Tag 5

Ich schreibe mal auf, was heute so in meiner Zivildienststelle passiert ist. Es ist nämlich viel passiert, sehr viel mehr als bloß Klappe auf, Geschirr raus, Geschirr rein, Klappe zu.

Als ich zwei Minuten vor Dienstbeginn hoffnungslos zu warm angezogen meine Dienststelle betrat, gab’s erstmal „ein Geschenk“, wie es genannt wurde. Mit den Fachtermini habe ich es wohl nicht so, denn was daran ein Geschenk sein sollte, habe ich nicht begriffen.

Aber es war insofern toll, dass es sich nicht innerhalb der acht Quadratmeter Küche abspielte, in der ich sonst immer walte. Ich durfte nämlich… ja, was eigentlich? „Medikamente abholen“ wäre genauso falsch wie „Rezept einlösen“. Ich glaube, der Begriff „Medikamente bestellen“ trifft es am besten.

Also gleich wieder rauf aufs Rad und dank Google Maps auf meinem iPhone relativ schnell den Weg zu der Arztpraxis gefunden, in der ich ein Rezept abholen sollte. Nach einer Dreiviertelstunde („der Doktor steckt noch im Ultraschall fest“) bekam ich den Wisch und wusste nicht so richtig wohin damit.

Da man die Bewohner des Heims ja wohl nicht mit dem Fetzen Papier kurieren wollte, ersann ich es als sinnvoll, den Kram aus der Apotheke abzuholen. Ich rief erst mal in der Dienststelle an, blieb aber mehrere Male erfolglos. Irgendwie hat wohl jemand den Hörer neben die Gabel gelegt.

Scheißegal, also rein in die nächste Apotheke. Da war der Kram leider nicht vorrätig. In der nächsten auch nicht. Und dort gegenüber auch nicht. Apotheken gibt es hier übrigens fast so häufig wie in der Rendsburger Umgebung.

Also noch mal angerufen. Diesmal wurde mir der Name einer Apotheke genannt, in der ich den Kram einlösen sollte. Fein, also wieder mit dem iPhone hingefunden. Natürlich mussten die Tropfen bestellt werden. Anscheinend ist das ein sehr exotisches Medikament, dass es sowas nicht in der zweitgrößten Stadt Hamburgs gibt.

An dieser Stelle möchte ich doch mal erwähnen, dass ich mich für relativ klug hielt. Aber auch ich denke eben nicht an alles und drum wurde mir im Büro erstmal erklärt, dass ich das Rezept nur hätte abgeben müssen, alles andere würde der Apotheken-Kurier erledigen. Hätte man mir auch vorher erzählen können, find ich.

Tja. Dank des ganzen Hin und Hers habe ich mein Date mit der Wäscherei verpasst und trage drum noch immer keine Dienstkleidung, auf der auf Höhe des Herzens mein Name eingestickt ist. „Zivildienstleistender“ wird drunter stehen, quasi als Warnung. Eigentlich hätte man auch „Blödmann“ oder noch kürzer: „Idiot“ dahinsticken können, das ist jedenfalls nicht gleich doppelt so lang wie mein Name.

Meinen momentanen Klamotten sieht jeder immerhin die harte Arbeit an, die hinter mir liegt. Da kleben Kaffeereste, ein Stück Erbrochenes (glaube ich) und haufenweise Brotaufstriche. Noch ’ne Woche und ich werd den Anzug ans MoMA geben. Danach wäre ich auch bezüglich Cash wieder mal flüssig.

Ah, dann habe ich Wäsche verteilt. Nichts spektakuläres, abgesehen davon, dass sie zu meiner großen Freude bereits gelegt war (und auch zur Freude der Bewohner, denn ich hätt das nicht so hübsch gekonnt).

Tja, und dann? Dann wütete ich wieder in der Küche umher.

Aber irgendwie konnte der Tag nicht so schön enden. Eine Pflegerin war mit einem Bewohner draußen vor der Tür zum Rauchen. Jener Bewohner hat aufgrund seines Krankheitsbildes andauernd schlechte Laune und mag sich nur beim Rauchen entspannen.

Die Pflegerin hatte fertig geraucht, lief kurz ins Büro und der olle Griesgram, der fiel glattweg aus seinem Rollstuhl. Das gab natürlich gleich ein Sturzprotokoll, auf dem natürlich als Beteiligter mein Name prangt, obwohl ich mit der ganzen Sache nur insofern zu tun habe, dass ich den alten Herrn nicht aufgefangen habe, sondern stattdessen Hilfe holte. Also wieder falsch reagiert. Macht ja nichts, bin ja Gemaule gewohnt. Immerhin hatte der alte Mann nachher nicht schlechtere Laune als vorher.

Dann trat eine andere Bewohnerin auf mich zu. Ich will ruhig ehrlich sein: sie fuhr mir mit ihrem Rollator über die Füße — gleich zwei Mal. Ihr Kalender, beschwerte sie sich, spinne und sie gehe jetzt zur Heimleitung, um sich zu beschweren, sprach sie und ich konnte die Ausrufezeichen beinahe auf mich herabprasseln spüren.

Kurze Zeit später rief die Heimleitung nach „Zivi“, denn „Zivi“ sollte „der Dame“ ihren Kalender erklären. Kann ja so schwer nicht sein, dachte ich, und sah mir das Teil einmal an. Allerdings wäre auch ich damit durcheinander gekommen. Auf der Vorderseite eines Blattes waren die ersten vier Tage der Woche, auf der Rückseite die letzten drei und ein Feld für Anmerkungen aufgedruckt. Das ganze wurde allerdings so seltsam zusammengeheftet, dass auf den 7. September der 13. Oktober, dann der 29. September gehörte. Falls diese im Schnellhefter früher mal einen Sinn ergeben haben, so tun sie es momentan auf keinen Fall. Der Kram ließ sich überhaupt nicht mehr drucken, der war ja falsch bedruckt. Einen neuen Kalender des aktuellen Jahres durfte ich der Dame allerdings nicht empfehlen, denn sie hatte sich so sehr an ihr kaputtes Exemplar gewöhnt, um unerhört wichtige Dinge wie den täglich gleichen Tagesablauf zu notieren. Also beließ ich es dabei. Morgen wird sie sich eh wieder beschweren.

Danach stattete ich noch der tollen Modenschau einen Besuch ab. Im Kellergeschoss hatten sich zwei dutzend Senioren zusammengefunden und dort zwischen ihren Rollstühlen führten mehrere rüstige Damen die kommende Herbst- und Winterkollektion vor. Und wie erschreckend ist es eigentlich, dass nicht einmal die Hälfte der Anwesenden später noch wusste, dass sie sich nachmittags eine Modenschau angesehen hatten?

Und dann fuhr ich nach Hause.