Verspätung muss sich lohnen

Als Zivildienstleistender darf ich mit meinem Zivildienstausweis die Relation Hamburg–Rendsburg kostenlos befahren — und netterweise nicht bloß mit dem Nahverkehr, sondern unter anderem auch mit dem Intercity Express.

Und so hock ich gerade im ICE 380 mit 21 Minuten Verspätung. Richtig kompliziert war ja schon mal, dass die Doppeltraktion von Berlin Ostbahnhof in Hamburg aufgelöst wird, ein Teil über Fehmarn nach Kopenhagen, der andere über Flensburg nach Aarhus rollt.

Und dann stieg ich also ein, in den richtigen Teil, nämlich den vorderen und marschierte los und stand plötzlich in der ersten Klasse. Wäre ich in die andere Richtung gelatscht, hätte ich allerdings ebenfalls vermutet, in die erste Klasse gestiefelt zu sein. So abgestumpft, wie ich vom Nahverkehr bin, kam mir der Luxus der zweiten Klasse geradezu pompös vor.

Tische, auf denen man auch ein Notebook hinstellen kann. Bequeme Sitze. Elektronische Displays über jedem Sitz, ob der Platz reserviert ist. Richtig fein. Mein Zivildienst gefällt mir wirklich.

Verspätung muss sich allerdings lohnen. Als wir auf der Rendsburger Hochbrücke endlich wieder in der Zeit waren, legte unser Lokführer ungefähr einen Kilometer vor dem Rendsburger Bahnhof geradezu eine Gefahrenbremsung hin. „Personen im Gleis“ hieß es und „unsere Weiterfahrt verzögert sich um wenige Minuten“, immer wieder, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Alles, was wir von „Personen im Gleis“, die nachher zu „Spielenden Kindern am Gleis“ wurden, mitbekamen, das waren die Streifenwagen, die irgendwann an einer parallelen Straße vorbeifuhren. Was die Beamten so lange da vor dem Zug machten, weiß wohl niemand.

Dann, nach einer Stunde… wollte ich mir etwas zu trinken sagen. Und ich hatte mein Geld schon herausgekramt, als die Zugchefin durchsagte, dass Getränke ab jetzt wegen unserer Verspätung kostenlos seien. Praktische Sache. Gleich danach sind wir übrigens wieder weitergerollt.

Last-Day

Ich scheiterte gleich an der Tür. Nachdem ich mich mit einem vollgeladenen Touran und einem Fahrrad am Arsch über die Autobahn gekämpft hatte, ließ mich die Tür nicht ein. Es war nicht die Haustür, sondern die Tür hinter der Haustür, die den Windfang vom Flur trennte. Irgendwie war sie abgeschlossen aber irgendwie auch nicht, zumindest bekam ich sie mit meinem Schlüssel nicht aufgeschlossen und vor allem — was mich im Moment viel mehr bedrückte, denn es würde schwer zu erklären sein — bekam ich meinen Schlüssel nicht mehr aus dem Schlüsselloch.

Es sollte sich herausstellen, dass die Tür nicht abgeschlossen, sondern nur fest zugezogen war. Weil sich der Rahmen verzogen hatte, erreichte man den Flur bloß mit einem beherzten Schulterrempler. Die Tür und ich, wir hatten keinen guten Start.

Als ich in dem dunklen Flur nach meiner Tür tapste und meine Schuhe am Schuhabtreter abstrich, bemerkte ich das fürchterliche Knarzen unter dem Teppich. Na toll, ich wohne gleich neben der Tür. Wenn sich nachts jemand anschickte, spät heimzukommen, würde ich es auf jeden Fall mitbekommen.

Nachdem ich vier Mal durch den Flur geknarzt bin, warf ich mal einen Blick in den weißen Kasten, der dort in der Ecke stand und mir kraft seines unscheinbaren Aussehens noch gar nicht aufgefallen war. „Energieeffizienzklasse A“ klebte noch drauf, fein, also irgendwas kühlschrankartiges.

Ob der wohl jemandem gehörte? Einem der Franzosen? Nachdem ich rausbekommen hatte, wie sich die Türe öffnen ließ, lachten mir Tiefkühlspaghetti und -lasagne entgegen. Mit einem dicken Edding war etwas auf die Verpackung gekritzelt, was ich für einen Namen hielt. Mir schien, dort konnte jeder seinen Kram reinstellen. Wieder etwas gelernt. Langsam kam ich mir in diesem Haus mit den niedrigen Decken den hohen Böden gar nicht mehr so ungelenk vor.

