Musik in uns

Ich hatte ja keine Ahnung.

Das mit der Ahnung ist sowieso etwas, das sich durch mein ganzes Leben zieht. Von Godewind hatte ich schon mal gehört, vielleicht auch schon mal etwas gehört, aber schon deren Name gab mir zu verstehen, dass es nicht mein Musikgeschmack sein sollte. Torfrock hatte ich schon mal bei der Kieler Woche im Musikzelt gehört, das war ziemlich fetzig, aber leider aufgrund der tausend besoffenen Zuschauer ziemlich anstrengend. Spaß klingt anders.

Eigentlich sollte ich an einem Sonnabend an meiner Abschlussarbeit schrauben, aber wenn Vater die Konzertkarten besorgt, dann gehen wir eben auf ein Konzert. Warum denn nicht. „Musik in uns“ hieß das Konzert und es waren Godewind, Torfrock und eine Formation namens Sonnenschein angekündigt. Zuerst spielte Godewind. Wie befürchtet entweder auf plattdeutsch oder einem Dialekt, den ich nicht verstand und mit dem ich auch nicht warm wurde, weil nach drei Liedern schon wieder Schluss war. Das ging mir alles ein bisschen zu schnell.

Godewind

Dann trat eine Gruppe namens Sonnenschein auf die Bühne, die sich laut dem Moderator aus Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zusammensetzte und eine Weile mit Godewind für diesen Auftritt geprobt hatte. Sonnenschein fing dann mit dem Singen an und es war das schlimmste, was ich jemals gehört hatte. Nicht mal im Kindergarten hatten wir so schräg gesungen: Mal sangen alle, mal die Hälfte, mal einer, mal keiner, die richtigen Noten wurden in der Regel mindestens knapp verfehlt.

Zehn Sekunden lang hoffte ich, dass das alles bitte nur ein Witz sein möge. Nach zehn Sekunden hatte ich begriffen, Sonnenschein würde womöglich eines der besten Konzerte liefern, das ich in meinem Leben bislang genießen durfte.

Es war vielleicht nicht das beste, was allerdings eher der Musikauswahl geschuldet war: Teenie-Disco-Titel wie „Das rote Pferd“ oder das „Bett im Kornfeld“ laufen weit an meinem Geschmack vorbei. Aber die zehn Lieder, die Sonnenschein dort vortrug, die packten mich mehr als Lindsey oder David, die waren großartiger als Queen oder die Beatles.

Sonnenschein 1

Ja, ich bin hier häufiger am Labern, wie gut und unglaublich toll ich dieses oder jenes Konzert und überhaupt alles fand. Die Großartigkeit von Sonnenschein bestand aber weder in ihren musikalischen Fähigkeiten noch in der Textsicherheit.

Sondern in ihrer Ausstrahlung.

Da standen zehn Leute in neongelben T-Shirts auf der Bühne, von denen ich überhaupt nichts wusste als dass sie es im Leben bestimmt nicht leicht hatten. Aber nun standen sie dort für eine Stunde auf der Bühne und sangen und waren so unfassbar glücklich, dass ich plötzlich Tränen in den Augen hatte. Und Tränen in den Augen habe ich relativ selten. Darf man als Mann ja sowieso nicht haben.

Und es war einfach unglaublich. Die zehn Menschen dort konnten nicht besonders gut singen, aber das hielt sie nicht davon ab, es trotzdem zu tun und dabei eine unglaubliche Lebenslust auszustrahlen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so glückliche Menschen gesehen hatte. Ich habe keine Ahnung, was ihnen Musik bedeutete, aber ich spürte, was es mit ihnen anstellte: Es gab ihnen unglaublich viel Energie. Wer waren wir, die wir da auf der Tribüne saßen und „Cowboy und Indianer“ und „Love me tender“ hörten, im Gegensatz zu Sonnenschein, die gerade eine der glücklichsten Stunden ihres Lebens erlebten und einen kompletten Konzertsaal mit sich rissen obschon sie nichts weiter taten als schief singend auf einer Bühne zu stehen.

Ich hatte mit den Werkstätten für Menschen mit Behinderungen und mit der Diakonie schon lange nichts mehr zu tun, seit ich zugunsten meines Studiums nicht mehr für die Lokalzeitung schrieb, aber ich war schon damals relativ fasziniert von den Fähigkeiten und der Lebensfreude dieser Menschen. Aber ich hatte nie diesen großartigen Zusammenhang zwischen Menschen mit Behinderungen und den Musikprojekten verstanden, über die wir hin und wieder in der Zeitung berichteten. Musik ist viel mehr als eine Datei auf dem iPod oder eine Spotify-Flatrate, Musik ist vor allem Lebensfreude und ein unfassbar starker Ausdruck der Persönlichkeit.

In den ersten zehn Sekunden hoffte ich, Sonnenschein möge bitte schnell wieder die Bühne räumen, in der folgenden Stunde hoffte ich, sie mögen doch bitte noch länger bleiben. Als sich Sonnenschein schließlich nach ihrer Zugabe übermannt vor Freude schluchzend in den Armen lag, war das einfach zu viel für mich. Mein Geist war viel zu abgeschliffen vom Alltag zwischen S-Bahn und Uni, als dass ich mit dieser Situation fertig werden könnte. Ich war vollkommen hinüber, ich hatte schon lange keine so glücklichen Menschen mehr gesehen. Ich bin überhaupt nicht in der Lage, ihnen den verdienten Respekt für diese Leistung zu zollen.

Sonnenschein 2

Dann spielte noch Torfrock, von denen ich allerdings nicht ganz so viel mitbekam, weil das wirkliche Highlight mittlerweile mit neongelben T-Shirts ihren Auftritt vor der Bühne zelebrierte. Das nennt man dann wohl Inklusion, wenn Menschen mit und ohne Behinderungen ganz selbstverständlich miteinander singen und tanzen und lachen. Und Klaus Büchner singt nun auch nicht gerade so, dass man angesichts der Akustik in dieser Halle besonders viel verstanden hätte.

Trotzdem: So etwas könnte ich mir gerne häufiger anhören.

Torfrock

Lindsey Stomp

Meine Fahrt nach Kopenhagen beginnt wie jede Fahrt mit dem Fahrrad hinten auf der Heckklappe: Auf der Autobahn in Richtung Hamburg. Immerhin merke ich schon gleich bei der nächsten Anschlussstelle, dass ich mich schon in den ersten fünf Minuten vernavigiert habe, kehre um und düse tatsächlich ohne besondere Vorkommnisse mitten in der Nacht von Rendsburg nach Kopenhagen. Kein Stau, keine blöden Verkehrsteilnehmer, die zu doof für den Sicherheitsabstand sind, keine Probleme. Nur ich, die dunkle Nacht und mein Fahrrad.

Um zwei Uhr morgens düse ich über die Storebælt-Brücke, stehe eine Weile als einziger Trottel am „Manual-Schalter“, weil ich schon letztes Mal mit dem komischen Kreditkarten-Teil nicht zurande kam, warte eine Weile, bis sich der Nachtschicht-Typ aus dem Keller an seinen Schalter geschält hat und schaue fasziniert zu, wie er eine weitere ganze Weile damit befasst ist, den Wechselkurs für das dänische Rückgeld meines 50-Euro-Scheines zu bestimmen. In den insgesamt fünf Minuten vor der geschlossenen Schranke habe ich eindrucksvoll gelernt, warum die grob geschätzten fünfhundert anderen Verkehrsteilnehmer die Express-Spuren links von mir gewählt haben.

Ich kapiere das sowieso nicht so richtig, auf der Homepage war die Rede von irgendeinem günstigen Nacht-Tarif, den ich sowieso nicht so richtig kapiert habe, weil ich da für meinen Polo mehr gezahlt hätte als ohne den günstigen Nacht-Tarif, wobei mir das mit der Nacht sowieso schon recht verdächtig schien, weil die Nacht am Storebælt von 16 bis 3 Uhr geht.

Immerhin war das ungefähr die einzige Fahrt mit dem Rad hinten drauf, bei der ich keinen Gegenwind genoss. Im März schob mich der Wind statt nach Dänemark beinahe rückwärts über die Autobahn wieder nach Hamburg zurück, jeder neue Windstoss ließ mich damals befürchten, bald als deutschlandweit erster Geisterfahrer im Verkehrsfunk berühmt zu werden, der einfach zum Gasgeben zu doof ist und vom Wind rückwärts gepustet wird. Vorsicht, auf der A7 Hamburg Richtung Flensburg ist Malte Hübner unterwegs und kann mit dem Gegenwind nicht umgehen.

Tatsächlich blieb die Fahrt wie zwei Stunden „Wetten dass…?“: Angenehm ereignislos. Die Probleme begannen erst, als ich, Student der Medieninformatik, zu unchristlicher Uhrzeit auf meinen Lieblingscampingplatz in Kopenhagen rollte und feststellen musste, leider den Adapter für das Stromkabel vergessen zu haben. Und mein Zelt ist schief. Und die Luftmatratze kaputt. Und überhaupt wurde plötzlich binnen fünf Minuten alles scheiße, weil ich vor lauter Frust erstmal etwas zu Essen kochen wollte und feststellte, dass der Zünder meines Gasgrills schon wieder nicht mehr zündete, woraufhin ich in die Küche des Campingplatzes umzog und dort so lange mit den Griffen und Schaltern des Gasherdes hantierte, bis ich endlich mal eine Flamme hochgezogen hatte.

