebe zurück, dass sie mich doch selbst zum Arzt geschickt hätten. So ist das hier in Hamburg. Alle wissen alles, keiner weiß bescheid.

Während wir uns hier alle langweilten, denn es lagen nur drei Klatschzeitschriften zur Auswahl bereit, frage ich in die Runde, wer noch bloß die Kaffeemaschine bedient. Außer mir meldet sich niemand. Andere haben sogar Spaß beim Dienst. Und kürzere Arbeitszeiten. Und häufiger frei. Und vor allem sind sie auf ihrer Dienststelle nicht so furchtbar einsam.

Wir unterhielten uns über unreife Themen, über Saufgelage in der Zivildienstschule und die Untauglichkeit während der Tage danach. Steht mir ja auch noch bevor, diese Zivildienstschule.

Für 11.30 Uhr wurde ich hier hinbestellt zum Arzt, aber außer Blutdruckmessen, Urinprobe und Sehtest passierte lange Zeit erstmal nichts. Und dabei war ich schon die Nummer zwei auf der Liste, die demnach relativ früh drankommen müsste.

Kam ich dann auch, zwar erst gegen 13.30 Uhr, aber immerhin. Der Arzt fragte mich, ob ich Beschwerden hätte, nimmt zur Kenntnis, dass ich am Tag zuvor während der Arbeit umgefallen bin und gibt mir meine vielen bunten Zettel wieder mit. „Keine Beschwerden“ hatte er schon angekreuzt, bevor er mich gesehen hatte. Muss ja alles schnell gehen, bei den 30 Zivis hier.