Nun musste ich nur noch rausbekommen, wie das hier mit dem Duschen funktionierte. Gerade falls sich herausstellen sollte, dass es sich bei Fabriece doch um eine Dame handelt, wäre es ja nicht unwichtig zu wissen, wie man das im Niendorfer Gehege mit der Badezimmerreihenfolge so regelt.

Ich schickte mich an, bei meinen Nachbarn anzuklopfen und irgendwas blödes zu sagen. Wie wär’s mit: „Hej hej, ich bin der neue von neben der Tür?“ Es lohnte sich nicht, weiter darüber nachzudenken, denn augenscheinlich war außer mir niemand im Hause. Das erklärte auch, warum aus den anderen Zimmern keinen Laut drang, ich aber bereits mit der kleinsten Bewegung ein fürchterliches Knarzen im Boden verursachte.

Guten Morgen Hamburg

Der Rest des Morgens traf schon eher meinen Geschmack: ich radelte an einem lustig glucksenden Bächlein entlang und teilte mir den Radweg mit allerlei New-Economy-Prinzen, die sich ihre Pfunde wegjoggten, bevor sie sich in der Mittagspause bei Starbucks alles wieder an den Leib trinken.

Das war zwar auch das Hamburg in der Einflugschneise neben der Güterumgehungsbahn, aber das war schon eher das Hamburg, in das ich wollte. Und auf dem Weg zur Zivildienststelle kam auch durchaus gute Laune auf. Rock me!

Nachdem dort alle Formalitäten geklärt waren und es waren viele Formalitäten, durfte ich meinen Dienst antreten.

Und es war richtig geil. Zwar verging die Zeit so langsam, dass irgendwann die Luft raus war, aber ich mit meinem tollen Selbstbewusstsein finde mich allerbestens zurecht.

Schlaflos in der Schneise

Irgendwie ein blöder Titel. Passt aber zum heutigen Morgen, der ist nämlich auch ziemlich blöde.

Mit dem Duschen habe ich mich ja gründlich vertan, denn während ich mich im Bett kaum umzudrehen wagte, wuschen sich meine Nachbarn locker den Dreck vom Körper. Und zwar minutenlang. Und vor allem: um fünf Uhr morgens.

Von dort an fand ich auch keinen Schlaf mehr, denn irgendwas war eh immer. Entweder duschte jemand oder landete ein Flugzeug oder ein Güterzug ratterte vorbei oder schlimmer noch: er bremste neben meinem schallisolierten Fenster.

Ich habe mich selten so scheiße gefühlt und mag schon jetzt nicht mehr.

Hilflos in Hamburg

Nun bin ich noch nicht einmal zehn Minuten in meinem Zimmerchen und fühle mich schon entsetzlich unwohl. Es ist nicht wegen der Fremde, die mich hier umgibt, nicht wegen der Güterumgehungsbahn, die entgegen meiner Hoffnungen auch nachts fleißig befahren wird, es liegt an Fußboden und Wänden. Und an dem Bettgestell.

Vor zehn Minuten kam ich hier zur Tür hereingetapert und hörte mindestens zwei Leute schnarchen, womit schon mal die Frage geklärt wäre, ob ich der einzige bin, der hier gemietet hat. Im Obergeschoss schaute die Vermieterin anscheinend eine Quiz-Show.

Tja, jedenfalls stand ich nunmal da und wagte kaum zu atmen, um ja niemanden zu wecken. Und das ist hier gar nicht mal so schwer: einmal auf den Fußabtreter stehen weckt das gesamte Erdgeschoss auf. Alle drei Türen quietschten entsetzlich und ich kann nicht einmal in meinem Zimmer auf und ab gehen, ohne zu lärmen. Der Schrank knarrt, der Bürostuhl schnurrt, das Bett knarzt, der Kühlschrank rattert.

Nachts zu duschen verbietet sich von selbst, wobei ich mich nicht einmal traue, noch mal Zähne zu putzen, weil die Wasserleitung vibriert und dabei ordentlich Radau veranstaltet. Ein Mädchen mit aufs Zimmer zu nehmen halte ich mittlerweile für ein Ding der Unmöglichkeit. Flüstern mag ja in sexueller Hinsicht ziemlich geil sein, aber spätestens das Bettgestell, das jede Bewegung mit einem Quietschen quittiert, verbietet schon den Gedanken an Sex.

Man kann hier nicht einmal einen Witz erzählen, ohne dass die Mitbewohner an die Tür klopfen, wenn jemand lacht.

Aber vielleicht gibt sich das alles auch, wenn ich hier erstmal ein paar Tage wohne und meine neuen Nachbarn etwas kennengelernt habe. Aber im Moment fühle ich mich einfach nur schrecklich unwohl. Und einsam.