Lindsey Stomp 1

Vermutlich waren die Höhlenmenschen mit zwei Ästen deutlich schneller im Feuermachen. Und vermutlich hatten die auch nicht ihre Hand an strategisch ungünstigen Stellen, so dass sie anschließend nicht fünf Minuten lang lüften mussten, damit der Gestank verbrannter Haare endlich verschwand. Immerhin ist ansonsten noch alles dran. Student der Medieninformatik eben.

Noch ein Nickerchen, Zähneputzen, Duschen, rauf aus Rad. Das Koncerthuset ist mit dem Rad zwölf Kilometer vom Campingplatz entfernt, das ist ja eine recht lockere Tour, außerdem kann ich in Kopenhagen, der Welthauptstadt des Fahrrades, als begeisterter Radfahrer nicht mit dem Auto oder mit dem S-Tog fahren. Das wäre uncool, nachher sieht und erkennt mich noch jemand und so.

Radfahren in Kopenhagen ist anders als in Deutschland. Ja, es gibt eine Radwegbenutzungspflicht und ein normaler deutscher Alltagsradler zeichnet sich mit einem gesunden Hass gegen solche Radwege aus. Die Kopenhagener Radwege sind kein bisschen vergleichbar mit dem, was sich in Deutschland unter dem Begriff verbirgt: Während ich zu Hause auf den 20 Kilometern von Wedel bis zum Gänsemarkt ständig zwischen Fahrbahn, benutzungspflichtigem Radweg und benutzungspflichtigen Fuß- und Radweg wechseln muss, manchmal zum Radeln auf der linken Straßenseite gezwungen werde und im Sinne des von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer inszinierten Krieges auf der Straße gegen Kraftfahrer kämpfen muss, kann ich in Kopenhagen, ja, kann ich in Kopenhagen einfach Radfahren.

Lindsey Stomp 2

Bis auf ein paar kurze Ausnahmen fahre ich in Kopenhagen auf Radwegen, in Wohngebieten oder kaum von Kraftfahrzeugen befahrenen Straßen auf der Fahrbahn. Aber ich kann mich drauf verlassen, dass es auf meiner Route Radwege gibt und zwar nicht in der handtuchbreiten Sparausführung wie in Deutschland, nein, hier in Kopenhagen radelt man auf mindestens zwei Meter breiten Prachtboulevards. Ich habe hier nicht dieses ganze Gehampel vom Radweg auf den Gehweg und auf die Fahrbahn und wieder auf den Radweg und um Gottes Willen, auf der linken Seite radeln zu müssen habe ich bislang nur einmal unten in Vordingborg erlebt. Ich gleite einfach so dahin, erst mit 35 Kilometer pro Stunde, die ich auf deutschen Buckelpisten nicht ansatzweise geschafft hätte, später, als der Radverkehr dichter wird, nur noch mit 20. Dafür komme ich ständig mit anderen Leuten ins Gespräch, was allerdings weniger an der Redseligkeit der Dänen liegt als am Monkeylight am Vorderrad, was selbst im ausgeschalteten Zustand für Aufmerksamkeit sorgt.

Lindsey Stomp 4

Und plötzlich stehe ich am Hauptbahnhof. Einfach so. Die Kilometer flogen an mir vorbei, hier zu radeln ist ein unfassbarer Spaß, man kommt sofort und problemlos ans Ziel. In Hamburg habe ich auch Spaß und komme ans Ziel, aber längst nicht problemlos und das Radfahren ist da eher eine Herausforderung. Ich bummle ein wenig am Tivoli entlang bis zum Rathausmarkt, schlinge einen Wurger beim Hackbrötchenbäcker herunter und stelle fest, dass ein Critical-Mass-T-Shirt in Dänemark doppelt unangebracht ist. Erstmal brauchen die hier keine Critical Mass, die haben die nämlich jeden Tag auf der Straße, andererseits ist so ein T-Shirt nicht gerade geeignet, um im Urlaub anonym zu bleiben.

Lindsey Stomp 5

Ob ich nicht der Fahrrad-Typ aus Hamburg sei, fragt mich eine junge Dame mit einem unfassbar roten Fahrrad. Mag sein, antworte ich und gebe mir Mühe, mich nicht gleich ob ihres Fahrrades in sie zu verlieben. Es stellt sich heraus, dass das Fahrrad die Dame im Mai in Hamburg unterwegs war, mit einem ebenso roten StadtRAD in die Mega-Critical-Mass mit mehreren tausend Teilnehmern geriet und mich wohl ein paar Mal beim hin und her flitzen gesehen hat. Irgendwann muss ich mir noch mal Autogrammkarten drucken.

Okay, zurück zum Thema, also zum Fahrrad. Weil ich die paar Kilometer bis zum Hauptbahnhof so unfassbar schnell zurückgelegt habe, düse ich über einen Umweg zum Koncerthuset und bewundere ein wenig die Stadt. Kopenhagen im Sommer ist angenehmer als im Winter, denn zwischen heute und meinem letzten Besuch liegen nicht nur drei Monate, sondern auch glatt dreißig Grad Celsius.

Lindsey Stomp 7

Das Koncerthuset ist eine, naja, sagen wir mal, gewagte Konstruktion. Mehrere Ebenen sind lose miteinander verbunden, das gesamte Innenleben dieses Hauses scheint zu schweben, aber wirklich zu schweben, denn die Decke ist unfassbar hoch und kreuz und quer mit Treppen und Fahrstühlen verbunden. Lindsey spielt tatsächlich einfach so mitten in diesem Wirrwarr aus Ebenen und Treppen und Fahrstühlen und füllt mit ihrer Geige einfach mal so das gesamte Konzerthaus aus.

Lindsey Stomp 13

Ihre Bühne steht nicht irgendwo in einem Saal, sondern quasi mitten auf dem Flur, wenngleich Flur natürlich ein vollkommen untertriebener Ausdruck ist. Mir ist nicht klar, ob die übrigen Konzertsäle ebenfalls diesem offenen Konzept folgen, denn dann wäre es sicherlich interessant, wenn in einem anderen Saal auch noch jemand auftritt, am besten noch dieser Silbereisen mit seiner steierschen Harmonika, Lindsey vs. Florian, ganz sicher das nächste große Ding. Irgendjemand wird dann weinen und das wird nicht Lindsey sein. Obwohl, bei der steierschen Harmonika kann man ja nie wissen.

Lindsey Stomp 8

Meine Ex-Freundin durfte schon Lindseys Konzert in der süddeutschen Provinz genießen (und ich möchte sie an dieser Stelle ganz herzlich grüßen und daran erinnern, dass sie ohne mich überhaupt nicht mitbekommen hätte, dass Lindsey sozusagen vor ihrer Haustür auftritt) und sie bemängelte, weil Ex-Freundinnen ja dauernd etwas bemängeln, die mangelhafte Akustik beim Konzert. Und so richtig froh wurde ich nach einer kurzen Inspektion dieses freitragenden Raumes auch nicht so richtig, denn obwohl die Decke aus verschiedenen Elementen in verschiedenen Winkeln zusammengesetzt wurde, hatte der Schall ausreichend Gelegenheit, sich an einer der nackten Betonwände zu reflektieren. Mir ist das nicht so ganz klar, entweder habe ich diese Akustik-Sache nicht so richtig verstanden, oder man hatte hier ein brandneues Konzerthaus in den Kopenhagener Osten gesetzt und erst dann gemerkt, hmm, nackte Betonwände sind für einen Konzertsaal vielleicht nicht so toll. Das wird aber sowieso alles keine Rolle spielen: Einerseits packe ich mir einfach wieder Gehörschutz rein. andererseits knallt der Typ am Mischpult die Lautsprecher sowieso gleich wieder so weit auf, dass die nackten Betonwände das kleinste Problem der Akustik sind.

Lindsey Stomp 11

Egal jetzt, noch ungefähr eine Stunde bis zum Konzert, also noch genügend Zeit, um diesen kostenlosen Hotspot auf den Grund zu gehen. „Kostenlos“ ist natürlich dreist gelogen, der ist nämlich erst kostenlos, wenn man dafür bezahlt hat, aha, ich mag die dänische Logik. Ich löse also für 29 Kronen so einen Fünf-Stunden-Pass und stelle fest: Von diesen fünfhundert Leuten in diesem Raum sind so viele auf den Einfall mit dem Hotspot gekommen, dass da ungefähr so viel durch den Äther plätschert wie durch das Mobilfunknetz zu Hause.

Von hinten nähert sich derweil Ungemach mit dem Geräusch einer schnaufenden Dampflok. Eine dicke Qualle schiebt sich durch die Menge und ich weiß plötzlich, wer Peter Fox’ Inspiration für „Schüttel deinen Speck“ gewesen ist. Dummerweise bedrängt mich die Frau in den nächsten Stunden nicht nur mit ihrer Körpermasse, sondern auch mit ihrer Redseligkeit, denn sie begeift einfach nicht, dass ich kein Dänisch spreche und parliert einfach so drauf los. Fehlt nur noch, dass sie lustig pfeift und etwas von Lukas dem Lokomotivführer erzählt, eine Insel mit zwei Bergen und so, hahaha. Genug der Zweideutigkeiten jetzt. Während eines Konzertes neben mir zu stehen ist sicherlich auch nicht gerade der Hauptgewinn, aber die Frau ging mir echt mega auf die Nerven. Immerhin weiß ich nun, dass dänische Frauen total auf Critical-Mass-T-Shirts abfahren.

Lindsey Stomp 15

Es ist 21 Uhr, der Einheizer rappt sich von links nach rechts nach links über die Bühne und macht seine Einheizer-Dinge, was insofern unnötig ist, dass wir hier nunmal auf Lindsey Stomp abfahren und keinen Einheizer brauchen. Seinen Job versteht er aber ganz gut, denn mein Fahrrad-Tacho, der in meiner Umhängetasche herumklötert, zeigt inzwischen eine Temperatur von 32° Celsius an. Das ist echt ein tolles Konzerthaus hier, oh, hier stehen eventuell fünfhundert Leute und springen und tanzen und werden dabei ziemlich warm, naja, da bauen wir mal lieber keine Klimaanlage und keine zu öffnenden Fenster und kein Belüftungssystem ein.

Und plötzlich habe ich die Qualle in den Armen. Die vertrug die Temperatur wohl nicht ganz so gut wie ich und besteht mittlerweile wie das Original aus dem Meer zu etwa 99 Prozent aus Wasser. Immerhin hält sie jetzt die Klappe. Zweihundert Kilo wiegt sie trotzdem. Zusammen mit zwei anderen Typen trage ich die Dame aus der Menge heraus, wobei „zusammen“ nicht ganz der Wirklichkeit entspricht, denn eigentlich trage ich und die beiden anderen gehen voraus und sind wichtig. Immerhin stehen in diesem seltsamen Konzertsaal überall Tische und Stühle und Bänke herum, was wiederum mehr an einen Flur als an einen Konzertsaal erinnert, also packen wir sie dahin, irgendjemand bringt plötzlich Wasser und der Dame geht ruckzuck besser, die blasse Gesichtsfarbe hält sich zwar noch, aber sie ist redselig wie eh und je, so schlimm kann es also nicht sein. Ich wittere meine Chance und schleiche zu meinen Platz zurück, schäme mich etwas, die Frau als Qualle bezeichnet zu haben, sehe aber mit der geleisteten Hilfe mein Karma repariert.

Das mit dem Karma klappt total hervorragend, denn ich habe schon gleich das nächste Mädchen im Arm. Die sieht aus wie ein Glas Milch, hat aber immerhin ihren Freund dabei, der die weitere Versorgung übernimmt, so dass ich derweil auf den Tacho schauen kann, der mir etwas von 38° Celsius flüstert. Ein tolles Konzerthaus ist das hier, das haben bestimmt die Leute von der Elbphilharmonie entworfen. Der Veranstalter denkt sich wohl auch, hmm, wenn Lindsey nicht vor dem leeren Saal aufspielen soll, dann müssen wir wohl mal was unternehmen, aber in Ermangelung von Fenstern und Klimaanlage bleibt ihm nichts anderes übrig, als Leitungswasser auszuschenken, das in Pappbechern vorne von der Bühne gereicht wird. Hin und wieder kommt so ein Becher auch mal bei mir vorbei, drei gebe ich nach hinten weiter, den vierten kippe ich mir über die Hose, weil mein Nachbar ebenfalls nach dem Becher griff, anstäuschte, dann aber doch nicht zugriff, immerhin ein bisschen Abkühlung, den fünften trinke ich selbst, bevor ich auch da irgendwo herumliege.

Lindsey Stomp 16

Inzwischen ist die Dame von eben wieder da, stellt sich offenbar als Anna vor und ich verstehe nicht gerade sehr viel mehr als eben, hoffe aber, dass sie mich für meine charmante Rettungsaktion nicht zum Essen einladen möchte. Das Karma beschert mir derweil ein drittes Mädchen im Arm, aber nur sehr kurzfristig, denn die hat auch ihren Typen dabei und der regelt das, sagt er, trinkt das Leitungswasser dann aber doch lieber selbst, bis ich seiner Ollen dann ein Gläschen erobere. Wenn das mit dem Karma weiter so gut klappt, müsste ich gleich Lindsey heiraten.

So. Es ist 21.50 Uhr, das Publikum ist inzwischen hitzebedingt ganz gut durchmischt, es fand eine gewisse Umverteilung von oben nach unten statt, wie man es in der Gesellschaft immer wieder fordert, es könnte jetzt mal jemand kommen und singen.

Bumm.

Lindsey Stomp 18

Plötzlich ist alles vergessen, die Hitze, die Qualle, meine Abschlussarbeit, Lindsey legt los und massiert uns mit krachenden Bässen sorgfältig durch, Anti Gravity, Spontaneus Me und Stars Align, keine Pause, immer weiter, wir sind schließlich nicht zur Entspannung hier. Lindsey wirbelt da vorne herum, links, rechts, überall, der Typ rechts drischt mit ungeheurer Kraft auf sein Schlagzeug ein, und Lindsey, Lindsey spielt mittendrin auf einer Geige.

Total gut, dass man hier fotografieren darf und sich einfach niemand daran stört. Es gab nicht einmal Taschenkontrollen am Eingang, ich spaziere einfach mit meiner Crumpler NEW Sticky Date da rein, beanspruche ungefähr den Platz von zwei normalen Menschen und niemanden stört es. Einige haben auch einfach mal ihre Spiegelreflexkamera mitgenommen und genau wie in Groningen staune ich über meine Dummheit, meine dicke Kamera auf dem Campingplatz gelassen zu haben.

Lindsey Stomp 19

Weiter geht’s, die Füße kommen in Stimmung und ich bin nicht nur zum Fotografieren her, Electric Daisy Violin, Lindsey kommt langsam auf Betriebstemperatur, wir sind schon längst darüber und unablässig am Schwitzen. Mit Shadows tanzt sie vor einem digitalen Schatten auf der Leinwand hinter ihr, wobei das alles ein bisschen komisch ist, weil der Schatten manchmal gar keine Geige spielt, aber was soll’s, herrje, wie kann sich die Frau beim Spielen so unnormal bewegen und dabei noch die Töne treffen? Der Bass könnte etwas weniger herb abgemischt werden, das dröhnt mir gerade zu doll und trommelt durch den Fußboden durch den Körper auf die Rückseite des Gehörschutzes. Sie hat gerade mal fünf Titel dargeboten, aber wir tanzen schon, wir fliegen, die Füße, die Hände, alles bewegt sich, alles dreht sich, wir arbeiten uns stramm Richtung Höhepunkt, wenn sie uns weiter mit der Geige penetriert, gibt’s einen Musik-Orgasmus nach dem nächsten. Ein paar Beziehungen werden diesen Abend nicht überleben, entweder weil die Damen eifersüchtig Schluss machen oder lesbisch werden, vermutlich eher letzteres, aber das ist okay, momentan könnte die Welt untergehen, auch das wäre okay.

Lindsey Stomp 27

Lindsey kann noch immer nicht ihre Finger von offensichtlichen Heiligtümern lassen und knüppelt eine ganze Reihe wunderbarer Titel in ein wunderbares Michael-Jackson-Medley. Im Nachhinein erschließt sich überhaupt gar nicht mehr diese Würde, mit der sie den König des Pops ehrt, fließend vermischt sie seine Meisterwerke und rührt mit ihrer Geige eine wunderbare Interpretation seiner Werke zurecht, die gleichzeitig zum Träumen anregt und die Freudentränen in die Augen treibt. Herrje, Michael, musstest du vor drei Jahren von uns gehen? Wir werden dich immer vermissen und dein Lebenswerk wahren.

Lindsey Stomp 25

Es wird etwas ruhiger, Song of the Caged Bird, Found Love und Elements kenne ich auch alle schon aus Groningen, waren vor fünf Monaten schon großartig und jetzt sowieso. Lindsey schwitzt und strahlt und strahlt noch immer so ehrlich wie damals. Hoffentlich lässt die Finger von diesem Kommerz-Kram und bleibt das Mädchen mit der Geige, das einfach seinen Traum lebt und sich freut wie sich ein Mädchen nunmal freut, mit der Geige auf der Schulter umherzuspringen. Verkauf nicht deine Seele, Lindsey, nimm unsere stattdessen, du hast sie dir verdient.

Lindsey Stomp 30

Hmm, Legend-of-Zelda-Medley, ganz okay, noch mehr hätte ich mich über Skyrim gefreut, aber das gibt’s wohl heute nicht, schade, die Stimmung drückt das ein bisschen, aber scheiß drauf, das ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt zum Reklamieren. Für Good Feeling kommen drei Damen mit auf die Bühne, offenbar aus dem Publikum rekrutiert, die dürfen ein bisschen herumtanzen, bekommen als dank irgendwas unterzeichnetes, ein Plakat, ein T-Shirt oder eine Unterschrift auf ihre Eintrittskarte, so genau weiß man das nicht, aber in diesem Moment denken alle das selbe: So was will ich auch. Kriegen wir aber nicht.

Lindsey Stomp 38

Dafür kriegen wir jetzt Zi-Zi’s Journey. Falls jemand fragt, wie denn elektronische Musik mit einer Geige harmonieren soll, ist Zi-Zi’s Journey das allerbeste Beispiel. Der Beat schießt das Publikum nach oben, immer höher, bis in den Himmel, der Bass prügelt uns wieder nach unten, in den Magen, ins Gesicht, es ist nur noch großartig, wir tanzen, springen, fliegen, singen, auf dass diese Nacht niemals zu Ende geht, herrje, Lindsey, können wir bitte heiraten? Nein, sagt Lindsey, gibt uns den Rest, spielt einfach noch eine Minute länger, dumm gelaufen, wir haben uns keine Kräfte mehr aufgespart, wir liegen am Boden, unsere Seelen geraubt, unsere Herzen zertrümmert, Lindsey, leg doch mal kurz die Geige beiseite und hilf uns auf, nein, sagt Lindsey, der Bass wirft uns wieder zu Boden, die Luft misst mittlerweile ungefähr 60° Celsius, nicht mehr lang und wir wechseln den Aggregatzustand, endlich, dann fliegen wir davon.

Lindsey Stomp 34

Niemand weiß mehr, wo oben ist, wo unten ist, die Qualle tritt mir auf die Füße, scheißegal, wozu brauche ich meine Füße, schlag mir doch gleich das ganze Knie ab, ich kann ab heute endlich fliegen, stop, draußen steht ja noch mein Fahrrad, nein, lass die Füße bitte dran, aber fliegen kann ich trotzdem, bloß gut, dass die Decke so hoch ist, so hoch, hoffentlich hört Lindsey noch lange nicht auf zu spielen, wir würden wie Steine auf den Boden knallen und uns alles brechen, unsere Knochen, unsere Seelen, unsere Herzen, bitte spiel weiter, gib uns noch einmal den Bass, drei, zwei, eins, erlöse uns von unserer Erwartung, wieder nach oben, heute ist der Himmel zu klein für uns, wir brauchen mehr, die ganze Welt, das ganze Universum, Galileo hatte unrecht, sie bewegt sich nicht, jedenfalls nicht die Erde, sondern Lindsey, heute ist Kopenhagen der Mittelpunkt des Universums, wer etwas anderes behauptet, möge für seine Lügen bestraft werden, um Blasphemie kümmern wir uns später, wir schütteln uns vor Ekstase, aufwärts, anwärts, die Gluthitze in diesem Saal backt eine einzige Masse aus uns, wir sind eins und vorne steht Lindsey und prügelt mit Geige und Dubstep auf uns ein, prügelt ohne Gnade und trifft immer den richtigen, trifft uns alle gleichzeitig.

Das war vermutlich die großartigste Performance, die es jemals auf diesem Planeten gab.

Es ist peinlich festzustellen, aber Lindsey könnte jetzt auch mal aufhören zu spielen. Wir brauchen eine Pause, wir, die noch nicht in eine Pfütze zerflossen sind, eine Pfütze unserer selbst, wir wollen nach Hause, wir sind zu alt für den geilen Scheiß, müssen jedenfalls kurz draußen vor der Tür den Körper durchpusten, aber Lindsey kennt einfach keine Gnase und spielt weiter, wir sind schließlich nicht zum Spaß hier, dumm gelaufen, aber sie hat recht, nicht zum Spaß, nein, heute endlich wechseln wir unseren Bewusstseinszustand, heute endlich gehen wir über in das Violinen-Zeitalter, the Dawning Age of Dubstep-Violin.

Lindsey Stomp 32

Hach, Lindsey.

Lindsey Stomp 41

Immerhin erhört sie unser Flehen und genehmigt uns eine kurze Verschnaufpause, Moon Trance, grandios, und Transcendence, ebenso großartig, aber langsamer und ruhiger als Zi-Zis Reise durchs Universum und wieder zurück, hin und wieder geht mal ein Ton daneben, kein Wunder bei dem Gehampel dort vorne auf der Bühne, man weiß gar nicht so genau, ob Lindsey ihre Geige spielt oder umgekehrt, aber ein paar krumme Wellen stören nicht in dem Meer voll wunderbarer Klänge, in dem wir gerade treiben, seelenlos verloren auf einem Rettungsboot, aber ohne Zweifel bald gerettet, denn Lindsey lässt uns nicht untergehen und hat extra Drängelgitter da hinten aufgebaut, damit wir nicht die Treppe hinunterkullern.

Als letztes Stück spielt sie Phantom of the Opera. Halt, einfach so? In Groningen powerte Lindsey das Phantom der Oper als Zugabe in die Menge und katapultierte uns mit einer eindrucksvollen Performance geradezu in andere Sphären. Jetzt zieht sie sich einfach die Kapuze tiefer ins Gesicht, spielt unfassbar zart ihre Geige an, wie ein warmer Umhang hüllt sich die Melodie um uns, aber es fehlt irgendetwas, es fehlt diese Zäsur, diese Ungewissheit, ob noch ein letztes Stück gespielt wird, diese Erwartungshaltung, ob es wirklich das Phantom der Oper sein wird, das fehlt. Das Phantom der Oper ist so ein Stück, was nur als Zugabe gepsielt werden kann, weil es sonst nicht wirkt, aber Lindsey wirft es einfach wie einen ganz normalen Song enfach so in die Menge, wobei „einfach so“ natürlich extrem übertrieben ist. So nimmt sie dem Titel die Möglichkeit der Entfaltung, wow, nein, noch immer ein großartiges Stück, sicherlich eine ihrer besten Interpretationen, aber als Hauptgang zu einfach, so etwas darf erst kredenzt werden, wenn die Seele vor Freude beinahe explodiert.

Lindsey Stomp 42

Jaja, nun verschwindet sie wieder einmal hinter der Bühne, das kennen wir ja schon, die kommt eh gleich wieder oder doch nicht, ich hätte auch nicht so viel Bock auf die 70° Celsius auf der Bühne, aber herrje, die Frau wohnt in Arizona, die ist temperaturbedingten Kummer gewohnt, die lässt uns nicht alleine, sie muss noch unsere verlorenen Seelen aus dem Meer fischen.

Lindsey ist wieder da, empfängt ungefähr fünfhundert Heiratsanträge, der Schrank von Kerl rechts neben mir hat inzwischen Tränen in den Augen und sein Mädchen, dass er da in den Armen hält, höhö, legt gerade den Killer-Blick auf, gleich gibt’s ein Drama und passend dazu spielt Lindsey:

My Immortal.

Evanescence, eigentlich gar nicht mal so mein Ding, aber andererseits hätte ich auch nicht geglaubt, dass Dubstep und sowas mal mein Ding würde, aber fast noch großartiger als die Umsetzung auf der Bühne ist der umgekehrte Blick ins Publikum: Tausend Feuerzeuge, Handy-Blitz-LEDs und Mini-Taschenlampen formen einen Sternenhimmel, auf dem wir fortan hoffnungsvoll treiben auf dem Floß, dass Lindsey uns in der letzten Stunde gezimmert hat, die Beine im Wasser baumelnd, die Köpfe sanft zur Melodie nickend, da spielt es auch keine Rolle, dass der Boden in Wirklichkeit vom Schweiß überflutet wird und nicht von einem Meer bunter Melodien, auf denen wir treiben, während wir mit unseren Händen in den Sternenhimmel greifen, als wollten wir die Wellen abschöpfen, trinken, eins werden mit dieser schnöden Welt.

Lindsey Stomp 43

Und dann Crystallize. Das war schon fast zu erwarten, das hatte noch gefehlt, aber inzwischen halte ich die Klappe, weil mir die Worte ausgegangen sind ob dieses wunderbaren Konzertes und genau wie in Groningen stelle ich fest: Ich habe jetzt ein scheiß Problem, denn die Welt hat mir nichts mehr zu bieten. Wir sind erlöst, endlich, wir dürfen gehen, unsere Körper wehren sich gegen diese Behandlung und unsere Seelen, haben wir überhaupt noch eine Seele oder haben wir die alle an Lindsey verschenkt? Wir sind verschwitzt, gebrochen, zerstört, und treten nach draußen in eine lauwarme Kopenhagener Nacht, etwa einhundert Grad kälter als vor der Bühne.

Lindsey Stomp 47

Ich mache in dieser ratlosen Situation, was ich immer in ratlosen Situationen mache: Ich steige aufs Fahrrad, das wirkt immer. Leider scheinen Lindseys Fans größtenteils mit dem Auto angereist zu sein und sitzen jetzt furchtbar unentspannt in einer langen Schlage in ihren Kisten, während ich die Freiheit der Kopenhagener Radwege auf meinem Heimweg mit einem angemessenen Umweg würdige. Zwischendurch kaufe ich mir an einer Tankstelle so eine Art Baguette, kapiere die Inhaltsangabe nicht und frage nach und stelle wieder einmal fest, dass die Dänen ein furchtbar entspanntes Volk sind. Wahnsinn. Eine Viertelstunde quatscht der Typ an der Kasse mit mir, um mir seine Deutsch-Kenntnisse unter Beweis zu stellen und es stellt sich heraus, dass er ungefähr unsterblich in Lindsey verknallt ist und schon den ganzen Abend tausend Tode starb, ungefähr zwei Kilometer von ihrem Herzen entfernt am Nachtschalter der Tankstelle arbeiten zu müssen.

Ich musste ja schon ein bisschen lachen.

Lindsey Stomp 49

Dann Polizeikontrolle. Ich hätte jetzt ja eher den Zoll erwartet, der mir letztes Mal nach dem Konzert auflauerte, aber Polizei ist auch okay. Ein Motorrad-Polizist fährt umher und fängt lichtlose Radfahrer, die es auch in Kopenhagen hin und wieder gibt, und mein buntes MonkeyLight hat natürlich sein Interesse über Gebühr strapaziert. Während ich schon mein Urlaubsgeld in den Bußgeldkatalog fliegen sehe, will er eigentlich nur wissen, was das ist und wo er sowas bekommen kann. Furchtbar entspannt, diese Dänen, sogar die Polizei. Meine Zwangspause haben inzwischen fünf weitere Radlinge genutzt, um stehenzubleiben und sich den LED-Regenbogen zu besehen. Da sage noch mal jemand, die Mädchen stünden nicht auf so einen Spielkram.

Genug gequatscht, rechts ist Gas, mit 40 Kilometern pro Stunde kachle ich durch das nächtliche Kopenhagen, allein in der Fremde, aber bestimmt nicht alleine, denn Radfahrer gibt es auch kurz nach Mitternacht überall. Ständig kommt man wieder ins Gespräch, was allerdings bestimmt nicht an mir, sondern eher am MonkeyLight liegt, ich treffe in den nächsten Kilometern noch auf ein paar weitere Radlinge mit bunten Vorderreifen, zusammen jagen wir den Roskildevej nach Westen, einmal um den Damhussøen, wieder zurück Richtung Osten, Richtung Sonnenaufgang, der schon sanft am Horizont schimmert.

Irgendwann fahre ich doch mal nach Hause, es regnet, endlich Abkühlung. Und was kann es schöneres geben als nach so einem Konzert, nach so einer Radtour einzuschlafen, während der Regen auf das Zelt prasselt?

David Garrett

Ein Konzert am Kalkberg, oh je, ich war gespannt. Einerseits ist die Kulisse in dieser Freilichtarena der noch einigermaßen klassischen Musik angemessen, andererseits fürchtete ich, Malte Hübner, der auf Konzerten sowieso Gehörschutz trägt, eine schwierige Akustik in diesem Kessel. Noch problematischer: Egal, wie sehr David Garrett an der Violine brilliert, er müsste ständig meinem Vergleich mit Lindsey Stirling Stomp standhalten und sorry, David, da kannst du trotz der langen Haare nicht gewinnen, denn Lindsey ist ein Mädchen.

Okay dann, Bad Segeberg, wir sind natürlich viel zu früh, parken auf einer Wiese in der Nähe der Autobahn, etwa zehn Minuten zu Fuß vom Kalkberg entfernt. Wir sehen unser Wohlbefinden in Gefahr, sollte es heute Abend regnen, nicht bloß wegen des Konzertes, dafür gibt’s ja Regenjacken und Hitze ist in diesem Stadion viel schlimmer als Kälte, viel mehr wegen dieser Graswiese, von der wir sowieso nie wieder herunterkommen werden, wenn später fünftausend Kraftfahrzeuge rückwärts ausparken und durch diese zwei Meter breite Ausfahrt wollen, nein, und wenn dann noch alles schwimmt, dann wären wir wenigstens pünktlich zum Mittagessen am Pfingstmontag zu Hause.

So. Weil wir zu früh sind, steigen wir erst einmal in diese komische Höhle unter dem Kalkberg hinab, was ganz witzig ist, denn der Kalkberg ist gar nicht aus Kalk, sondern aus Gips und drum tropft das ganze Regenwasser, das gestern während des ersten Konzertes in die Arena fiel, in die Höhle hinein, denn Gips ist ja wasserdurchlässig und — Obacht! — ganz grässlich für die Akustik. Zum Glück spielt David neben dem Berg auf und nicht in der Höhle. Ansonsten ist die Höhle eben so, wie eine Höhle nunmal ist, dunkel, kühl und nass.

David Garrett 7

Vorbei an Currywurst mit Pommes und einer Cola, die schon sichtbar am Kohlesäurenmangel litt, finden wir unsere Plätze. Wir sitzen am Gang, soviel wusste ich noch, aber leider erinnerte ich mich bei der Buchung nicht mehr an die Qualität dieser Bänke, die ganz bewusst den unbequemen Charme einer Westernstadt versprühen sollen, denn im Sommer residieren hier für ein paar Monate die berühmten Karl-May-Festspiele. Will sagen: Für 74 Euro pro Eintrittskarte hätte ich eigentlich schon einen Arschschmeichler erwartet. Stattdessen habe ich schon nach einer halben Stunde Schmerzen im Gesäß und den Fuß des Hintermannes und sein Knie im Rücken. Immerhin haben wir eine Rückenlehne, die blieb einigen anderen Zuschauern leider verwehrt oder anders formuliert: Sie sah nicht mehr so aus, als könne man sich gefahrlos dagegenlehnen. Und das alles für 74 Euro.

David Garrett 10

Eigentlich passt mir das alles sowieso nicht, denn wenn ich auf ein Konzert gehe, dann pflege ich zu stehen, nein, zu fliegen, zu springen, zu tanzen, aber nicht ständig auf die Uhr zu blicken, wann ich wohl von diesem Sitz endlich runterkomme. Ich habe ja eigentlich echt keine hohen Ansprüche an sowas, aber so unbequem saß ich zuletzt, hmm, wahrscheinlich so vor fünf Jahren, tja, Surprise, bei den Karl-May-Festspielen am Kalkberg.

Okay, okay, okay, genug gejammert. Man darf übrigens nicht fotografieren. Nein, es ist sogar strengstens verboten, Aufnahmegeräte mit auf das Veranstaltungsgelände zu führen. Und ich marschiere da einfach mit meiner großen Crumpler NEW Sticky Date rein, inklusive Notebook, zwei Kompaktkameras und zwei GoPros, was man halt als Radfahrer immer dabei hat. Und obwohl ich nie ohne Kamera aus dem Haus gehe und sogar bei McDonald’s meine Bestellung dokumentiere, hatte ich nicht vor, den Abend am Auslöser hängend zu verbringen. Zwei oder drei oder vier Fotos als Erinnerung und alles ist cool. Mit einer Kompaktkamera wird man aus Reihe 26 sowieso nichts mehr und einen Film zu drehen hatte ich sowieso nicht vor. Andere sahen das anders und fotografierten ständig, was wiederum die Aufpasser mit den gelben Warnwesten auf den Plan rief, die sich dann durch die engen Sitzreihen schoben, um den Leuten das Fotografieren und Filmen abzugewöhnen. Ultra-nervig, weil die neon-gelbe Warnweste ständig Aufmerksamkeit auf sich zieht. Vor allem ein Kampf gegen Windmühlen, denn für jeden, der da seine Kamera anschließend einpackte, waren ringsum gleich zwei weitere zugange. Ich fragte in der Pause mal nach, wie das denn gehandhabt wird: Ein paar einzelne Fotos würden geduldet, aber das ständige Gefilme sei verboten. Na gut, dann müsste ich ja nichts befürchten. Ich verstehe sowieso nicht so richtig, warum das Management etwas gegen ein paar Erinnerungsfotos minderer Qualität hat — dass die da keine privaten Filmereien wollen, okay, das kann ich ja noch nachvollziehen.

Na gut, wenn ein paar einzelne Fotos okay sind, dann kann’s ja endlich losgehen. David beginnt mit We will rock you, dem Klassiker, damit macht er nichts falsch, das kommt auf jeden Fall gut an.

David Garrett 13

Was folgt, wird noch viel besser: Der Mann beherrscht sein Handwerk. Und trotzdem steht da Lindsey Stomp und sagt, hier, ich kann’s besser. David spielt wunderbare Musik, schafft eine wirklich außergewöhnliche Komposition bekannter und weniger bekannter Werke und die Atmosphäre dort in der Arena, die ist einfach nur zum Träumen, wunderschön weich gebettet, trotz der harten Sitzbänke. Aber er ist eben nicht Lindsey.

Aber während sich Lindsey treiben lässt vom wummernden Dubstep, gleitet Davids Geige in einem wahren Meer fantastischer Klänge Richtung Sonnenuntergang. Herrje, wer denkt da noch an Lindsey Stomp oder die Holzklasse unterm Hintern, wenn vorne Por una cabeza, Hora Staccato und Carmen aufgespielt werden? Das sind ganz große Nummern, wunderbar zart und doch durchdringend intoniert, der Kalkberg ist dieses Konzertes würdig und andersherum sowieso. Und es ist mehr Kunst als bei Lindsey, denn die spielt und tanzt und fliegt und singt, aber bei David treten Tänzerinnen auf und fliegen zu Somewhere over the Rainbow in den Himmel. Und trotzdem bleibt der Makel: Die Füße bewegen sich nicht. Ich bin noch zu jung für Konzerte, bei denen man sitzt und alle fünf Minuten artig applaudiert.

David Garrett 14

Es ist Pause, Zeit, um noch mal etwas Essbares aufzuteiben, aber das ist gar nicht so leicht, wenn ungefähr achttausend Zuschauer auf den gleichen Gedanken gekommen sind. Die Herrentoilette ist okkupiert von der Damenwelt, die nunmehr vor beiden Türen eine Schlange von jeweils hundert Metern Länge bildet, aber das ist okay, denn im Gegensatz zu der zweihundert Meter langen Menschenschlange weiß ich, dass es noch weitere Toiletten gibt. Geheimtipp und so. Ich war ja schon mal hier, damals vor fünf Jahren.

Nach der Pause befindet David, es wäre an der Zeit, mal härtere Töne anzuschlagen und marschiert zu The Eye of the Tiger zurück in die Arena. Die Kapuze tief im Gesicht, da habe ich ja schon Sorge, er könnte über seinen Umhang stolpern und mitsamt der Stradivari die 28 Reihen nach unten stürzen, aber er spielt ja gar nicht auf der Stradivari, das macht man nämlich nicht, wenn’s regnen könnte. Verständlich. Stattdessen spielt er auf einem nicht näher genannten französischen Modell, aber selbst ohne Gehörschutz hätte ich sicherlich keinen Unterschied bemerkt. Musikbanause, ich. Wäre trotzdem blöd, stolperte er, denn dann hätten wir auf den zweiten Teil des Konzertes verzichten müssen und das wäre wirklich traurig.

David Garrett 18

David neigt noch mehr als Lindsey dazu, sich an den eigentlich heiligen Werken anderer Künstler zu bedienen, aber das ist okay, denn das Ergebnis ist nicht weniger heilig als das Original. Zu Freddy Mercurys Stimme spielt er The Show must go on und seine Interpretation von John Miles’ Music ist an Würde wohl kaum mehr zu überbieten. Das ist so schön, diese Melodien in dieser Arena unter dem leider wolkenverhangenen Himmel, das treibt schon die Freudentränen in die Augen. Music ist sowieso der Knaller, daran höre ich mich auch nach fünftausend Wiederholungen nicht satt, aber was David Garrett und sein Orchester daraus machen, das ist der pure Wahnsinn, das ist ganz hohe Kunst, wunderschön, faszinierend, umwerfend. Zum Glück hält meine Rückenlehne. Thunderstruck, ui, da fehlt noch ein bisschen Bums, dann hätte es auch mit den Füßen geklappt.

David Garrett 23

Er spielt noch dies und das und jenes, ist in jedem Land der Welt einmal kurz zu Gast, insgesamt 24 Titel stehen auf der Liste, wenn ich mich nicht verzählt hab. Er spielt Beethovens 9. Sinfonie, ein Meisterwerk eines großen Künstlers, gespielt von einen fast ähnlich großen Künstler, mir fehlen schon beinahe wieder die Worte, dann ist irgendwann Schluss und das Publikum verlangt noch mehr, David kann jetzt nicht nein sagen, das geht nicht. Höhö, er bittet darum, alle Handys leuchten zu lassen, erweckt die Tribüne zum Leben, abertausende Lichter glimmen, obwohl Handys während des Konzertes ebenso verboten waren die Getränke oder Aufnahmegeräte aller Art, aber der Sicherheitsdienst hat sowieso aufgegeben, das Fotografieren zu unterbinden, schließlich ist nunmehr jeder Zuschauer am Knipsen, denn diese Kulisse, die ist einfach unfassbar schön. Gäbe es jetzt noch einen unendlichen Sternenhimmel, herrje, er hätte Lindsey einfach mal überboten, aber das hat er eigentlich sowieso denn, es ist unfassbar, es ist unglaublich:

Earth Song.

Wäre ich gleich danach gestorben, herrje, es wäre egal, ich habe gerade alles erlebt, was diese schnöde Welt zu bieten hat und nichts verpasst.

David Garrett 26

Mir fehlen noch immer die Worte für dieses Wunderwerk, für diese fantastischen fünf Minuten, die viel zu schnell vorüberhuschten, hätte er das nicht in die Länge ziehen können? Herrje, David, hättest du nicht eine Viertelstunde, eine halbe Stunde daraus interpretieren können? Ich habe noch nie eine schönere Interpretation eines schon im Original wunderbaren Werkes gehört, daraus eine fünfminütige Version zu schneiden ist ja schon beinahe eine Frevelei. Dieses Konzert hätte an dieser Stelle niemals enden dürfen, es war der großartigste Moment seit langem, als diese Melodie am Kalkberg kreise und alle eins wurden.

Leider wurden auch alle eins in ihrem Entschluss, anschließend geschlossen zum Parkplatz zu hasten, kann man ja bei den harten Bänken niemandem verdenken. Insofern kamen wenigstens die Füße noch einmal zu ehren, jetzt im Sauseschritt voraus zu düsen, um ohne Wartezeit vom Parkplatz zu verschwinden. Nächstes Mal komme ich mit dem Rad, da habe ich einerseits die Träume des vergangenen Konzertes im Kopf und andererseits noch etwas Bewegung.

David Garrett 27
Und dann ist es noch perfekter als es schon war.

Lindsey Stirling

Elbtunnel

Kein Stau vor dem Elbtunnel, nur wenige Idioten auf der Autobahn, im Grunde genommen nur ein einziger, der seinen Mittelfinger an die Windschutzscheibe drückt, nachdem er mich beim Spurwechsel glatt übersehen hatte? Kann das sein? Die Probleme sollten erst an der niederländischen Grenze kommen, aber nicht eines nach dem anderen, sondern alle auf einmal.

Ein liegengebliebener Lastkraftwagen verdeckt mir die Sicht auf die niederländische Entsprechung zum deutschen Verkehrszeichen Zeichen 293, kein Problem für einen Straßenverkehrs-Ordnungs-Nazi wie mich, der weiß, dass auf der Autobahn maximal 130 Kilometer pro Stunde erlaubt sind. Interessant, wie entspannt es sich unter dem Eindruck einer generellen Geschwindigkeitsbegrenzung fahren lässt, man denkt nicht ans nächste Überholmanöver, weil beim Vordermann die gleiche Geschwindigkeit auf dem Tacho steht, man macht sich keine Sorgen über den Idioten im Rückspiegel, denn der fährt ja auch nicht schneller. So fluffig könnte der Rückweg nach Hamburg in einigen Stunden doch bitteschön auch laufen.

Der Polo hat Durst, der Zeiger nähert sich der roten Null, es wird stressig, ich wollte eigentlich vor dem Grenzübergang tanken, aber vor dem Grenzübergang war gar nicht vor dem Grenzübergang sondern dahinter, macht nichts, ich greife mir den Zapfhahn mit der 95 drauf, das wird ihm schmecken, wird schon nicht schiefgehen. Dann fällt mir ein, Moment, erstmal schauen, ob ich hier mit Karte zahlen kann, wir testen die Sache vorsichtig mit ein paar Schokoriegeln, meine EC-Karte will nicht, für die Kreditkarte fehlt mir der PIN-Code. Was soll’s, es wird nur halbvoll getankt und bar bezahlt.

Der weitere Weg nach Groningen ist recht unspektakulär, denn die niederländische Autobahn führt durch eine recht hübsche Landschaft, illuminiert von einer unfassbar großen Sonne, die sich hinter Windmühlen und Hochspannungsleitungen in einen Fluss senkt. Es gibt unfassbar viele Klappbrücken zu sehen und die Niederländer schrecken auch nicht davor zurück, eine Klappbrücke direkt auf die Autobahn zu bauen: Hübsches Beispiel einer nicht kreuzungsfreien Straße.

Sonnenuntergang

Ich möchte anmerken, von Wedel bis Groningen komplett ohne Landkarte, Google Maps oder Navigon gefahren zu sein. Das ist eigentlich auch nicht weiter schwer, die Bundesautobahn 1 in Richtung Westen, dann irgendwann der Bundesautobahn 28 folgen, ab dort prangt Groningen auf den Wegweisern. Es geht sozusagen immer geradeaus, in der Nähe von Groningen nehme ich die vielversprechende Ausfahrt in Richtung Zentrum und folge den Wegweisern Richtung Oosterpoort, zack, schon stehen wir in der Tiefgarage.

Noch drei Stunden Zeit, auf der Agenda stehen noch ein Geldautomat und Abendessen, zwangsläufig in dieser Reihenfolge, denn mein Bargeld ließ ich ja schon an der Tankstelle. Es dauert eine Ewigkeit auf niederländischem Boden einen Geldautomaten zu finden, der sagt dann auf meiner EC-Karte kauend ganz frech, ich könne heute nur noch bei meiner Bank Geld abholen. Wie bitte?

Dumm gelaufen.

Gut, dass meine Bank am Donnerstag bis 18 Uhr geöffnet hat, also leiste ich mir den Luxus eines Ferngespräches Richtung Schleswig-Holstein, wir rätseln eine Weile hin und her, bestaunen die gerade gestern in Betrieb genommene Telefonanlage, die mich versehentlich der Reihe nach quer durch alle Filialen schickt, und dann, nach langer Rätselei und der Feststellung, dass der Tank noch für die Rückfahrt bis in die Bundesrepublik reichen werde, fällt plötzlich auf, dass meine EC-Karte für die Verwendung im Ausland gesperrt ist. Stimmt, fällt mir siedend heiß ein, das habe ich vor ein paar Wochen mal am heimischen Geldautomaten angewählt, halb so wild, die Sperre lässt sich schnell aufheben. Gesagt, getan, schwupps habe ich 50 Euro in der Hand.

Traditionell speisen wir bei McDonald’s, die Bedienungen am Tresen sind alle blond und weiblich und sprechen sogar deutsch, die Mayonnaise entpuppt sich als relativ geile „Frittensoße“, der Hotspot ist lahm und die Pommes ungefähr Unendlichkeiten besser als ihre deutsche Rezeptur. Ach, was kann denn jetzt noch schiefgehen?

Oosterpoort

Die Niederländer sprechen eine unfassbare süße Sprache, denn Lindsey tritt im Kleine Zaal in etwas auf, was sich De Oosterpoort nennt und auch so aussieht, etwas bunt, aber seriös, so eine Art modernes Gemeindezentrum in groß und lockerer als in Deutschland. Während die Niederländer in der Warteschlange quasseln, versteht man nur jedes zweite Wort, aber die Themen klingen vertraut in meinen Ohren, denn Fiets kenne ich, genau mein Ding, der eine hat sich offenbar gerade ein neues Bike geleistet und flippt nun entweder wegen Lindsey oder wegen des Fiets aus, so genau weiß man das nicht, aber die Leute hier sind sympathisch.

Aus irgendeinem Grunde habe ich meine dicke Tasche dabei, so kennt man mich schließlich, an der Einlasskontrolle flapse ich blöd herum, „Nothing to drink or kill“, haha, auf der anderen Seite des Atlantiks hätte man so einen Witz nicht machen können und der Deutsche wäre vermutlich auch nicht so sehr entspannt.

Kleine Zaal

Dummerweise geben wir unsere Jacken an der Garderobe ab, was eigentlich wirklich ziemlich dumm ist, denn entweder hätten wir alles mit den den Saal nehmen oder im Auto lassen können, beides hätte uns nicht nur jeweils einen Euro gespart, sondern auch die Wartezeit nach dem Konzert, denn auch wenn das der kleine Saal sein soll, wird er locker mehrere hundert Menschen fassen und wenn von denen genügend blöd genug sind, ihre Jacken abzugeben, dann wird’s nachher echt ein bisschen doof.

Ein kurzes Nickerchen, während sich der Saal füllt, dann steht plötzlich jemand auf der Bühne und singt ein Lied und das Problem wird in der folgenden halben Stunde sein, dass er einfach nicht aufhört zu singen, aber leider nicht Lindsey Stirling ist. Das restliche Publikum empfindet die Situation als ähnlich problematisch, so richtig Stimmung bringt er nicht auf, obschon er nicht schlecht singt, aber hej, wir warten auf Lindsey, wer braucht da schon einen Einheizer?

McKay Stevens

Noch ein kurzes Nickerchen, denn Lindsey lässt auf sich warten, während der Typ mit der Gitarre schon längst wieder die Bühne geräumt hat, es dauert zehn Minuten, 15, 20, kurz vor 21 Uhr tut sich was, so ein Scheiß, dabei soll das Konzert um 22 Uhr schon wieder vorbei sein. Der ganze Aufwand nur für eine Stunde Lindsey? Kann es das wert sein?

Es war eines der großartigsten Konzerte, die ich bislang erleben durfte. Es war unfassbar, unglaublich, umwerfend.

Irgendwas

Lindsey hüpft auf die Bühne, nein, sie schwebt, ist links und rechts und vorne und hinten und eigentlich überall und spielt ihre Violine mit einer unfassbaren Leichtigkeit, der Verdacht des Playbacks steht unmittelbar im Raum, aber dann geht hin und wieder, nein, ganz selten, ehrlich, nur ganz selten, mal ein Ton daneben, der Bogen kann mit Lindseys Bewegungen nicht mithalten und bleibt trifft die falsche Saite, aber wen stört das schon bei dieser zauberhaften Melodie?

Keine Ahnung, was sie spielte, irgendwas zwischen Moon Dance, Spontaneous Me und Shadows, alles geht ein bisschen ineinander über, weil man die kurzen Pausen zwischendrin vergisst, und nur der Sound im Gedächtnis bleibt, noch ein kurzer Song zum Aufwärmen, Electric Daisy Violin, wer jetzt noch sitzt, dem ist auch nicht mehr zu helfen, der lebt nicht, der hätte auch zu Hause bleiben können. YouTube ist dieser Musik nicht würdig, kann diese Stimmung nicht transportieren, diese Stimmung, wenn ein paar hundert Menschen zu den Melodien einer 26-Jährigen tanzen, die oben auf der Bühne vor Bewegungsdrang beinahe explodiert.

Auf der Eintrittskarte wurden drakonische Strafen aufgelistet für den Fall, man käme auf die Idee, eine Kamera ins Konzert zu schmuggeln, aber wen stört denn sowas? Hier hat einerseits jeder eine Kamera dabei, andererseits dürften die meisten Geräte mit Lindseys Gezappel im düsteren Konzertsaal überfordert sein, und sowieso, wer wie Lindsey mit sozialen Netzwerken großgeworden ist, wird dagegen wohl kaum angehen wollen.

Skyrim. Nicht im Ernst. Sie spielt tatsächlich Skyrim. Die Vocals kommen zwar vom Band, klar, schließlich ist der Song größtenteils im Computer entstanden, aber die Wirkung ist live noch majestätischer, noch größer, noch erhabener als man es sich vorstellen kann. Peter Hollens spricht zwar nur von der Leinwand, hat aber eine durchdringende Stimme, gegen die sogar Lindsey mit ihrer Violine recht klein scheint, füllte sie nicht den Raum mit dieser faszinierenden Melodie. Es ist der blanke Wahnsinn. Vermutlich folgte jetzt Elements, aber weiß das schon, nicht, dass ihre Lieder alle ähnlich klingen würden, aber wer achtet schon auf den Titel, gibt sich nicht dem Konzert hin, der Geige.

Skyrim

We found love, okay, ein bisschen störend, dass die Sängerinnen aus dem Video offenbar nicht den hilfsbedürftigen Menschen angehören, die Lindsey dort besucht hatte, perfekte Zähne blitzen beim Singen auf und die Sonne scheint auf eine ungewöhnlich reine Haut, sowas wäre nicht weiter aufgefallen, ginge es nicht um Menschenrechte, um die dritte Welt und die gute Sache, aber andererseits fällt es auch hier nicht auf, denn Lindseys Violine lenkt ganz stark ab, ganz stark geführt durch alle Höhen und Tiefen, die ihr auf der Bühne einfallen, plötzlich ist sie hier, plötzlich dort, plötzlich bleibt sie stehen und singt und plötzlich ist allen klar, dass dieses Lied der Situation in Kenia womöglich gerechter wird als viele andere Projekte. Lindsey strahlt und lächelt, aber nicht amerikanisch oder gestellt, sondern überraschend europäisch, niemand käme auf die Idee, ihr nicht zu glauben. Sie versprüht eine unfassbare Freude während sie tanzt und spielt und herumalbert, sie mag ein Profi sein an der Violine aber kein Profi auf der Bühne, nein, definitiv nicht, sie wirkt jung und fröhlich und unverbraucht, ihr geht’s nicht ums Geld, sondern ums Prinzip und sie lebt ihren Traum, jeden Tag.

Found love in a whole new place

Jetzt erzählt sie von ihrer Jugend, boah, spiel endlich weiter, auch wenn du eine schöne Stimme hast, mit Violine bist du noch schöner, und Lindsey spielt, endlich, aber Moment, Lindsey spielt ernsthaft den Soundtrack von Lord of the Rings an. Nein, Mädchen, nicht wirklich, das traust du dich nicht, nicht Herr der Ringe, was du gerade anfasst ist noch heiliger als deine Violine, das kannst du nicht machen. Lindsey kann es allerdings doch und tatsächlich hervorragend. Diese fantastische Version des Originals kommt ohne Dubstep aus, komplett ohne störende Einflüsse, die J. R. R. Tolkien nicht würdig wären. Plötzlich singt Lindsey, seit wann kann sie singen, die Frau ist ja der Wahnsinn, der Wahnsinn, das ist unglaublich.

Haende

Es wird immer besser, A Good Feeling, Zi-Zi’s Journey, Crystallize, Transcendence, alle drängen auf die Tanzfläche in der Mitte, wir ein bisschen drin, es ist unfassbar, trotz Skrillex war ich Dubstep gegenüber immer ein bisschen skeptisch, aber das hier ist kein Dubstep, das hier ist Kunst, das ist fantastisch, unbeschreiblich, tatsächlich der Wahnsinn, weil die Worte nicht beschreiben können, wie gut es ist, wie großartig. Die Augen sehen sich nicht satt am Spiel der Farben und die Ohren werden sowieso immer hungrig bleiben, verlangen nach mehr, immer mehr.

Eigentlich vollkommener Schwachsinn, mit Gehörschutz auf so ein Konzert zu gehen, selbst wenn wir danach taub und zerstört wären, es wäre es wert, es wäre das letzte, was wir auf dieser Welt gehört hätten, es wäre in Ordnung.

Cristallize

Schon vorbei, schon 22 Uhr? Du kannst jetzt nicht gehen, nein, bleib noch ein bisschen, spiel noch etwas, irgendetwas, aber spiel etwas, ganz egal was, witzigerweise klingt die niederländische Entsprechung des deutschen Wortes Zugabe ganz ähnlich, wir fallen gar nicht groß auf, umso besser, nichts tut sich auf der Bühne, die ersten drehen sich schon um in Richtung Ausgang, wir sehen in traurige Gesichter, auf der Bühne zuckt etwas, nein, doch nicht, doch, Lindsey kommt zurück, trägt eine schwarze Maske, sie wird das Phantom der Oper spielen, es gibt kein Halten mehr, sogar die beiden Rollstuhlfahrer ganz hinten lassen sich hochheben, wollen das sehen, das sich nicht beschreiben lässt, weil es dafür einfach keine Worte mehr gibt, jedenfalls keine, die sich hier schreiben ließen, ohne dass ich mich für die Untertreibungen schämen müsste, es ist fantastisch, wir verlassen die Tanzfläche, aber nicht in Richtung Ausgang, sondern steil nach oben, wir stehen nicht mehr, wir tanzen nicht mehr, wir fliegen, wir alle, fünfhundert Menschen, alle sind eins, alle zusammen. Das Phantom der Oper raubt unsere schwarzen Seelen, wir sind dankbar, willenlos ergeben ob dieser Klänge, ein letztes Mal spielt das Schlagzeug auf und der Bass schießt uns endgültig in andere Sphären, hinüber ins Jenseits, wir wollen gar nicht zurück, wir wollen verbleiben in der Ewigkeit, wenn doch nur dieser Abend niemals endete!

Phantom of the opera

Es ist vorbei, aus und vorbei, mit zitternden Knien stehen wir vor der Garderobe, jetzt nur schnell nach Hause, die Zeit drängt, wir können kaum stehen, vielleicht stehen wir auch nicht, vielleicht fliegen wir noch, so genau weiß man das nicht, brauchen noch eine Pause, sind noch lange nicht fahrtüchtig und hingen spätestens in der Zollkontrolle an der Grenze fest. Keiner will so richtig gehen, jedenfalls nicht alleine, ungefähr alle Kerle stehen auf Lindsey und mindestens die Hälfte der Frauen auch, aber schade, es gibt nicht mal Autogramme.

Es geht hinaus in die Kälte, in die reale Welt, die plötzlich so unglaublich irreal scheint, wieder rein, schließlich müssen wir irgendwie in die Tiefgarage. Der Automat möchte 13 Euro von mir, das ist beinahe so teuer wie die Eintrittskarte, nächstes Mal kommen wir mit dem Rad, so wie es sich hier gehört.

Die Rückfahrt bleibt unspektakulär, ich habe das McDonald’s-WiFi-Netzwerk kurz angefasst, um mir ungefähr alle Songs herunterzuladen, die ich noch nicht hatte, spiele Lindsey rauf und runter. An der Grenze interessiert sich niemand für mich, hier gibt es längst keine Grenzkontrollen mehr, nur noch einen Stützpunkt der Bundespolizei, abgetrennt von der Schutzplanke.

Dafür wartet der Zoll in der Nähe von Oldenburg auf mich. Schon auf der Hinfahrt wartete dort ein Fahrzeug mit eingeschalteter Warnblinkanlage, aber dieses Mal in der Dunkelheit vermute ich einen Unfall und wechsle die Fahrspur, schließlich weiß man ja nicht, ob gleich jemand aus dem Auto auf die Fahrbahn hüpft, um das Dreieck aufzustellen, gleich danach geht’s aber hart rechts herum in die Ausfahrt und gezwungenermaßen überfahre ich eine dicke durchgezogene Linie, während im Rückspiegel kurz die Lichter des mutmaßlichen Pannenfahrzeuges flackern, weil gerade der Motor eingeschaltet wurde. Auf der nächsten Autobahn werde ich überholt, jemand leuchtet mit der Taschenlampe ins Auto, ich überlege noch, mit meiner dicken Maglite zurückzuleuchten, bin mir aber nicht sicher, ob der Zoll solche Späßchen versteht, denn mittlerweile kann ich ja lesen, was dort am Fahrzeug steht. Klar, dass ich jetzt die rote Leuchtschrift bekomme „Zoll, bitte folgen“, ich bestätige kurz mit einer Lichthupe, dass ich verstanden habe, das entspannt die Situation schon mal, denn unheimlich viele Idioten kapieren überhaupt nicht, was zu tun ist oder bleiben direkt mitten auf der Autobahn stehen.

Wir fahren eine Weile durch Oldenburg, bis die Beamten einen schönen Platz zur Kontrolle gefunden haben, ich zerre schon mal den Ausweis raus, Führerschein und Fahrzeugpapiere sind beim Zoll vermutlich nicht von Interesse, Fenster öffnen und Licht einschalten, man kennt das ja. Freundlich quassle ich los, dass ich aus den Niederlanden komme, aus Groningen, von einem Konzert, der Beamte am Fenster wird mit jedem Wort hellhöriger, drei Volltreffer, die ausführliche Kontrolle ist natürlich gebucht. Sein Kollege leuchtet währenddessen von der anderen ins Auto und im gefällt nicht so richtig, was er da sieht, leere Getränkeflaschen ergeben zusammen mit leeren Plastiktüten, Netzwerkkabeln, einem Spannungskonverter zum Laden des MacBooks und allerhand Merkwürdigkeiten ein Bild, was wohl in das Schema der gesuchten Zielperson passt.

Gut, ich steige aus, öffne den Kofferraum, zu sehen gibt es meine Kameraausrüstung, das Mittagessen von gestern, mittlerweile, wie ich stolz ob meines tollen Witzes erwähne, sicherlich was mit Pilzen, haha, der Beamte lacht gequält, dann fällt sein Blick auf meinen Wäschesack. Nur zu, animiere ich ihn, die Wäsche sei frisch gewaschen, da ist nichts besonderes drin außer dem Bettbezug, es gibt nichts schlimmeres als das Bett noch beziehen zu müssen, wenn man abends nach Hause kommt und ins Bett steigen will.

Die beiden Beamten beratschlagen, ob sie mir glauben sollen, fragen noch mal nach Zigaretten oder ähnlichen Kram, aber ich rauche nicht, ich trinke höchstens zwei Mal im Jahr und dann auch nicht so doll, ich bin gerade nur von einem geilen Konzert auf dem Weg nach Hause und unglaublich aufgedreht. Man attestiert mir, ich wäre entweder vollgepumpt mit Drogen, was aber nicht so richtig in Frage komme, weil ich dazu zu sicher stehe und keine Ausfallerscheinungen zeige, oder ein grundsätzliches Problem hätte, denn so viel Fröhlichkeit und so viele schlechte Witze habe man schön länger nicht erlebt. Womöglich wirkt die Vorstellung abschreckend, meine Wäsche könnte eventuell doch nicht gewaschen sein, zumindest ist die Kontrolle plötzlich vorbei, man lässt mich weiterfahren.

Im Nachhinein ist mir vollkommen unverständlich, wie mich die Beiden weiterfahren lassen konnten. Ich war so unfassbar gut gelaunt und redselig zu dieser unnormalen Uhrzeit, dass bei den Beamten sämtliche roten Lichter hätten leuchten müssen, ich konnte vor Begeisterung über das Konzert gar nicht so richtig stillstehen, zeigte mit dem Finger überall ins Auto, dass ich dort keine Drogen versteckt hatte, und stimmte mit einem der Beamten überein, dass man bei mir wohl nichts machen könnte. So einen wie mich hätte ich gleich mit zur Drogenkontrolle geschleppt. Aber vielleicht bin ich ja doch ein ganz sympathischer Mensch, wenn ich gut drauf bin — oder ich hatte einfach auf jede Frage eine einigermaßen plausible Antwort.

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